Betreuer aus Lilienthal und anderen Orten lehnen Führungszeugnisse über pädophile Vergangenheit ab Vereine bezweifeln Nutzen des Dokuments

Lilienthal. Bisher ist es nur ein Vorschlag, doch in den Sportvereinen sorgt er schon jetzt für große Aufregung. In Berlin wird darüber diskutiert, ob zukünftig alle Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer ein Führungszeugnis vorlegen müssen, wollen sie im Bereich der Jugendarbeit tätig werden. Damit soll das Risiko sexueller Übergriffe auf Jungen und Mädchen minimiert werden. Vereine in Lilienthal und Umgebung bezweifeln indessen die Wirksamkeit des Dokuments und kritisieren die Idee als unnötige Gängelei der Helfer.
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Von UWE WICHERT

Lilienthal. Bisher ist es nur ein Vorschlag, doch in den Sportvereinen sorgt er schon jetzt für große Aufregung. In Berlin wird darüber diskutiert, ob zukünftig alle Mitarbeiter und ehrenamtlichen Helfer ein Führungszeugnis vorlegen müssen, wollen sie im Bereich der Jugendarbeit tätig werden. Damit soll das Risiko sexueller Übergriffe auf Jungen und Mädchen minimiert werden. Vereine in Lilienthal und Umgebung bezweifeln indessen die Wirksamkeit des Dokuments und kritisieren die Idee als unnötige Gängelei der Helfer.

Weil in den vergangenen Monaten fast täglich neue Missbrauchsfälle von Kindern und Jugendlichen in öffentlichen wie privaten Einrichtungen bekannt wurden, gründete die Bundesregierung einen Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch. Hier diskutieren Vertreter aus Politik, Kirche und Verbänden, wie Übergriffe in Zukunft verhindert werden können. Unter den Vorschlägen findet sich auch die Idee, jede Person, die in einem Sportverein Kontakt zu Minderjährigen hat, zuvor auf ihre pädophilen Neigungen zu überprüfen. Dafür soll jeder Mitarbeiter, bis hin zu den ehrenamtlich Tätigen, ein Führungszeugnis beim Bundeszentralregister anfordern und seinem Verein vorlegen.

Bereits seit dem ersten Mai gilt die Regelung, dass Arbeitgeber ein sogenanntes erweitertes Führungszeugnis vom Personal verlangen dürfen, das Auskunft über die individuelle Vorgeschichte gibt. Dazu gehören nicht nur Verurteilungen wegen schwerer Straftaten wie Vergewaltigung mit Todesfolge oder Sexueller Missbrauch von Kindern. Sondern auch weniger schwere Straftaten wie Verbreitung von Kinderpornographie oder exhibitionistische Handlungen, die bisher nicht im Führungszeugnis aufgeführt wurden.

Bei der rechtlichen Neuausrichtung handelt es sich allerdings um eine Kann- und nicht um eine Muss-Regelung. Sport- und Turnvereine bestimmen selbst, ob sie derartige Nachweise fordern. Der Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, die als Initiatorin des verschärften Gesetzes gilt, bleibt die Rolle der Mahnerin. 'Die Kinder- und Jugendarbeit ist ein besonders sensibler Bereich, den leider auch pädophil veranlagte Menschen gezielt als Arbeitsplatz auswählen', sagt die Politikerin. 'Jetzt kommt es darauf an, dass sich die betroffenen Arbeitgeber auch tatsächlich die erweiterten Führungszeugnisse vorlegen lassen.'

Einigen Vertretern am Runden Tisch ist das allerdings zu wenig. Viel lieber würden sie aus der Kann- eine Muss-Regelung machen und jede Person im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit zur Vorlage des Dokuments verpflichten - auch Übungsleiter und Ehrenamtliche. Sie müssten dann persönlich ihr Zeugnis bei der örtlichen Meldebehörde beantragen, 13 Euro dafür zahlen, es sich per Post schicken lassen und dem Verein vorlegen. Die Gültigkeit umfasst in der Regel einen Zeitraum von etwa drei Monaten, dann wäre ein aktualisierter Nachweis erforderlich.

'Wie sollen wir das denn leisten?', fragt sich Ulrich Meyer vom SV Lilienthal-Falkenberg. Im Verein ist er zuständig für die Jugendarbeit. 'Ich halte da gar nichts von, das wäre ein erheblicher Aufwand.' Die Dokumente müssten in regelmäßigen Abständen von den Kollegen eingefordert, registriert, abgeheftet und vor Einsicht Dritter sicher verwahrt werden. Dazu kommen die Mehrkosten, mit denen vor allem kleinere Vereine zu kämpfen hätten. Knapp 40 Kollegen engagieren sich im Club von Ulrich Meyer ehrenamtlich. Allein ihre Dokumente würden alle drei Monate rund 500 Euro kosten.

'Das ist eine zusätzliche Maßnahme, die nichts bringt', sagt er. 'Wir achten darauf, dass unsere Betreuer aus intakten Familien kommen, die man kennt - vor allem im Leistungsbereich arbeiten viele Leute, die seit Jahren im Verein sind.' Zeugnisse böten da kaum zusätzliche Sicherheit. Vielmehr baue man auf das Vier-Augen-Prinzip und setze immer einen Trainer und einen Assistenten ein. Die Kinder seien nie alleine mit einem Erwachsenen.

Ortsbrandmeister Andreas Hensel sieht die Gefahr, Leute zu verschrecken, die sich engagieren wollen, wenn man die Hürden zu hoch ansetzt. Zwar hätte er kein Problem mit dem Zeugnis, 'ich glaube aber nicht, dass wir so etwas brauchen.' Eher schon sollte man darüber nachdenken, die Anforderungen an die Jugendleiterkarte (Juleica) zu überprüfen, meint der Leiter der Freiwilligen Feuerwehr Lilienthal/Falkenberg.

Wolfgang Wenzel vom TC Lilienthal hält wenig von den Führungszeugnissen - genauer gesagt: Er hält sie für Blödsinn. 'Bei uns arbeiten nur Leute, die man gut kennt und denen man vertraut', erläutert der Vereinsvorsitzende. 'Ich halte Vorstände für so seriös, dass sie die richtigen Leute finden und eine gewissenhafte Auswahl treffen.' Wenn man von Mitarbeitern und ehrenamtlichen Helfern ein behördliches Attest über die Vergangenheit fordere, käme dies einem absoluten Misstrauensvotum gleich. 'Unsere Betreuer sind gewissenhafte Menschen, die sehr viel Zeit in die gute Entwicklung von Jugendlichen investieren.'

Käme es zu einer Zeugnispflicht, Wolfgang Wenzel würde sich zur Wehr setzen und Mitstreiter suchen. Er fürchtet die Pauschalverurteilung der im Kinder- und Jugendbereich tätigen Kollegen. Ehrenamtliche Helfer könnten verärgert reagieren und abspringen - die Vereine bekämen ein erhebliches Personalproblem. 'Kein Sportverein würde mehr funktionieren', sagt er. 'Und was ist mit Eltern, die andere Kinder zu Punktspielen mitnehmen - müssen die dann auch Führungszeugnisse vorlegen? Wo will man die Grenze ziehen?' Für den Vorsitzenden steht der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen. Den Vorschlag aus Berlin vergleicht Wolfgang Wenzel mit einer Schaufensterrede, die viel verspreche, aber wenig einlösen könne. 'Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht - man kann den Menschen ja nicht in die Köpfe gucken.'

Die Kritik zielt auf den wohl umstrittensten Aspekt der amtlichen Führungszeugnisse: ihre Aussagekraft. Der Deutsche Bundesjugendring, in dem zahlreiche Jugendverbände organisiert sind, fasst die Bedenken in einem Hintergrundpapier folgendermaßen zusammen: 'Nur ein sehr geringer Teil der Sexualdelikte wird überhaupt bekannt, ein noch geringerer Teil kommt zur Strafanzeige und noch geringer ist der Anteil der Verurteilungen.' Weiter heißt es: 'Auch das erweiterte Führungszeugnis verhindert nicht, dass Pädophile oder Pädosexuelle in der Kinder- und Jugendhilfe aktiv werden. Es verhindert nur, dass einschlägig Vorbestrafte in der Kinder- und Jugendhilfe aktiv werden.' Vereine erführen nur von den krassesten Fällen - die Mehrheit bliebe unentdeckt.

Ähnlich ablehnend stehen die Vereine TC Falkenberg, MTV Wilstedt und TSV Borgfeld der Zeugnispflicht gegenüber. Unverständnis und Aufregung über den Vorschlag aus Berlin ziehen sich durch ihre Reaktionen und Antworten. Was soll das bringen? Wer soll das bezahlen? Welche Ehrenamtlichen machen so etwas mit? Und dann stellen sie meist diese eine entscheidende Frage: Wie oft kommt es überhaupt zu sexuellen Übergriffen gegenüber Kindern und Jugendlichen in Sportvereinen? Eine gute Frage, denn es gibt keine belastbaren Zahlen oder Statistiken. Und so weiß eigentlich auch niemand, ob die Gefährdung in Turnvereinen größer ist als beispielsweise in elterlichen Wohnungen. Das Ausmaß sexueller Übergriffe ist eher ein gefühltes als ein nachgewiesenes.

Fachleute aus dem Bereich der Opferberatung führen das mangelhafte Datenmaterial vor allem auf die hohe Dunkelziffer im Bereich sexueller Gewalt zurück. Sie beklagen, dass ein Großteil der Taten aus Scham und Angst nicht zur Anzeige gebracht werden. Auch Rita Schilling von der Oldenburger Beratungsstelle Wildwasser, die sexuell missbrauchte Mädchen betreut, kann keine Zahlen nennen. Dann schildert sie den Fall eines Sportbetreuers, der wegen sexueller Übergriffe eine Strafe absaß, im Anschluss jedoch direkt in den Vorstand des Vereins zurückkehrte. Bis heute sei er dort tätig und niemand störe sich daran. 'Es ist ein Irrglaube, wenn Vereine oder Jugendorganisationen der Meinung sind, bei ihnen kann so etwas nicht passieren', sagt sie. 'Die Realität ist oft eine andere.' Häufig genössen die Täter ein hohes Ansehen im Club, was es den Opfern noch schwieriger mache, die Übergriffe öffentlich zu machen und zu verarbeiten.

Nur mit gutem Willen sei es nicht getan, betont Rita Schilling. Die Erfahrung habe gezeigt, dass gegenseitiges Vertrauen und Aufeinanderachten nicht genüge, um Kinder und Jugendliche zu schützen. 'Die Einführung einer Führungszeugnispflicht ist deshalb richtig, auch wenn sie nur eine von vielen erforderlichen Maßnahme ist.' Sie plädiert außerdem dafür, in der Jugendarbeit immer zwei Betreuer einzusetzen, am besten eine Frau und einen Mann. Wichtig sei auch die Schaffung einer zentralen Beschwerdestelle, an die sich der Nachwuchs wenden und bereits im Vorfeld eines Übergriffs Auffälligkeiten und merkwürdige Erlebnisse melden kann.

Dass man nicht in die Köpfe potenzieller Täter gucken kann, hält Rita Schilling von der Oldenburger Beratungsstelle Wildwasser für ein Totschlagargument. 'So könnte man fast jede Präventionsmaßnahme als sinnlos darstellen.' Für sie hat Opferschutz immer Vorrang, auch wenn er mit mehr Aufwand und Kosten verbunden sei. Und diese wären enorm. Laut Badischem Sportbund gibt es in Deutschland rund 7,5 Millionen Freiwillige, die in 90000 Sportvereinen jährlich mehr als 500 Millionen Stunden ehrenamtliche Arbeit leisten. Würde sich der umstrittene Vorschlag am Runden Tisch durchsetzen und würde es zur Zeugnispflicht kommen, müssten fast 100000 Millionen Euro allein für Dokumente ausgegeben werden.

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