100 Jahre Erster Weltkrieg: BBS und Kreisarchiv erstellen Online-Portal über die Gefallenen aus dem Kreisgebiet

Verwischte Spuren in Sütterlin und Fraktur

Ein praxisnahes Lehrstück in Sachen Ahnenforschung und Archivnutzung mit alten und neuen Medien erlebten jetzt die Berufsschüler, die im Geschichtsunterricht das Online-Portal „Verlustlisten Erster Weltkrieg“ aufgebaut haben. Das Ergebnis reicht weit über den Projekthorizont hinaus, denn die Datenbank ist nun frei im Internet zugänglich.
10.06.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Verwischte Spuren in Sütterlin und Fraktur
Von Bernhard Komesker

Ein praxisnahes Lehrstück in Sachen Ahnenforschung und Archivnutzung mit alten und neuen Medien erlebten jetzt die Berufsschüler, die im Geschichtsunterricht das Online-Portal „Verlustlisten Erster Weltkrieg“ aufgebaut haben. Das Ergebnis reicht weit über den Projekthorizont hinaus, denn die Datenbank ist nun frei im Internet zugänglich.

Wer nach Soldaten aus dem Landkreis Osterholz forscht, die im Ersten Weltkrieg vermisst oder getötet wurden, hat neuerdings eine besonders zuverlässige Internet-Quelle. Kreisarchiv und Berufsschule haben gemeinsam das Online-Portal „Verlustlisten Erster Weltkrieg“ für den Landkreis Osterholz auf die Beine gestellt.

Die Datenbank wurde in den Internet-Auftritt des Landkreises (www.landkreis-osterholz.de) integriert. Sie enthält eine bequeme Suchmaske und ist mit zurzeit 1250 eingetragenen Namen durchaus noch nicht vollständig: Weitere Schülergruppen der Berufsbildenen Schulen werden mit Geschichtslehrerin Helke Napierala bis zum Jahr 2019 weitere Aktualisierungen vornehmen.

Archivarin Gabriele Jannowitz-Heumann hat das Projekt von Anfang an begleitet und unterstützt. 19 Schüler des Abiturjahrgangs am Berufsgymnasium Technik leisteten mit dem Unterrichtsprojekt seit Anfang Dezember wichtige Aufbauarbeit. Sie fuhren zu beinahe 40 Denkmälern, Friedhof-Steinen und Kirchen-Gedenktafeln, machten Fotos davon, um die Namen mir den einschlägigen Internet-Einträgen des Vereins für Computer-Genealogie (http://compgen.de) zu vergleichen und zu ergänzen.

Im Kreisarchiv galt es dann, die Bestätigung zu finden: Die Schüler wälzten die Sterbebücher der Kirchengemeinden und die Personenstandsbücher der Meldeämter. Auch wenn auf diese Weise so mancher Tipp- oder Übertragungsfehler enttarnt werden konnte: Die Rechnung ging höchstens in vier von fünf Fällen auf. Vielfach fehlten schlicht eindeutige Belege oder die Spur führte ins Nichts, weil sich etwa kein Sterbedatum verifizieren ließ. Der Schüler Lennart Weingarten kommt rückblickend zu der Feststellung: „Nicht alles was im Internet steht, ist richtig.“ Seine Lehrerin betont denn auch: „Wir haben am Ende nur mindestens doppelt geprüfte Namen aufgenommen.“ Das Internet-Portal umfasst neben der Listen-Suche nach Name und Ort auch einen Kriegsdenkmal-Navigator.

Weingarten hatte sich mit einigen Mitschülern und der Kreisverwaltung vorrangig um die technische Seite gekümmert. Der Inhalt war ihm dabei aber keineswegs egal. Er sagt: „Wenn man merkt, ,Den kenne ich’ oder ,Das könnte mein Ur-Opa sein’, dann wird es spannend.“ Auffallend sei, dass der Zweite Weltkrieg viele Spuren verwischt habe – unter anderem offenbar auch „wegen der Namensänderungen, um an einen Arier-Nachweis zu kommen“. Das Projekt sei für ihn der Anstoß gewesen, einmal einen eigenen Familien-Stammbaum anzufertigen.

Insgesamt hatten sich die Beteiligten die Arbeit aber schon etwas einfacher vorgestellt; das begann schon mit dem mühsamen Entziffern von Sütterlin-Handschriften und Fraktur-Drucken. Hinzu kam die Gebietsreform, die 1974 zu völlig anderen Zuständigkeiten und politischen Gebilden geführt hatte, als es sie in den Jahren 1914 bis 1918/19 gab.

Und es gab Sackgassen, wenn sich etwa herausstellte, dass es ein Brundorf nicht nur bei Rothenburg ob der Tauber, sondern auch als einen galizischen Ortsnamen gab. Manch ein Denkmal war unterdessen auch verlegt oder – wie in Lilienthal – vorübergehend eingelagert worden. „In Schwanewede war zuerst gar nichts zu finden“, erinnert sich die Archivarin Jannowitz-Heumann. Sie verwies die Schüler an einen versierten Hobby-Heimatforscher vor Ort.

Und dann war da noch das Beispiel des Soldaten Gevert Stehnke aus Scharmbeck – laut Familiengrabstein am 11. September 1917 gestorben und laut Truppenbuch bei Genealogy.net am 28. November 1917. Dass der Mann laut offiziellem Sterbebuch aber gar nicht Stehnke, sondern Stehnken hieß, stellte sich erst jetzt bei der Recherche der Schüler heraus.

Sie hatten sich im April bereits mit einem eigenen Beitrag zur Regionalgeschichte an der Volksbund-Ausstellung im Osterholzer Kreishaus-Foyer beteiligt, die dort noch bis Freitag, 20. Juni, zu sehen ist (wir berichteten).

Laut Gabriele Jannowitz-Heumann sind Nachträge, Ergänzungen und Korrekturen zu den Listen sehr willkommen. Die Kreisarchivarin ist telefonisch unter 0 47 91 / 93 01 05 oder per E-Mail an die Adresse kreisarchiv@landkreis-osterholz.de zu erreichen.

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