Internetriese in Achim

Verhandlungen über Amazon-Ansiedlung laufen weiter

Die Verhandlungen über eine Ansiedlung von Amazon in Achim laufen noch – eine eigene Gesellschaft für Achim hat der Internethändler bereits gegründet. Auch die Baugenehmigung liegt noch nicht vor.
13.01.2019, 07:03
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Verhandlungen über Amazon-Ansiedlung laufen weiter
Von Kai Purschke
Verhandlungen über Amazon-Ansiedlung laufen weiter

Die Gespräche der Stadt Achim mit dem für Amazon tätigen Projektentwickler laufen nach wie vor. Es geht um die Gewerbefläche Uesener Feld an der Autobahn 27.

ERICH SCHWINGE

Es war nie und es ist nicht sicher, dass sich der Internetgigant Amazon tatsächlich mit einem Logistikzentrum im kleinen Achim niederlässt. Zwar haben Stadtverwaltung und Stadtrat bisher vieles dafür getan, und die Gespräche zwischen den Beteiligten laufen nach wie vor – aber unterschrieben ist noch nichts. Und auch die Baugenehmigung hat der für Amazon tätige Projektentwickler, die Garbe Industrial Real Estate GmbH, noch nicht vom Landkreis Verden erhalten.

So seien unter anderem Fragen des Brandschutzes noch offen, wie Bernd Kettenburg sagt. Er ist Achims Erster Stadtrat und somit Vertreter von Bürgermeister Rainer Ditzfeld, aber er ist auch einer von zwei Geschäftsführern der halbstädtischen Gesellschaft EVG, die das Gewerbegrundstück direkt an der Autobahn 27 an Garbe veräußern will.

Amazon würde das Logistikzentrum zunächst für 15 Jahre mieten, daher muss es allen Ansprüchen des Unternehmens gerecht werden. „Und deswegen ist offen, ob erst die Baugenehmigung vorliegt oder erst die Verträge unterschrieben sind“, sagt Kettenburg. Zwar seien die Gespräche zuletzt intensiviert worden, aber Vollzug könne er noch nicht vermelden.

Lesen Sie auch

Und überhaupt ist Kettenburg vorsichtig geworden: Er hütet sich, ein Zeitfenster zu nennen, in dem es zur ersehnten Unterschrift kommen könnte. Denn eines hat der bisherige Verhandlungsverlauf gezeigt: Bei einer Ansiedlung in dieser Größenordnung tauchen immer wieder Aspekte auf, die zu Verzögerungen führen. Ursprünglich hatte Kettenburg für die EVG nämlich im September 2017 öffentlich erklärt, dass mit einem Vertragsabschluss bis Ende des Jahres 2017 zu rechnen sei.

Nun zeigt der Kalender seit wenigen Tagen das Jahr 2019 an und eigentlich hatte Amazon vor, bereits das Weihnachtsgeschäft 2019 auch über einen neuen Standort in Achim-Uesen abzuwickeln. Dieser Plan hatte sich aber im Laufe der Verhandlungen zerschlagen, auch weil die Stadt Achim erstmal das Feld dafür bereiten musste, dass Amazon die Straßenbreiten und Zufahrten bekommt, die einen reibungslosen Ablauf der Transportfahrten garantieren.

Mehr noch: Laut externer Verkehrsplaner soll der mittlerweile am 30. November vergangenen Jahres in Kraft getretene Bebauungsplan „Verkehrsentwicklung Achim-Ost“ sogar dafür sorgen, dass auch der Nicht-Amazon-Verkehr flüssiger durch Uesen rollen kann als bisher. Darauf können die Achimer Bürger nur hoffen, aus deren Reihen sich insbesondere Kritik daran entzündete, dass die Verkehrssituation schon jetzt sehr problematisch ist. Kommt Amazon nicht, bleiben die Straßen, wie sie sind.

Achim benötigt die Steuereinnahmen

Amazon, das erklärten Vertreter des Unternehmens auf einer Bürgerversammlung in Achim, peilt auf dem 14 Hektar großen Gewerbegrundstück Uesener Feld nun einen Betriebsstart im Jahr 2020 an. Dort soll eine für Amazon maßgeschneiderte dreistöckige Halle entstehen, die eine Grundfläche von 40 000 Quadratmetern hat. Ebenso sei das Logistikzentrum direkt profitabel und somit „fällt auch vom ersten Tag an Gewerbesteuer an“, wie ein Amazon-Sprecher erklärte. Und zwar im mittleren sechsstelligen Bereich. Die 31 000-Einwohner-Stadt ist auf alle Gewerbesteuereinnahmen angewiesen, die etwa ein Drittel des Haushaltsvolumens ausmachen.

Die eigene Gesellschaft für ein mögliches Achimer Amazon-Logistikzentrum mit dem Namen BRE1 hatte der Onlinehändler im Juli 2018 gegründet und ihren Sitz Ende November von München nach Achim verlegt. Die Amazon Logistik Achim GmbH ist somit formell nach Achim umgezogen, als Geschäftsanschrift gibt sie weiterhin eine Münchener Adresse an – diese Angaben aus dem Handelsregister hatte die Industrie- und Handelskammer Stade veröffentlicht.

Lesen Sie auch

Auch wenn dieser Vorgang als Zeichen ­dafür gewertet werden kann, dass die Amazon-Ansiedlung in Achim wahrscheinlicher geworden ist – schließlich hatten die Amazon-Vertreter bei ihrem bisher einzigen ­öffentlichen Auftritt in der Stadt verkündet, dass sie ohnehin keinen Plan B hätten –, wurde Kettenburg zuletzt mit Gerüchten konfrontiert, dass sich das Ansiedlungsvorhaben zerschlagen habe. „Auf Gerüchte aus der Baubranche gebe ich nichts“, hatte der Erste Stadtrat betont, als er von einem Ratsherrn darauf angesprochen wurde. Ebenso machten zuletzt Gerüchte in Achim die Runde, Amazon habe einen Metro-Standort nahe der Autobahnabfahrt Horn-Lehe ins Auge gefasst – sie haben sich bisher nicht erhärtet.

Wenn es also zu einer Ansiedlung in Achim kommen sollte, wovon die Stadtverwaltung weiterhin ausgeht, würden im mit Robotertechnik ausgestatteten Logistikzentrum grundsätzlich 2000 Arbeitsplätze entstehen. „Wir starten mit einem Kernteam von 120 bis 200 Leuten“, hatte ein Amazon-Sprecher dazu erläutert. Nach und nach werde die Belegschaft erhöht, die schließlich auch mithilfe der Agenturen für Arbeit und der Jobcenter erst gefunden werden müsse. In Spitzenzeiten, etwa zur Weihnachtssaison, sollen es in Achim bis zu 3600 Mitarbeiter werden.

Ein Dorn im Auge

Amazon als Arbeitgeber ist etwa der Gewerkschaft Verdi nach wie vor ein Dorn im Auge, erst kürzlich hatte die Gewerkschaft zum Streik beim Versandhändler aufgerufen. Verdi will erreichen, dass Amazon einen ­Tarifvertrag für seine Mitarbeiter abschließt, das Unternehmen will ohne Tarifvertrag auskommen. Es gibt an, dass in den Logistikzentren die Gehälter der Mitarbeiter am oberen Ende dessen lägen, was für vergleichbare Tätigkeiten üblich sei.

In Achim würden 80 Prozent der Belegschaft als Versandmitarbeiter arbeiten, wofür keine besondere Qualifikation vonnöten sei. „Sie müssen Deutsch oder Englisch sprechen und körperlich arbeiten, bis zu 15 Kilogramm heben können“, schilderte ein Sprecher. Mindestens würde Amazon in Achim vom ersten Tag an 10,52 Euro brutto als Stundenlohn zahlen. Jemand, der zwei Jahre im Logistikzentrum tätig sei und keine weiteren Entwicklungsschritte etwa zum Teamleiter vollzieht, komme mit Boni wie Weihnachtsgeld auf 2600 Euro brutto.

Darauf hat Verdi ein Auge. Ende November 2018 wertete die Gewerkschaft es als Erfolg, als das Bundesarbeitsgericht entschieden hat, dass Gewerkschaften unter bestimmten Bedingungen auf dem Betriebsgelände ihres Tarifgegners streiken und Mitarbeiter ansprechen dürfen. Im konkreten Fall ging es um Amazon als Tarifgegner. Und auch für Achim wappnet sich Verdi offenbar schon, denn Ende vergangenen Jahres hatte ein Gewerkschaftsvertreter gegenüber unserer Zeitung bereits seinen nahenden Besuch am Uesener Feld angekündigt. Er wollte sich vom Baufortschritt überzeugen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+