Kunsthistoriker Rainer B. Schossig berichtet über die Odyssee Bremer Beutekunst Ungewisse Rückkehr

Von Jelena-Katherina Sander
08.02.2011, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste

Von Jelena-Katherina Sander

Osterholz-Scharmbeck. Die Idee zum Vortrag entstand laut Jens Welsch vom Kunstverein Osterholz vor drei Jahren: Das Thema ist nach der jüngsten Rückgabeforderung der Nofretete nach Ägypten wieder hoch aktuell und stieß auf reges Interesse beim Publikum. Rainer B. Schossig referierte unter dem Titel "Kunstwerke unterwegs" über Beutekunst und deren Restitution, also die Rückgabe an den rechtmäßigen Besitzer.

Der Bremer Kunsthistoriker und Hörfunkjournalist beleuchtete das Thema in seinem gut eineinhalbstündigen Vortrag auf Gut Sandbeck an zwei Beispielen: Die Odyssee der Bremer Auslagerungskunst im Zweiten Weltkrieg sowie die umstrittene Restitution des Ernst-Ludwig-Kirchner-Gemäldes "Berliner Straßenszene".

In einem historischen Abriss erläuterte Schossig zunächst, dass Kunstwerke seit jeher nicht allein dem Schönen, Wahren und Guten verpflichtet, sondern auch Repräsentationsmittel für Macht, Wohlstand und kulturelle Überlegenheit waren. Seit der Antike galt daher in Kriegszeiten der Raub von Kunstschätzen als besondere Erniedrigung des Feindes. Vom Perserkönig Xerxes über Napoleon bis zum Kunstraub der Nationalsozialisten zeigte der Referent auf, dass sich dieses Verständnis in die jüngste Geschichte zurückverfolgen lässt und bis heute Nachwirkungen zeigt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein Teil der Bestände aus dem Kupferstichkabinett der Kunsthalle Bremen im Schloss Karnzow bei Kyritz in Brandenburg ausgelagert. Viktor Baldin, Architekt und Hauptmann der Roten Armee, fand dort in einem Keller kurz vor Kriegsende Zeichnungen von Dürer, van Gogh, Rembrandt, Veronese und Tizian und verbrachte 364 Blätter in die Sowjetunion. Später setzte er sich mit seiner Frau Julia für die Rückgabe der unschätzbar wertvollen Zeichnungen ein, zu der es aus politischen Gründen jedoch bis heute nicht kam.

Verhinderte Rückgabe

Der Referent erzählte lebhaft über die Motivation Baldins, dessen Witwe Schossig mehrmals in Moskau besuchte und die gemeinsamen Gespräche in einem Buch zusammenfasste. Auch erläuterte er ausführlich die politischen und juristischen Hintergründe (hauptsächlich ein völkerrechtswidriges Duma-Gesetz von 1997), die eine Rückgabe der Baldin-Sammlung an die Bremer Kunsthalle bis heute verhindern.

Anders stellt sich die als "Causa Kirchner" bekannte und 2006 erfolgte Restitution des expressionistischen Meisterwerks "Berliner Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner an die Erbin des ehemaligen jüdischen Besitzers dar. "Es war unklar, ob die völlig unerwartete Rückgabe rechtens war", so Schossig. Auf Druck der Gestapo wurde das Gemälde 1936 von den jüdischen Eigentümern an den Kölner Kunstverein übergeben und landete über Umwege im Berliner Brücke-Museum. 2006 gab der Berliner Kultursenator dem Herausgabeverlangen der Erbin statt. Nach der Rückgabe wurde das Werk vom Auktionshaus Christie´s in New York für 38,1 Millionen Dollar versteigert.

Rainer B. Schossig zeigte auch an diesem Beispiel die differenzierten Ansichten aller Beteiligten auf, zitierte aus den Rechtsgrundlagen der "Haager Landkriegsordnung" und der "Washingtoner Erklärung" und zeigte dem Publikum die moralischen und juristischen Schwierigkeiten eines allen Parteien gerecht werdenden Umgangs mit geraubten oder beschlagnahmten Kunstwerken auf. Abschließend formulierte Rainer B. Schossig: "Es geht bei der Rückgabe von Kunstwerken nicht um formaljuristische Haarspaltereien, sondern um ethische und geschichtsmoralische Grundsätze. Es ist eine Frage des menschlichen Anstands." Rainer B. Schossig: "Viktor Baldin. Der Mann mit dem Koffer: Die Odyssee der 1945 nach Moskau verbrachten Blätter der Kunsthalle Bremen".

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+