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Das Interview
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„Aufmerksamkeit ist der Schlüssel“

Lena Mysegades 15.05.2019 0 Kommentare

Ilka Beuss, Tanzlehrerin in fünfter Generation: Seit 1868 tanzen Menschen bei der Tanzlehrerfamilie Beuss in ganz Norddeutschland.
Ilka Beuss, Tanzlehrerin in fünfter Generation: Seit 1868 tanzen Menschen bei der Tanzlehrerfamilie Beuss in ganz Norddeutschland. (Beuss)

Die Abibälle stehen demnächst wieder in Niedersachsen an. Wie wichtig ist der Paartanz dort heutzutage noch? 

Ilka Beuss: Wichtig. Oftmals sprechen mich die Schulen an, ob ich zu diesem Anlass Kurse gebe. Nach Absprache mit den Schülern gebe ich dann gerne Abiballkurse.

Ihre Tanzschule hat eine lange Tradition. Seit 1868 tanzen Menschen bei der Tanzlehrerfamilie Beuss in ganz Norddeutschland. Mit dem Tanzen geht seither auch eine gewisse Etikette einher. Wie viel Wert legen Sie darauf, Benimmregeln an ihre Schüler zu vermitteln?

Bei uns ist es eine Tradition, bei den Jugend- und Schülerkursen freie Benimmregeln an die Teilnehmer weiterzugeben. Die Kurse sind für Schüler im Alter von 14 Jahren, ihre Konfirmation steht bevor und danach ein neuer Lebensabschnitt. Ich halte es für sehr wichtig, den Schülern ein gewisses „Know-how“ im Miteinander zu vermitteln, da diese Voraussetzung den Umgang in sämtlichen Lebensbereichen vereinfacht und den Schülern die Möglichkeit bietet, sich neue Türen zu öffnen für ihre Zukunft.

Wie läuft die richtige Kommunikation denn ab?

Das wichtigste Stichwort ist „Aufmerksamkeit“. Eine Grundregel lautet auch: „Ein Lächeln verbindet“. Dies gilt in jeder Situation – egal ob es beim Tanzen ums Auffordern geht oder in Alltagssituationen, um einen ersten Kontakt herzustellen. Denn früher wie heute bestehen Berührungsängste, nicht nur physisch, sondern auch bei der Kommunikation. Hier ist es wichtig, den Jugendlichen ihre Ängste und Hemmungen zu nehmen.

Heutzutage sind junge Frauen häufig emanzipierter als früher. Kommt es vor, dass die Mädels die Jungs zuerst auffordern?

Natürlich leben wir heute in einer Zeit der Gleichberechtigung. Dennoch ist beim Tanzen immer noch der gute alte Gentleman gefragt. Wenn dann die jungen Männer den ersten Schritt gemacht haben, geht es auch mal umgekehrt.

Welche Benimmregeln sind derzeit besonders en voque?

Höflichkeit ist heute wie früher modern. Und Höflichkeit geht gleichzeitig einher mit Aufmerksamkeit. Fettnäpfchen gibt es genug. Doch es geht nicht um ein striktes vornehmes Benehmen, sondern um ein positives Gesamtbild. Beim Ball sollte man darauf achten, die Dame aufzufordern und sie dann nach dem Tanz auch wieder zum Platz zu geleiten. Auf der Tanzfläche indes gibt es ebenfalls bestimmte Regeln. Dort geht es zu wie im Straßenverkehr – wer hinten ist, muss warten. Zudem sollte die Tanzhaltung an den Tanzverkehr angepasst werden. Heißt: Wenn viel los ist auf dem Parkett, darf die Tanzhaltung auch enger werden.

Was sind „No-Gos“ beim Benehmen?

Eine Dame oder einen Herren ohne das Einverständnis ihres/seiner Partnerin einfach „abzugreifen“. Außerdem gilt die Regel „Alles in Maßen“. Zu viel zu trinken, ist meistens auch keine gute Idee, weil angetrunkene Herren dann häufig zu forsch werden. Dennoch, ich muss nochmal betonen, dass es auf das gesamte Verhalten ankommt. Man kann also Dinge durchaus mit einem Schmunzeln hinnehmen und einen „Fehltritt“ durch eine nette Geste und/oder Gestik wieder aufheben, obwohl der erste Eindruck tatsächlich entscheidend ist.

Oftmals ist in den vergangenen Jahren von einer Verrohung der Gesellschaft die Rede. Erleben Sie das auch in ihren Tanzkursen?

Ja, ich habe häufig das Gefühl, dass es heute eine Ellenbogen-Gesellschaft gibt. Das hat viel mit beruflichem Druck zu tun – jeder ist sich selbst der Nächste. Damit einher geht auch eine zurückgehende Zivilcourage. Ein gutes Beispiel dafür aus meinem Unterricht war ein Schüler, der auf die Frage, ob man jemandem, dem es schlecht geht hilft, sagte: „Nein, das interessiert mich nicht.“ Er habe schließlich sein eigenes Leben. Dass so eine Aussage falsch ist, dafür möchte ich meine Schüler sensibilisieren.

Sie führen die Tanzschule in fünfter Generation, sind mit Tanzen und der damit verbundenen Etikette aufgewachsen. Inwieweit konnten Sie in Ihrem bisherigen Leben von beidem profitieren?

Tanzen macht frei. Man ist offener und viel lockerer gegenüber Menschen. Sich zu bewegen, ist für mich eine Art der Freiheit. Zudem macht die Sportart auch selbstbewusster. Von gutem Benehmen, wie ich es von meinem Elternhaus erlernt habe, konnte ich auch schon sehr profitieren. Doch ich habe von meinen Eltern auch gelernt, dass man eben kein oberkorrektes Benehmen an den Tag legen muss. Denn wer zu viel Wert darauf legt, erscheint oftmals arrogant, weil er sich so von anderen abheben möchte. Das hätte Freiherr von Knigge nämlich niemals gewollt. Ihm ging es mit seiner Aufklärungsschrift  „Über den Umgang mit Menschen“ um soziologische Werte wie Wertschätzung, Respekt, Anerkennung und eben auch den Kern dieser Attribute: Aufmerksamkeit.

Erleben Sie es oft, dass sich durch die Tanzkurse Beziehungen bilden?

Ja, bei den Jugendkursen erlebe ich das oft. Bei der etwas älteren Generation kommen viele natürlich schon in Paaren. Es gibt aber auch Anfragen von einzelnen Herren und Damen, die den Wunsch nach einem Tanzpartner beziehungsweise einer Tanzpartnerin äußern. Da habe ich es auch schon erlebt, dass Beziehungen entstanden sind oder gute Freundschaften.

Wie verschaffen Sie sich die Aufmerksamkeit der Jugendlichen?

Indem ich den jungen Menschen auf Augenhöhe begegne und nicht als Übermensch vor ihnen stehe. Ich versuche, die Jugend abzuholen und mitzunehmen und sie in ihrer individuellen Entwicklung zu unterstützen. Dabei ist es mir wichtig, im Unterricht nie tierisch ernst und steif vorzugehen, sondern mit einer gehörigen Portion Humor den Unterricht in lockerer Atmosphäre zu gestalten. Niemand ist perfekt und muss es auch gar nicht sein. Jeder hat seine eigene Entwicklung und ein gutes Gefühl, was zwischen den Tanzpartnern, aber auch generell beim Tanzen in der Gemeinschaft entstehen soll, ist hierbei sehr wichtig.

Das Gespräch führte Lena Mysegades 

Zur Person

Ilka Beuss

ist Tanzlehrerin in fünfter Generation. Sie ist mit dem Tanzen und der damit verbundenen Etikette aufgewachsen. Benehmen ist ihr wichtig, doch sie bringt ihren Schülern keineswegs ein ober-korrektes Verhalten bei. Vielmehr geht es ihr darum, ihnen die richtige Portion Aufmerksamkeit mit auf den Weg zu geben.


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Leserkommentare
alterwaller am 22.10.2019 10:39
Da sollen also die, die sich Privatschule nicht leisten können die Schulen der "FDP-Klientel" pampern ? Passt zu Bremen und der Partei.
Neal am 22.10.2019 10:36
Parken und fahren wie es dem/der Fahrer/in gerade in den Sinn kommt, ist ja nicht nur zum Freimarkt ein Problem.
Wir brauchen a) eine besser ...