Ilyas Yanc informiert Eltern, Lehrer und Interessierte über das Yezidentum / Religiöse Minderheit zwischen Tradition und Moderne Verfolgung in der Heimat - Vorurteile im Ausland

Grasberg. Integration ist in Grasberg ein großes Thema, es gibt viele Ansätze, das Zusammenleben im Ort zu fördern. Nicht nur das Bündnis für Familien schafft immer wieder Möglichkeiten, den Nachbarn besser kennenzulernen. Nun hatte die Findorffschule zum Informationsabend geladen. Ilyas Yanc aus Oldenburg sprach vor Eltern, Lehrern und Bürgern unterschiedlicher Herkunft über das Yezidentum.
09.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sandra Binkenstein

Grasberg. Integration ist in Grasberg ein großes Thema, es gibt viele Ansätze, das Zusammenleben im Ort zu fördern. Nicht nur das Bündnis für Familien schafft immer wieder Möglichkeiten, den Nachbarn besser kennenzulernen. Nun hatte die Findorffschule zum Informationsabend geladen. Ilyas Yanc aus Oldenburg sprach vor Eltern, Lehrern und Bürgern unterschiedlicher Herkunft über das Yezidentum.

Etwa zehn Prozent der Schüler der Haupt- und Realschule haben einen Migrationshintergrund. Ob sie nun yezidische Kurden, kurdische Deutsche, deutsche oder kurdische Yeziden sind, wissen weder die Schüler, noch die Lehrer so genau. Tatsächlich gibt es keine Formel, die einfach angewandt für Klarheit sorgt. Vielleicht sollten Lehrer und Eltern zusammen mit den Kinder und Jugendlichen erforschen, was es mit ihrer Herkunft auf sich hat, rät Ilyas Yanc. Der Sozialassistent und Erzieher ist Yezide und lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Sein Anliegen sei es, Vorurteile zu korrigieren.

Das Yezidentum ist eine monotheistische Religion, die in vorchristlicher Zeit im Zweistromland entstanden ist, erklärt Yanc. Das bedeutet, dass die Yeziden nur einen Gott anbeten, ähnlich wie die Moslems oder Christen. Auch der Islam und das Christentum sind zwischen Euphrat und Tigris entstanden - es gibt viele Ähnlichkeiten. Interessant ist, dass die Yeziden keinen negativen Gegenpol zum allmächtigen Gott kennen. Es gebe keine "schlechte Kraft", sagt Yanc, und ein Yezide kenne auch keinen Begriff dafür, was auch besser sei, da es sich nicht gehöre, ein solches Wort in den Mund zu nehmen. Yanc erklärt das, ohne auch nur ein Mal das Wort "Teufel" auszusprechen.

Von der Herkunft her sind Yeziden Kurden. Es gibt sie in der Türkei, im Irak, wo auch das religiöse Zentrum der Religionsgemeinschaft liegt, in Syrien, Georgien und in Armenien. Dass es auch in Deutschland Yeziden gibt, hat einen einfachen Grund: "Sie sind hier, weil sie Angst um ihr Leben haben", erklärt der Referent. Auch seine Eltern sind mit ihm zusammen aus der Türkei geflohen. Yeziden leiden unter Verfolgung. Genaugenommen ist es eine doppelte Verfolgung. Auf der einen Seite würden sie vom fundamentalistischen Islam verfolgt, weil dieser das Yezidentum nicht anerkenne. Das liege daran, dass das Yezidentum keine sogenannte Buchreligion ist, sondern vor allem mündlich überliefert wird. Auf der anderen Seite werden die Yeziden verfolgt, weil sie Kurden sind. Für viele Deutsche sehen Menschen mit dunklem Teint und schwarzem Haar aus wie Muslime, meint Yanc. Doch Yeziden sind keine Muslime, in der Türkei sind es die Muslime, die die Yeziden aus dem Land vertreiben. Daher verstünden

sich die Yeziden gut mit Christen, weil auch die Christen in der Türkei, im Irak und Syrien unter Verfolgung zu leiden hätten, erklärt Yanc.

Tradition aus orientalischer Kultur

Er hat seinem Vortrag den Titel "Religion zwischen Tradition und Moderne" gegeben. Tatsächlich gibt es dieses Spannungsfeld vor allem bei den Yeziden. Menschen, die dieser Religion angehören, sind, sofern sie in der Türkei, Syrien oder dem Irak aufgewachsen sind, orientalisch sozialisiert. Das bedeutet, dass die Wertvorstellungen durch die orientalische Kultur geprägt sind. "Die Menschen sind Bauern, Viehhirten, Analphabeten", weiß Yanc. Doch sei Traditionsbewusstsein kein religiöser Aspekt bei den Yeziden. Tatsächlich schreibe die Religion zum Beispiel kein Rollenverständnis fest, Frauen seien genauso viel wert wie Männer, sie müssen auch kein Kopftuch tragen. Weil die Menschen aber orientalisch sozialisiert sind, gebe es in vielen Familien ein Traditionsbewusstsein, das sich nicht direkt aus den Vorgaben der Religion ableiten lasse.

Eigentlich hatte die Findorffschule zum Vortrag eingeladen, weil die Lehrer und Schüler tatsächlich einen gewissen Erklärungsbedarf haben. Laut Schulleiter Dietmar Krause gibt es Probleme an der Schule - nicht nur mit yezidischen Jugendlichen, aber vor allem mit ihnen. Eines der Probleme sei der mangelnde Respekt der Schüler gegenüber den Lehrkräften. Allerdings wurde schnell klar, dass ein allgemeiner Informationsabend nicht der richtige Ort ist, um spezifische Lösungen zu suchen. Daher will Krause den Referenten erneut einladen, um mit ihm und Lehrern der Findorffschule und der Grundschulen im kleinen Kreis zu beraten. "Wir sind erst am Anfang", sagt Krause in Bezug auf den Infoabend. Er sei gern bereit, weitere Schritte zu gehen, so Yanc. "Kein Yezide will, dass seine Kinder auf die schiefe Bahn geraten, das können sie mir glauben. Die Jugendlichen müssen erkennen, dass sie in Deutschland ihr Schicksal selbst in der Hand haben", betont Yanc. Das verlange auch das religiöse

Menschenbild: Zwar habe der yezidische Gott den Menschen geschaffen, für seine Handlungen aber trage die Person selbst Verantwortung. Weitere Informationen gibt es unter www.yeziden.de.

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