Corona-Report Kultur Verlegen statt streichen

Die Kulturträger in der Region trifft die Corona-Krise mit voller Wucht. Sie versuchen, Konzerte und Ausstellungen zu verschieben anstatt sie ganz abzusagen und hoffen auf die Solidarität ihrer Gäste.
24.03.2020, 09:37
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede/Lilienthal. Der Saal oder die Ausstellungsräume sind leer, die Kassen auch. Nicht nur Wirtschaft, Gesundheitswesen oder Gastronomie haben mit den Folgen der Coronakrise zu kämpfen, auch Kultureinrichtungen sind hart getroffen, zumal die wenigsten finanziell so ausgestattet sind, dass sie Rücklagen schaffen konnten. Wenn dann nicht nur Einnahmen wegbrechen, sondern auch noch massenhaft bereits gekaufte Eintrittskarten storniert werden, ist die Lage schnell prekär.

In den sozialen Medien findet die „Aktion Ticket behalten“ gerade viele Anhänger. Die Idee ist simpel: Einmal gekaufte Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen sollen auch bei Absage nicht zurückgegeben werden, der Verkaufspreis wandert so als Spende an die Veranstalter, um ihnen zu helfen, die Krise überleben zu können. Auch die Worpsweder Music Hall bittet ihre Besucher, zu schauen, ob sie auf ihr Recht, Tickets zurückzugeben, nicht verzichten können. Das habe es in den vergangenen Tagen auch schon funktioniert, berichte die Vereinsvorsitzende Doris Fischer. Mancher Gast habe beispielsweise zwei Karten zurückgegeben und nur eine erstatten lassen, andere verzichteten ganz und leisteten so ihren solidarischen Beitrag, um den Kultclub zu erhalten.

Dort lautet die Maxime: Verlegen statt streichen. Fischer und ihr Vorstandskollege Uli Kern, aber auch Bürokraft Claudia Mucha haben also trotz leerer Halle alle Hände voll zu tun. Die Bürozeiten sind auf eine Stunde Telefondienst – wochentags von 11 bis 12 Uhr unter 04792/ 95 01 39 – oder auf E-Mail eingeschränkt, nicht zuletzt, weil auch Mucha zu Hause die Kinderbetreuung sicherstellen muss. Das Team arbeitet sich durch den Veranstaltungskalender, der in den kommenden Wochen zum Glück nicht ganz so eng gefüllt war wie sonst üblich im Frühjahr. Einige Veranstaltungen, wie etwa das Festival Women In (E)Motion, die Sessions oder die Ü30-Partys im März und April sind ersatzlos gestrichen. Bei allen anderen Konzerten gibt es schon Ausweichtermine: Olli Schulz tritt statt am 26. März am 10. September auf. Ex-Luxuslärm-Sängerin Jini Meyer kommt am 26. Februar 2021 statt am 4. April, Echoes wird vom 17. April auf den 16. Oktober verschoben, Thorbjörn Risager vom 18. April auf 25. September, Lazuli spielen statt am 25. April am 31. Oktober und das Roberto Fonseca Trio statt am 30. April am 18. Oktober. Die Tickets für all diese Konzerte behalten ihre Gültigkeit.

Club braucht Untersagung

Auch bei Terminen im Mai wird schon jetzt vorsorglich eine Verlegung geplant, zumal etliche Künstler auch komplette Touren absagen mussten. Walter Trout etwa hat seine Europa-Tournee ins kommende Jahr verlegt: Er kommt statt am 6. Mai nun erst am 12. Februar 2021 nach Worpswede. Allerdings sind Veranstaltern die Hände gebunden: Solange ihnen nicht staatliche Stellen Veranstaltungen untersagen, können sie zwar verschieben, aber nicht vorsorglich absagen ohne hohe Konventionalstrafen zu riskieren. „Die Verträge sehen meistens vor, dass die Künstlergagen bei einer Absage unsererseits dennoch zu zahlen sind“, berichtet Uli Kern. Nur bei „höherer Gewalt“, also beispielsweise einer Untersagung durch den Landkreis wie sie bislang für alle März-Konzerte vorliegt, kommen beide Seiten mit einem „blauen Auge“ davon. „Dann zahlt eben jeder seine bisher entstandenen Kosten, beispielsweise für die Werbung, aber es gibt keine weiteren Forderungen gegeneinander.“

Die Terminkoordination ist schwierig, denn auch die Agenturen wissen nicht, wann und wie es weitergeht. Darüber hinaus gibt es aber in der Music Hall noch etliche Arbeiten, die im Alltagsbetrieb liegen bleiben und jetzt erledigt werden können. Der Haustechniker beschäftigt sich mit kleineren Instandsetzungen. Für die zwei Festangestellten ist Kurzarbeitergeld beantragt. Alle geplanten Investitionen für dieses Jahr sind ausgesetzt, „bis wir sehen, wie hart es uns trifft“, so Kern. Die gute Nachricht: Wenn die Schließung nicht über die Sommerpause hinausgeht, werde die Music Hall die Krise überstehen, da ist sich der Vereinsvorstand sicher. „Besser wäre aber, wenn es nicht mehr als vier Monate würden“, sagt Uli Kern. Das letzte, noch angestochene 180-Liter-Bierfass habe man noch kurzerhand verschenkt, bevor es schal wurde.

Konzerte ohne Publikum, die dann im Internet gestreamt werden wie unlängst bei James Blunt in der Elbphilharmonie, soll es in der Music Hall aber nicht geben. Diesen Weg gehen die Worpsweder Museen, inspiriert vor allem vom Fotofestival Raw, das wie berichtet in die virtuelle Welt übergewechselt ist. Matthias Jäger, Geschäftsführer des Museumsverbunds, sieht die Krise auch als Herausforderung und Chance. „Wir müssen von der Defensive in die Offensive kommen; aktiv bleiben und die Kultur zu dem Menschen bringen, wenn sie nicht mehr zu uns kommen können“, meint er und verweist auf das Online-Angebot, das erweitert werden soll. Gleichzeitig gäbe die besucherlose Zeit den Museen die Möglichkeit, „größere Bögen für kommende Jahre zu spannen“. Spätere Ausstellungen bekommen so einen längeren und tiefer gehenden Vorlauf. Inhaltliche Arbeiten, die sonst unter Zeitdruck oft nicht zu machen sind, werden nun erledigt, sowohl vorbereitend als auch in Bezug auf die eigene Sammlung. Und Jäger verspricht: „Die Museen werden wieder geöffnet werden und die tollen Ausstellungen, die dort jetzt schon warten, werden zu sehen sein!“

Rückkehr mit Paukenschlag

So sieht es auch Sigrun Kaufmann vom Museum am Modersohn-Haus. Auch sie hat ihre Sonderausstellung zu Lisel Oppel wie geplant aufgebaut und harrt nun der Dinge. „Die Bilder waren da, ich wollte sie ja nicht auf den Boden stehen lassen“, sagt sie. Sie hat vor allem private Leihgeber, sodass eine Verschiebung der Ausstellung kein Problem darstellt. Sie sei erst mal glücklich, dass nun alles hänge. Wenn sie ihr privat geführtes Haus wieder öffnen kann, dann mit einem „Paukenschlag“, verspricht sie und meint damit eine Vernissage, die ursprünglich für den 1. April geplant war. Finanziell treffe sie die Schließung nicht allzu hart, gesteht Kaufmann ein. „Das Museum ist mein großes, teures Hobby“, sagte sie. „Alle Einnahmen, die wir erzielen, fließen in die Sammlung. Dann wächst die eben ein wenig langsamer als sonst.“ Auch sie und ihr Team hätten genug liegen gebliebene Aufgaben abzuarbeiten. Und ansonsten zehre sie selber bis zur Wiedereröffnung von den vielen Geschichten über Lisel Oppel, die sie in den vergangenen Wochen und Monaten erfahren hat, und von den Begegnungen während der Ausstellungsvorbereitung.

Für Galerie ein Desaster

„Ein großes Desaster“ sei die Situation für die Galerie Kühn und das angeschlossene Atelier sowie das Elefantenmuseum in Lilienthal, sagt Maria Kühn. Nahezu alles stehe still, nicht nur der Besucherbetrieb, auch die Bestellungen für Kunstwerke wie Volker Kühns „Art in boxes“ blieben aus. Einige Mitarbeiter arbeiten noch Restaufträge ab, räumlich und zeitlich getrennt voneinander, aber bald drohe Kurzarbeit. Dass sie und ihr Team die Krise überstehen werden, ist für Kühn klar, wie, weiß sie allerdings nicht.

Auch die Lilienthaler Kunstschau in Trupe ist ein privat geführtes Haus, aber mit einer Stiftung im Hintergrund, die ein wenig Sicherheit in der Krise bietet. Der Vorsitzende Hans Adolf Cordes macht aber deutlich, dass die Schließung des Hauses wehtue. Wie sehr, vermag er nicht zu sagen. Er hat die beiden Angestellten erst mal nach Hause geschickt, sie sollen sehen, ob sie dann und wann ein paar Stunden von dort oder vor Ort arbeiten können. Den Lohn zahlt er aber weiter: „Das ist unsere soziale Verantwortung.“ Er hofft, dass es zügig staatliche Unterstützung für Kultureinrichtungen gibt, darum werde sich die Kunstschau bemühen. In der Zwischenzeit kümmere man sich darum, die Digitalisierung des Bestands voranzutreiben, außerdem baut die Stiftung gerade ein Haus mit 18 Seniorenwohnungen. Auf der fast vollendeten Baustelle gibt es ebenfalls viel zu regeln in diesen Tagen. Der Erlös dieses Projekts soll mittelfristig auch die Kunstschau finanziell absichern. So wird sie noch ein bisschen krisenfester.

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