Knapp 200 Jahre nach dem Tod Johann Hieronymus Schroeters ist der Verbleib seiner Nachfahren geklärt Unbekannte Familienbande

Lilienthal. Harald Kühn spricht nicht gerne über einen Menschen, wenn er dessen Bild nicht vor Augen hat. Darum lehnt ein Gemälde von Johann Hieronymus Schroeter (1745-1816) neben ihm. Allerdings saß der einstige Lilienthaler Oberamtmann dafür nie Modell. Gemalt wurde es nach einem Kupferstich, dem einzigen Bildnis, das laut Kühn von Schroeter bekannt ist. Wie mögliche andere Porträts ging auch das Wissen um Schroeters Familie im Dunkel der Geschichte verloren. Bis Anfang Juni. Da klingelte am Heimatmuseum eine Frau und stellte sich als Nachfahrin des "wohl bedeutendsten Bürgers" (Kühn) der Gemeinde vor - fast 200 Jahre nach dessen Tod.
09.07.2011, 05:00
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Unbekannte Familienbande
Von Undine Zeidler

Lilienthal. Harald Kühn spricht nicht gerne über einen Menschen, wenn er dessen Bild nicht vor Augen hat. Darum lehnt ein Gemälde von Johann Hieronymus Schroeter (1745-1816) neben ihm. Allerdings saß der einstige Lilienthaler Oberamtmann dafür nie Modell. Gemalt wurde es nach einem Kupferstich, dem einzigen Bildnis, das laut Kühn von Schroeter bekannt ist. Wie mögliche andere Porträts ging auch das Wissen um Schroeters Familie im Dunkel der Geschichte verloren. Bis Anfang Juni. Da klingelte am Heimatmuseum eine Frau und stellte sich als Nachfahrin des "wohl bedeutendsten Bürgers" (Kühn) der Gemeinde vor - fast 200 Jahre nach dessen Tod.

Heide Bittner vermochte, offene Fragen der Lilienthaler Geschichte zu beantworten, über die die Heimatforscher schon vor Langem gedacht hatten: "Zu den Akten, das bekommen wir sowieso nicht raus", so Hilmar Kohlmann vom Vorstand des Heimatvereins. Jenes Quantum Glück, das ihnen in Person von Heide Bittner vor der Tür stand, war nicht zu planen.

Aus Sanitz bei Rostock war die Frau angereist, um die Heimat des Urahnen zu sehen und rupfte laut Kühn an dessen Grab spontan Unkraut. Im Internet hatte Bittner zuvor den Heimatverein ausfindig gemacht. Von ihm wollte sie Neues über den Vorfahren hören, und sie brachte Informationen mit: Einen durchgängigen Stammbaum der Schroeter-Linie bis heute und Fotografien von Schroeters Enkel Wilhelm Schroeter sowie der Ururenkelin Johanna Auguste Timpe. Wie einen Schatz breitet Kühn alles auf dem Tisch im Heimatmuseum aus.

Fast atemlos wirkt er, wenn er dann über Johann Hieronymus Schroeter spricht - zunächst im Exkurs durch Bekanntes: In Erfurt geboren, kam Schroeter 1782 als Oberamtmann nach Lilienthal. "Seine große Leidenschaft gehörte schon damals der Astronomie." 1793 ließ Schroeter im Amtsgarten die größte Sternwarte des europäischen Kontinents aufbauen, wurde laut Kühn zum "größten Mondforscher seiner Zeit". Namhafte Astronomen wie Heinrich Wilhelm Olbers oder Friedrich Wilhelm Herschel zählten zu Schroeters Freunden - nachzulesen in den Büchern von Dieter Gerdes.

Ebenfalls bekannt war nach Kühns Ausführungen, dass Schroeter mit seiner 13 Jahre älteren Schwester zwar in einem Haus zusammenlebte, er aber mit der Bauerntochter Ahlke Lankenau aus St. Jürgen einen Sohn zeugte. Johann Friedrich Lankenau wurde am 11. Juni 1786 in Oberende geboren. Bilder von ihm sind bis heute nicht aufgetaucht, und der Heimatverein fragte sich: "Was ist aus der Familie geworden?"

"Aus damaliger Sicht etwas ungewöhnlich", nennt Kühn die Familienbande des Oberamtmanns: Mit Lankenau nicht verheiratet, aber nach eigenen Worten "in einer wenngleich nicht gesetzmäßigen, doch wahren, auf zeitlebens eingegangenen christlichen Ehe". Und was die Heimatforscher bis dahin vermutet hatten, sahen sie vor wenigen Tagen mit eigenen Augen im Kirchenbuch St. Jürgen: Schroeter hatte den Sohn adoptiert und fortan trug auch er den Namen Schroeter.

Der Vater ließ ihm eine Ausbildung zum Juristen angedeihen. Pikant daran: Um 1810, zur Zeit ihrer Besetzung Lilienthals, setzten die Franzosen Johann Hieronymus Schroeter als Oberamtmann ab. Sein Sohn Johann Friedrich wurde neuer Verwaltungschef im "Canton Lilienthal". Harald Kühn seufzt: "Was das in der Familie Schroeter bedeutete, kann man nur ahnen."

1816 starb Oberamtmann Schroeter. Ein Jahr später zog Sohn Johann Friedrich mit seiner Frau Charlotte, einer geborenen Kirchhof, nach Burgdorf bei Hannover und am 1. Dezember 1818 wurde in Dachtmissen Wilhelm Schroeter geboren. Kühn tippt aufgeregt auf ein Blatt in alter Schrift. Laut beglaubigter Kopie aus dem Geburts- und Taufbuch der Gemeinde Burgdorf war Wilhelm Olbers einer der Taufpaten des Säuglings.

Aus dem "oe" wird ein "ö"

Weiter marschiert Harald Kühn durch die Schroetersche Familiengeschichte. Er zeigt eine Fotografie des nunmehr betagten Wilhelms und zupft aus einer Klarsichthülle eine kopierte Seite aus dem Grasberger Geburts- und Taufbuch heraus. Dort steht, dass Wilhelm Schroeters Tochter Amalie Elisabeth am 19. Dezember 1849 in Adolphsdorf zur Welt kam. Über den Vater verrät die Schrift: Wilhelm Schroeter ist "Besitzer der Windmühle zu Adolphsdorf". Die hatte Oberamtmann Johann Hieronymus Schroeter errichten lassen, und zwar auf der 1803 gekauften Hofstelle Nr. 1.

"Man blättert ja nicht alle Bücher durch, wenn man keine Fakten hat", kommentiert Kühn dieses Geheimnis vor der Haustür. Durch Heide Bittners Material auf die Grasberg-Adolphsdorf-Spur gestoßen, studierten die Lilienthaler Heimatforscher jüngst das Grasberger Familienbuch und die Adolphsdorfer Chronik - beide lieferten Hinweise auf Wilhelm Schroeter und sogar eine Fotografie der Mühle. Mit Amalie Elisabeths Hochzeit ging der Name Schroeter verloren.

Doch ihre Tochter Johanna Auguste Timpe heiratete in zweiter Ehe einen Mann namens Schröder. Der adoptierte ihren Sohn aus erster Ehe und machte dadurch Heide Bittner zu einer geborenen Schröder - wenn auch mit "ö" statt mit "oe" und mit einem "d" statt "t" wie beim Urahnen.

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