Unternehmer im Lockdown

Es gibt wieder Hoffnung

Nach den Beschlüssen der Bund-Länder-Konferenz sehnen Unternehmer aus der Region das Ende der Zwangsschließungen herbei. Einige äußern Kritik, ihnen fehlt ein Öffnungskonzept.
11.02.2021, 19:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Heeg

Tarmstedt. Endlich wieder in ihrem Beruf arbeiten zu dürfen, darauf freut sich die Friseurin Marissa Lux nach den jüngsten Beschlüssen der Bund-Länder-Konferenz. Die Wilstedterin musste ihren Salon am 16. Dezember wegen der Corona-Pandemie schließen und lebte seitdem vom Gehalt ihres Mannes, vom Verkauf von Pflegeprodukten und von ihrem Aushilfsjob beim Pizzadienst. Demnächst will sie auch noch in Hepstedt Kühe melken. Doch jetzt hat sie nach all den Wochen der Ungewissheit wieder eine Perspektive: „Am 2. März mache ich wieder auf.“

Darauf haben offensichtlich auch ihre Kunden gewartet, denn „hier gehen laufend Termine ein“, berichtet Marissa Lux, „das Buchungssystem läuft heiß“. Bis Mitte März sei sie bereits ausgebucht. Höchste Zeit, dass sie wieder Haare schneiden dürfe, meint sie, denn: „Ich bin gerade dabei, ein Darlehen aufzunehmen, weil meine Reserven aufgebraucht sind.“ Das Mitte Dezember beantragte Kurzarbeitergeld für ihre beiden Mitarbeiterinnen sei noch nicht da, also habe sie es vorgestreckt. Zudem warte sie noch auf die Januar-Hilfe. Beim Lockdown im Frühjahr sei das Staatsgeld schneller geflossen.

Der Hepstedter Gastwirt Klaus Blanken geht davon aus, dass er seinen Gasthof am 15. März unter Auflagen wieder öffnen darf. Doch sicher sei das nicht, von seinem Verband habe er noch nichts dazu gehört. Er musste seine Kneipe schon am 1. November schließen, und die Zeit seither habe er nur deshalb einigermaßen überstanden, weil er keine Pacht zahlen müsse für das Anwesen, das seit 1792 in Familienbesitz sei. Freitagabend und Sonntagmittag verkaufe er Speisen außer Haus, das helfe auch ein wenig.

Blanken betont, dass Infektionsschutz wichtig sei, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Doch hadert er mit der Regierung wegen der angeordneten Maßnahmen. Er glaube nicht, dass Gaststätten Pandemietreiber seien, „in den Supermärkten kommen viel mehr Leute zusammen“. Die Politik habe vor ihren Beschlüssen „nicht die Praktiker vor Ort gefragt“. Wie ernst er und seine Gäste den Infektionsschutz nehmen, erklärt er am Beispiel einer Geburtstagsfeier: „Bei uns wurde im Sommer ein 100-Mann-Geburtstag an zwei Tagen gefeiert, mit jeweils 50 Gästen und höchstens zehn Leuten pro Tisch und Namensliste.“

Lesen Sie auch

Wegen der ungewissen Aussichten trudelten nun schon wieder Absagen von Feiern ein, die voriges Jahr auf 2021 verschoben wurden. Konfirmationsfeiern seien kaum zu planen. „Letztes Jahr sind welche bis zu vier Mal verschoben worden“, sagt Blanken. Manchem Jugendlichen habe im Oktober der Anzug nicht mehr gepasst.

Beim Schuhhaus Otten in Tarmstedt geht man aktuell davon aus, dass der Lockdown für sie am 7. März endet. „Wir bekommen schon laufend neue Frühjahrsware herein“, sagt Christiane Allermann, die das vor mehr als 120 Jahren gegründete Geschäft mit ihrer Schwester Gabriele Reich betreibt. Seit Mitte Dezember habe kein Kunde den Laden betreten dürfen. Die Kunden hätten telefonisch bestellte Schuhe abgeholt und zu Hause anprobiert. Ab März dürften sich dann wieder maximal acht Kunden gleichzeitig im Geschäft aufhalten, das sehen die Abstandsregeln vor. Staatliche Hilfsgelder hätten sie bekommen, jedoch leider nicht so viel wie erhofft. „Die verlorenen Umsätze wurden bei Weitem nicht ausgeglichen“, sagt Christiane Allermann.

Volles Verständnis für eine wirksame Pandemiebekämpfung hat Andreas Uphoff, zusammen mit seiner Frau Inhaber der Gold- und Silberschmiede in Worpswede. Nicht verstehen könne er jedoch, dass er seit Mitte Dezember nicht einmal einen Kunden einzeln in sein Geschäft lassen darf. Dass er voraussichtlich am 8. März wieder öffnen darf, sei eine gute Perspektive. Voriges Jahr im Frühjahr seien sie trotz Lockdown ganz gut über die Runden gekommen. So gut, dass sie die 6000 Euro schwere Staatshilfe nach wenigen Tagen wieder zurückgezahlt hätten, „weil sich die Umsätze ganz gut gehalten haben“. Mittlerweile aber kämen pro Woche nur noch ganze drei Kunden, man zehre von den Reserven.

Carsten Meyer, Inhaber des Bekleidungsgeschäfts Platzhirsch in Lilienthal, ist nach der „Verlängerung des Lockdowns bis weit in den März hinein“ total sauer. Seinem Ärger macht er auf Facebook Luft, wo er unter anderem schreibt: „Drei Monate wird uns nun schon das Geschäftsmodell zerschossen. Dabei ist der Einzelhandel kein Hotspot – keiner unserer Mitarbeiter einschließlich Familien hatte seit März Corona, wir haben ein sicheres, funktionierendes Hygienekonzept, wir alle tragen auch ohne Zwang Masken zum Eigenschutz und zum Schutz der Kunden.“

Obwohl der Inzidenzwert im Landkreis Osterholz seit mehr als zwei Wochen unter 50 liege – aktuell um die 30 – müsse sein Geschäft weiter geschlossen bleiben. Und das bei laufenden Kosten für Miete, Strom, Heizung. Die Mitarbeiter seien in Kurzarbeit, bekämen derzeit nur 60 bis 65 Prozent des Gehalts, abhängig vom Familienstand, es bestehe eine Abnahmeverpflichtung der Frühjahrsware gegenüber den Lieferanten, denen ebenfalls „das Wasser Oberkante Unterlippe“ stehe. Es gebe keine Planbarkeit für die Unternehmen, da die Politik sich vorbehalte, drei Tage vor Ablauf der neu gesetzten Frist gegebenenfalls den Zielinzidenzwert abermals neu festzulegen. Das sei „Enteignung“, so Meyer. „Das ist, gelinde gesagt, eine Vorgehensweise, die man bisher nur von totalitären Systemen kennt und nicht von Demokratien.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+