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Verden wird zum cineastischen Labor

Jörn Dirk Zweibrock 09.09.2018 0 Kommentare

Kinofans unter sich (von links): Karin Labinsky-Meyer, Arne von Brill, Christina Bührmann, Lutz Brockmann, Dörte Liebetruth und Jürgen Menzel.
Kinofans unter sich (von links): Karin Labinsky-Meyer, Arne von Brill, Christina Bührmann, Lutz Brockmann, Dörte Liebetruth und Jürgen Menzel. (fotos: Michael Braunschädel)

Verden. Auf der Spüle liegen die letzten Geschirrtücher, im Stubenschrank fristen die verbliebenen Gläser ein karges Dasein und im verwaisten Taubenschlag riecht es noch immer nach den letzten Bewohnern. Die Erinnerungen an Omas Haus hat der junge Filmemacher Jannis A. Kiefer in seiner Kurzdoku "Ein Moment bei unserer Großmutter" verarbeitet. Mit dem Beitrag, der nach Auffassung der Jury "eine subtile Annäherung an die Themen Demenz und Verlust schafft", holt Kiefer den mit 1500 Euro dotierten Hauptpreis beim Verdener Kurzfilmfestival. Das Kommunalkino (Koki) hat den Filmsalat am Wochenende bereits zum zwölften Mal präsentiert.

Ron Jäger ist der Publikumsliebling

Auch Maximilian Bechts bildgewaltiger Polit-Thriller "Zorn dem Volke" und Johannes Bachmanns alberne Comedy "Einfach nicht machen ist Filme" haben die dreiköpfige Jury überzeugt, heimsen die beiden Förderpreise ein. "Das Wort ,albern' ist in der Jury-Begründung ausdrücklich positiv zu verstehen. Insofern ist die Preisentscheidung auch klares Plädoyer der Jury für die Albernheit", betont Juror Daniel Nocke (Drehbuch-Autor und Kurzfilm-Regisseur). Der Mitgliederpreis des Kommunalkinos geht hingegen an Margarita Aminevas dichtes Mutter-Tochter-Drama "Elisa". Für Jurorin Rosa Hannah Ziegler (Gewinnerin des Deutschen Kurzfilmpreises in Gold) "eine komplexe Dreierbeziehung zwischen zwei Figuren".

Preisträger der Herzen ist für das Verdener Kinopublikum, das dem Filmsalat in diesem Jahr einen Besucherrekord beschert hat, allerdings Ron Jäger. Der hat in seinem Drama "Wir müssen reden" komplett auf Sprache verzichtet, bedient sich in seinem Stummfilm lediglich Blicken, Gesten, Zeichen, Codes und Symbolen. Kurzum: Er reduziert seinen Beitrag, eine Vater-Sohn-Entfremdung, auf das Wesentliche. "Ein Film braucht nicht mehr. Kino ist den Gesichtern verpflichtet", findet der 1995 geborene Jäger. In diesem Fall sind es die Gesichter der Hauptdarsteller Andreas Klinger und Bjarne Meisel. Neben dem Holzrelief von Störtebeker – dem Verdener Oscar – geht Jägers Publikumspreis mit 500 Euro einher.

Bei der Preisverleihung im Verdener Lichtspielhaus Cine City strahlen mit dem anwesenden Stummfilmer auch die Preispaten aus der Politik – Dörte Liebetruth (Landtagsabgeordnete), Verdens Bürgermeister Lutz Brockmann und Werner Meincke (Vorsitzender des Verdener Kulturausschusses) – um die Wette. Und der Vorsitzende des Verdener Kommunalkinos (Koki), Jürgen Menzel, ist glücklich, dass der insgesamt zwölfte Filmsalat mit Fritz Weppers neuem Streifen "Grüner wird's nicht" am Freitagabend gleich so einen fulminanten Start hingelegt hat – vor ausverkauftem Haus versteht sich.

Kurzfilme sind wie Twitter

Beim Empfang zu Beginn des Kurzfilmfestivals mischt sich dann auch der Geschäftsführer des Film- und Medienbüros Niedersachsen, Bernd Wolter, unter die Gäste: "Der Kurzfilm ist zwar für viele Filmemacher eine Fingerübung, aber dennoch ein eigenes Genre." Die meisten großen Filmemacher hätten früher mit Kurzfilmen begonnen. Für Wolter ist dieses Genre eben der "klassische Einstieg ins Filmgeschäft". Zum "Inventar" des Festivals gehört inzwischen schon die frühere niedersächsische Frauenministerin Christina Bührmann. "Mein Mann war ja der Mitbegründer des Filmsalats", erinnert sie sich gern an die Anfänge des Kurzfilmfestivals in der Verdener Schauburg zurück. Und auch an eine lustige Anekdote mit Sigmar Gabriel, den sie damals, nach einem Auftritt in Verden, ganz spontan zum Festival eingeladen habe. "Der Kurzfilm ist ein Genre, das gepflegt werden muss, sonst läuft es Gefahr, hintenüber zu fallen", findet Christina Bührmann. Die Augen der stellvertretenden Landrätin Karin Labinsky-Meyer beginnen wie ein Stern auf dem Walk of Fame zu leuchten, wenn sie daran denkt, wie es die kleine Stadt Verden geschafft hat, ein Filmfestival von internationalem Ruf auf die Beine zu stellen. Was nicht zuletzt auch am Glamour der bekannten Berlinale-Moderatorin Eva-Maria Schneider-Reuter liegt, die das Publikum souverän durch den langen Kino-Tag führt. Weil Kurzfilme sofort auf den Punkt kommen müssen, vergleicht Karin Labinsky-Meyer dieses Genre übrigens gern mit Twitter. 

Apropos, wie sieht es eigentlich mit einer 13. Auflage des Filmsalats in zwei oder drei Jahren aus? "Der Landkreis Verden hat das Festival in diesem Jahr nicht mitgefördert. Das liegt an den bestehenden Kulturförderrichtlinien", spielt die Vize-Landrätin auf die frühen Antragsfristen an. "Unsere starren Förderrichtlinien bedürfen eben einer Überarbeitung", erklärt sie unter dem Applaus der Festival-Besucher.

Einer, ohne den der Filmsalat undenkbar gewesen wäre, ist der Leiter des Festivalbüros Arne von Brill. Total überdrehte Hollywood-Diven, die in sündhaft teuren Roben bei jeder Preisverleihung über den roten Teppich schreiten, können sich von ihm noch eine Scheibe abschneiden: Er stürmt nämlich ganz unprätentios die Bühne – barfuß.


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Leserkommentare
erschreckerbaer am 22.10.2019 21:34
Ist doch in Ordnung.
Bis jetzt habe ich 48 Jahre in die Rentenkasse eingezahlt.
Habe dafür Steuern bezahlt.
Würde ich mit 67 in ...
flutlicht am 22.10.2019 20:43
Lieber @Wk, wann hat Höffner denn nun die Fläche erworben? Mal schreiben Sie von 14 Jahren im Text und in der Einleitung von 11 Jahren. Was stimmt?