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Zwischen Witz und Peinlichkeit

Susanne Ehrlich 02.11.2018 0 Kommentare

Timo Wopp wechselt in seinem aktuellen Programm zwischen wirklich witzi­gen Mo­menten und Abgründen der Peinlichkeit.
Timo Wopp wechselt in seinem aktuellen Programm zwischen wirklich witzi­gen Mo­menten und Abgründen der Peinlichkeit. (Björn Hake)

Was ist der Unterschied zwischen Kaba­rett und Comedy? Der Comedian spricht über alles, der Kabarettist nur über die Dinge, über die es sich nachzudenken lohnt. Dabei wird es in der Comedy oft sehr intim – und leider manchmal ziem­lich unterirdisch. Timo Wopp machte da keine Ausnahme. Auf Einladung des Theaterbeirats ließ er das Publikum in der Stadthalle zwischen wirklich witzi­gen Mo­menten und Abgründen der Peinlichkeit, zwischen spitzfindigen Balan­ceakten der Provokation und nackter Respektlosig­keit Achterbahn fahren.

Nachdem sich Wopp ein bisschen warm gelaufen hatte, gab er richtig Gas. Er erklärte, dass er nur noch „abso­lutes Konsenskabarett“ machen wolle: „Keine Mei­nung, keine Haltung“. Zur Kontro­verse zwischen Rassismus oder Integra­tion frage er sich: „Kann denn nicht Raum für bei­des sein?“ Und was die Armutsdebatte betreffe, „täte es nicht noch viel mehr weh, wenn die Schere immer wei­ter zusam­menginge?“

Darüber philosophierend, was Ziel sei­ner satirischen Pfeile sein könne, verwarf er die Politik („Ich kann auf der Bühne ja gar nicht bescheuerter sein als alle Poli­tiker dieses Sommers“), bedauerte, dass Witze über Minderheiten nicht überall gut ankommen („Kabarett ohne Behin­dertenwitze – wie schwul ist das denn?“) und entdeckte als Shitstorm-si­chere Ni­sche die „Lebensmittel-Witze“. Er spöt­telte über Granny Smith versus Pink Lady im Apfelregal und zog eine wort­gewandte und ziemlich schlüpfrige Ba­nanen-Nummer ab.

Das Thema Tattoo-Witze erwies sich als sehr ergiebig – auch wenn man nur Witze über Minderheiten machen dürfe, zu denen man sich selbst zähle: Schwule über Schwule und FDP-ler über die FDP. Aber bei diesen Massen an Täto­wier­ten könne man nicht mehr von Min­der­heiten sprechen, außerdem seien diese „keine Opfergemeinschaft, sondern eine selbst gewählte Leidensgemein­schaft“ – ebenso wie Eltern. Und der „Trend zum dritten Kind“ werde schon bald genau wie das einst so beliebte Arschgeweih nicht mehr als cool gelten, sondern seine Follower zu Opfern ma­chen. Nun folgte das übliche mittelwit­zige Lamento über den tagtägli­chen Dauernerv, den Eltern zu ertragen hätten – gefolgt von dem Tipp, dass man diese Entscheidung durchaus rückgängig ma­chen könne: Einfach mal zum kleinen Elias sagen: „Wenn dir ein netter Mann Bonbons schenken will, dann steig ruhig in sein Auto ein!“

Witze über kindliche Nervensä­gen sind ja derzeit Mainstream in der Comedy-Szene, und sie fangen nun auch langsam an zu nerven. Denn, hallo Herr Wopp und Kollegen, jetzt kommt eine wichtige Info: Kinder sind gar nicht automatisch rücksichtslose Nervensä­gen! Es gibt eine Menge wundervoller Exemplare – näm­lich solche, deren Eltern sich Zeit neh­men, sich mit ihnen zu be­schäftigen, die sie ernst nehmen, Freude an ihnen haben und ihnen Grenzen setzen!

Vor der Pause zeigte Wopp dann noch, dass er nicht nur mit verbalen, sondern auch mit wirklichen Keulen jonglieren konnte, und das gefiel dem Publikum of­fenbar am allerbesten.

Die zweite Hälfte des Abends erreichte – wie Wopp auch selbst ankün­digte – „den Ma­riannengraben des Ni­veaus“. War die erste Nummer nur grotesk – es ging um die „neuen Titten“ seiner Frau, die „Customer-made“, also den Hand-Ab­drücken des Ehemanns angepasst wa­ren – so verlor sich der Comedian danach immer weiter in den Abgründen des schlechten Ge­schmacks. In seinem Sze­nario der „hei­ligen Familie“ malte er das Kind Jesus als unerträgliche Nervensäge und zog genüsslich über allerlei christli­che Überlieferungen her. Und das war unnötig und allemal respektlos. Wer in der Stadthalle ähnlich Süffisantes über jüdi­sche oder muslimische Über­zeugungen geäußert hätte, wäre – hof­fentlich – aus­gebuht worden! Es ist näm­lich so: Natürlich darf Satire alles – um den Finger in Wunden zu legen, um Widersprüche aufzu­zeigen, um Lügen zu entlarven. Aber das hier war einfach drauflos gespieen, wie wenn klein Fritz­chen sein ganzes Arsenal von schmutzi­gen Wörtern abfeuert, um die Oma zu ärgern.

Okay, Timo Wopp hat Ein­fälle, kann mit Worten umgehen, agiert mit Tempo und bringt das Publikum zum Lachen. Aber immer wieder sah man auch versteinerte Mienen – zu vieles war nicht einfach nur grenzwertig, sondern grenzenlos schlecht. Am Schluss kam noch einmal das Thema „Opfer“ zur Sprache. Es sei doch praktisch, dass sie ihr Trauma an­schließend vermarkten könnten, um reich und be­rühmt zu wer­den: Reinhold Messner mit seinen abge­frorenen Zehen, Natascha Kampusch mit ihrem Schicksal. „Ich wünsche mir des­halb ein eigenes Trauma: Ich möchte vergewal­tigt werden.“ Ja, das hat er wirk­lich ge­sagt. Und mehr noch: Es solle schon eine Frau sein, und jung und hübsch dazu. Er wolle nachts in einer dunklen Ecke des Bahnhofs warten: „Trauma kommt ja von Traum – viel­leicht geht mein Traum in Erfül­lung!“ 

Mit einer steifen, unehrlichen Political Correctness in Streit zu treten, ist aller Ehren wert. Aber das hier war verächt­lich, Bagatellisierung des Verbrechens, Schlag ins Gesicht aller betroffenen Frauen und zudem schmutzige Altmän­ner­phantasie, für die Wopp doch noch viel zu jung sein dürfte.


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...