Komponist Andreas Kleinert präsentiert beim Sommerkonzert sein geistliches Instrumentalwerk "Psalm 146" Uraufführung im Verdener Dom

Verden. Uraufführung auf der Westempore: Im Dom ließ Schulmusiker und Komponist Andreas Kleinert sein jüngstes Werk aus der Taufe heben, und mit der Wahl des Orchesters hatte er sich engagierter Paten versichert. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er die Sinfonietta Aller-Weser in einem begeisternden Sinfoniekonzert dirigiert, viele der Musiker erinnern sich gern an Konzerte der Verdener Kammermusikfreunde unter seinem Stab.
21.05.2011, 05:00
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Von Susanne Ehrlich

Verden. Uraufführung auf der Westempore: Im Dom ließ Schulmusiker und Komponist Andreas Kleinert sein jüngstes Werk aus der Taufe heben, und mit der Wahl des Orchesters hatte er sich engagierter Paten versichert. Bereits zwei Jahre zuvor hatte er die Sinfonietta Aller-Weser in einem begeisternden Sinfoniekonzert dirigiert, viele der Musiker erinnern sich gern an Konzerte der Verdener Kammermusikfreunde unter seinem Stab.

Für Kleinert, seit über 15 Jahren Studienrat an einem Göttinger Gymnasium, begann in Verden seinerzeit nicht nur die pädagogische, sondern auch die kompositorische Karriere, die seitdem in einem reichhaltigen Opus ihren Niederschlag fand. Der New Yorker Violinvirtuose Lewis Wong, der 2007 ein Violinwerk Kleinerts uraufführte und durch eine New Yorker Stiftung ermächtigt ist, Kompositionsaufträge zu vergeben, bestellte das jetzt erstmals erklingende Werk für Orgel, Violine und Orchester für sich und seine Orgelpartnerin, die mit erst 27 Jahren in den USA bereits hoch anerkannte Chelsea Chen.

Bevor Kleinert sein geistliches Instrumentalwerk "Psalm 146" präsentierte, spielten die in den USA als Wong-Chen-Duo erfolgreichen Gäste einige Stücke aus ihrem Repertoire. Das Arioso aus der Bachkantate 156 erklang in einer sehr weichen, romantisierten Fassung, die sich schwesterlich mit der überströmenden Harmonik der darauf folgenden Rheinberger-Suite verband. Die federleichte Virtuosität und bestechende Höhenbrillanz der Violine war umhüllt vom klaren, geradlinigen Orgelklang, der sich über weite Strecken zu orchesterhafter Opulenz steigerte.

Fernöstliche Pentatonik, anrührend zart und voller Geheimnis, erklang in den "Japanese Folksongs". Und "Spring Breeze" aus der Feder der jungen Orgelmeisterin war eine luftig heitere Impression von lebensbejahender Ausstrahlung. Als Glanzlicht des Duo-Programmes hob sich Prokofjews mit Leidenschaft und Brillanz musizierte Sonata in D heraus. Wongs Violine bewies mit ihren über kürzeste Distanzen erblühenden warmen Crescendi begeisternde Intensität. Die Fülle der innerhalb von Augenblicken wechselnden betörenden Klangfarben und Empfindungsnuancen zwang die Hörer in den Bann ungebrochener Spannung. Mit bildreich wirbeliger Lebendigkeit und überströmender Energie schwelgte die Orgel im Überfluss der wunderbaren melodischen und harmonischen Einfälle, die sich oft überraschend, bisweilen auch provozierend, immer jedoch begeisternd entfalteten.

Der zweite Teil des Programmes war Andreas Kleinerts spannender Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen des modernen Christentums gewidmet. Das Werk gliedert sich gleichsam in unterschiedliche Partitionen, die sich inhaltlich stark aufein-ander beziehen, formal jedoch im sehr frei wechselnden Einsatz unterschiedlichster Stil-, Form- und Klangelemente voneinander abgrenzen. Es fesselt durch sein eindrucksvolles Kontrastspiel zwischen spröder Tonreihung und inspirierter Melodik, zwischen Atonalität, erregend inszenierter Dissonanz und geradezu verstörend schöner Harmonik.

Leidenschaftlicher Diskurs

Meisterhaft verstand es Kleinert, die Sinfonietta Aller-Weser, die Orgel und die Solovioline miteinander in Bezug zu setzen. Man erlebte einen leidenschaftlichen Diskurs, in dem die Rollen des Fragenden, des Wissenden und des Versöhnenden immer wieder getauscht wurden. Die geradezu schmerzliche Intensität der engen Reibungen, die schwebenden Dissonanzen, die immer wieder wie durch Magnetnadeln in harmonische Wendungen gezogen wurden, die hinreißende Klarheit der über breite Phrasen zelebrierten solistischen Violinkantilenen, die konzentrierte Zuwendung und Einfühlsamkeit des Orchesters, das in seinen gelegentlichen wilden Eruptionen ebenso glänzte wie in seinen romantischen Einwürfen von edler sinfonischer Klangwucht - man wusste kaum, wie einem geschah und was da passierte - aber man wollte mitten darin sein.

Wüste Landschaften wurden innerhalb von Sekunden zu Visionen vom blühenden Paradies; der einzige schrille Ton der Geige, ein gequälter Schrei, wurde aufgefangen in der Wärme einer großen Orgel-Harmonie, und schließlich tasteten sich nach den Sternen greifende Arpeggien zum ersten Formen der Melodie "Du meine Seele singe". Der Text dieses Kirchenliedes ist Paul Gerhards Übertragung des 143. Psalms. Mit der Hinwendung zu diesem Glaubenszeugnis schlug Kleinert am Schluss eine tragfähige Brücke zu neuen authentischen Ausdrucksformen musikalischer Geistlichkeit, und in seinen durch die Stile und Zeiten wandelnden Choralvariationen wurde der uralte Psalm zugleich mit dem alten Choral jung und neu.

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