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Leerstand in der Verdener Innenstadt?

Josefine Freese 10.06.2018 1 Kommentar

Dieses leerstehende Geschäft in den Großen Straße hat bereits seit längerer Zeit keinen Mieter mehr. Die Schaufensterscheibe wird für Plakate und Ankündigungen genutzt.
Dieses leerstehende Geschäft in der Großen Straße hat bereits seit längerer Zeit keinen Mieter mehr. (Strangmann)

Mehr als 15 leer stehende Geschäfte, alleine zwischen Lugenstein und Blumenwisch in der Verdener Fußgängerzone. Viele Läden hatten eine lange Tradition, doch diese sieht man ihnen nicht mehr an. Schaufenster sind von innen mit Papier zugeklebt, und von außen wurden Plakate befestigt, die kommende Veranstaltungen ankündigen sollen. Aber nicht hinter all dem Papier sieht es trostlos aus. Es tut sich was in Verden.

Aktuell ist der Leerstand wieder rückläufig, neue Geschäfte haben eröffnet. Darüber freut sich auch Carmen Witte, Inhaberin des gleichnamigen Spielwarengeschäftes. "Die Entwicklung ist positiv. Viele leer stehende Läden füllen sich wieder. Bewegung ist schon immer da, so ist das nun mal. Manche Sachen funktionieren einfach nicht." Anders ist das mit dem Wittekorb, den gibt es seit 24 Jahren. Kinder suchen sich vor ihrer Geburtstagsfeier Spielsachen aus und sammeln diese in einem Korb. Die Geburtstagsgäste können dann in das Geschäft kommen und eine Sache aus dem Korb aussuchen, die sie verschenken wollen, mit dem Wissen, dass das Geburtstagskind sich darüber freut.

Auch zwei junge Frauen aus Verden, die ihre Namen nicht nennen wollen, kommen noch gerne in die Innenstadt für ihre Erledigungen. "Ob für neue Schuhe, die vergessene Sonnencreme, ein Eis auf die Hand oder den Geschenkkorb bei Witte, eigentlich kann man in Verden alles kriegen", erzählen sie. Dass zwischendurch einige Geschäfte leer stehen, nehmen sie "nicht übermäßig wahr".

Verkäuferin empfindet Lage als schwierig

Anders sieht das Karina Bammann, Verkäuferin im Modefachgeschäft Kolossa. Sie empfindet die aktuelle Situation als weiter rückläufig und findet es schade um die leeren Läden in Top-Lage. Seit 80 Jahren gibt es Kolossa schon in Verden, und die Zeiten haben sich geändert. "Wir haben überwiegend Stammkunden, die wegen der guten Beratung immer wieder kommen. Viele Leute haben auch keine Lust, etwas im Internet zu bestellen, auf die Ware zu warten und es dann eventuell doch wieder zurückzuschicken. Wenn man direkt in den Laden geht, kann man die Sachen sehen und anfassen, man spart Lebenszeit und ist nach dem Kauf sofort glücklich und nicht erst Tage später, wenn das Paket da ist", so Bammann, die einige Kunden seit 15 Jahren kennt. "Die Kunden wollen bedient werden, da ist die persönliche Ebene sehr wichtig. Man muss emotional sein." Um Laufkundschaft in den Laden zu locken, planen sie regelmäßig diverse Aktionen, aber das reicht nicht. "Ein bisschen mehr Vielfalt in der Innenstadt, das wäre schön", sagt Bammann. 

Weniger auf Stammkunden setzt die Verdener Filiale Aktiv Sport- und Freizeitmode Olaf Heym. "Wir profitieren von den umliegenden Ketten wie Bijou Brigitte und Hunkemöller, dadurch kommt auch viel Laufkundschaft zu uns", berichtete Susanne Tielitz, Filialleiterin des Sportgeschäfts. Insgesamt ist sie zufrieden mit dem Treiben in der Innenstadt. Deutlich schwieriger sei es in Achim. Auch da hat das Sportgeschäft eine Filiale, für die es nicht so leicht sei. "Achim liegt zu nahe an Weserpark und Dodenhof, das macht den kleinen Läden in der Innenstadt zu schaffen. In Verden haben wir die Leute aus dem Umland, zum Beispiel aus Kirchlinteln und Dörverden, dadurch ist hier noch etwas mehr los", so Tielitz. "Positiv anzumerken ist auch, dass die Leute wieder versuchen, mehr im Ort zu kaufen, bevor sie im Internet bestellen. Selbst wenn wir die Sachen erst bestellen müssen, sind die Kunden bereit, ein paar Tage darauf zu warten. Das Bewusstsein für lokalen Handel hat sich wieder gebessert", berichtet die Filialleiterin. "Fahr nicht fort, Kauf im Ort!" – so wirbt Olaf Heym auf der Homepage seines Sportgeschäftes. Einen Onlineshop haben sie aber nicht, "der Teamsportbereich ist eher etwas Lokales", sagt Tielitz. 

Anke Böse, Inhaberin der Buchhandlung Vielseitig in Verden, ist der Internet-Entwicklung gegenüber offen: "Wir haben einen Online-Shop und der wird total viel genutzt. Das ist die Zukunft, damit muss man sich auseinandersetzen." Schade findet Sie allerdings trotzdem, dass durch den Onlinehandel die Laufkundschaft weniger wird, viele Sachen könne die Verdener Innenstadt einfach nicht abdecken. "Die Mietkosten für die Geschäfte sind zu hoch, sie stehen nicht im Verhältnis," sagt die Inhaberin. "Große Ketten können das stemmen, aber für Leute in der Existenzgründung ist es schwer. Lieber sollten die Mieten etwas gesenkt werden, damit sich kleine Läden etablieren können", so Böse weiter. Sehr aktiv sei der Kaufmännische Verein, in dem auch sie Mitglied sei, aber das passiere alles ehrenamtlich. Sie würde sich mehr Unterstützung von der Stadt wünschen. "Was hier fehlt, das ist ein professionelles Stadtmarketing!" 

Stadtmarketing heißt das Zauberwort

Dieser Meinung ist auch Harald Nienaber vom Kaufmännischen Verein Verden, der aktuell rund 100 Mitglieder zählt. "Professionelles Stadtmarketing ist unbedingt notwendig. Wir aus dem Kaufmännischen Verein machen das alles ehrenamtlich und können nicht noch mehr leisten." Viele Aktivitäten und Aktionstage werden vom Verein für Verden organisiert. Diese Veranstaltungen sollen das Image aufpolieren und Leute in die Stadt locken. Das gelinge soweit auch ganz gut, aber der Verein sei mit seinen Kapazitäten am Ende, so Nienaber. Zu den aktuellen Leerständen in der Innenstadt sagt Nienaber, dass schon Bewegung da sei. Geschäfte in gutem Zustand hätten keine Probleme, wieder Mieter zu finden, wenn die Miete angemessen sei. Durch entsprechende Mieten könne man die Lücken schnell wieder schließen, denn Anfragen seien sicherlich genug da. Wenn etwas länger leer stehe, dann liege es oftmals auch an der Immobilie, und die sei Sache der Eigentümer. "Wir können nur an die Eigentümer appellieren: Haltet eure Immobilien in Ordnung", so der Vorsitzende des Kaufmännischen Vereins. 

"Die Mieten kann auch die Stadt nicht beeinflussen", sagt Birgit Koröde von der Wirtschaftsförderung Verden. Die Mieten blieben Sache der Eigentümer. Die Stadt mache sich aber schon Gedanken, wie sie Geschäftsinhaber in der Existenzgründung unterstützen könne. Die Innenstädte stünden vor einer schwierigen Situation: Die Konkurrenz zu den großen Shopping-Centern und zum Onlinehandel sei groß. Was die Stadt machen könne, sei die Aufenthaltsqualität in der Fußgängerzone zu steigern. Durch Parkplätze, Barrierefreiheit, Bänke und Bepflanzungen würden die Besucher zu längerem Verweilen eingeladen. Dass sich große Ketten zu weit ausweiten und kleine inhabergeführte Läden vertreiben, das will die Stadt mit dem Einzelhandelskonzept verhindern. "Die Fußgängerzone steht als zentraler Versorgungsbereich unter besonderem Schutz, aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einer freien Marktwirtschaft leben." Den Wunsch des Kaufmännischen Vereins bezüglich eines professionellen Stadtmarketings zeigt Koröde sich offen. "Stadtmarketing ist in Verden vorhanden und wird auch schon seit langer Zeit betrieben, jedoch ist es bisher nicht ausgegliedert worden. Koröde interpretiert die Wünsche des Vereins so, dass dieser sich eine private  Gesellschaft für das Stadtmarketing wünscht. Aber das professionelle Stadtmarketing müsse genauer definiert werden: Welche Ziele sollen erreicht werden, welche Kosten entstehen dadurch und wer übernimmt diese. Das seien Fragen, die zwischen dem Verein und der Stadt besprochen werden müssten. "Denn es geht nur gemeinsam. Es finden regelmäßige Treffen mit beiden Parteien statt, da können gerne solche Forderungen gestellt werden."

"Verden hat ein gutes Umfeld."

Für das Stadtbild sind Leerstände ebenfalls nicht schön, findet Koröde. Zwischennutzungen wie zum Beispiel das Projekt von Arne von Brill, in dem Verdener Gesichter die leeren Schaufenster zierten (wir berichteten), seien eine Möglichkeit, dem entgegenzuwirken. 

Auch Dorota Darna aus Bremen lässt sich mit ihrem Geschäft "ScanKids – Skandinavische Kindermoden" zwischenzeitlich in Verden nieder. Ihr Hauptgeschäft haben sie und ihr Mann im Bremer Viertel. Jetzt sind sie für vier Wochen, noch bis zum Sonnabend, 23. Juni, in der Verdener Innenstadt vertreten. Sie kommen aus Bruchhausen-Vilsen und haben dieses Modell auch schon in anderen umliegenden Städten getestet. "Für uns ist es eine gute Gelegenheit, den Markt zu testen und neue Kunden zu gewinnen", so Darna. "Verden hat ein gutes Fundament und ein gutes Umfeld, Nienburg dagegen ist zu stark nach Hannover ausgerichtet." Sie ist der Meinung, dass sich das Gros im Einzelhandel bediene, aber es gebe eben auch Leute, die kämen in die Geschäfte, probierten die Kleidung an, nähmen Beratungszeit in Anspruch und bestellten dann die Ware im Internet. "So etwas macht die kleinen Läden kaputt." Die großen Ketten erdrücken die kleinen Läden mit ihrem riesigen Sortiment, so Darna. "Es war auch nicht leicht, in Verden einen passenden Laden für unser Vorhaben zu finden. Die Mieten, die viele Eigentümer für vier Wochen haben wollten, waren fernab der Realität." In der Großen Straße 81 haben sie nun aber Räumlichkeiten bis zum 23. Juni gefunden. Auch die Verdener könnten sich über dieses Modell freuen. So komme Leben und Abwechslung in die Fußgängerzone. Es tue sich also doch was in der Stadt. Wobei Wirtschaftsförderin Birgit Koröde sagt: "Jeder Verdener entscheidet durch sein Kaufverhalten selbst, wie es in fünf oder zehn Jahren mit seiner Innenstadt aussieht."

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Leserkommentare
onkelhenry am 19.10.2019 18:12
74 Jahre SPD!

Nirgendwo ist die Kluft zwischen arm und reich größer.
Schlechte Wirtschaft, schlechte Bildung ... von vielen ...
peteris am 19.10.2019 17:47
Das Affentheater geht also in die nächste Runde. ...