Landwirtschaft Stau im Stall

Knapp eine Million Schweine stauen sich in den deutschen Ställen. Mit dem Platzmangel kommen die Probleme. Viele Landwirte sind verzweifelt. Über eine Branche, wo zwei Seuchen auf ein anfälliges System treffen.
26.01.2021, 08:18
Lesedauer: 6 Min
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Stau im Stall
Von Nico Schnurr

Wenn er morgens seinen Schweinestall im Emsland betritt, erzählt Norbert H., geht sein erster Blick nach oben. Er prüft dann, ob eine Überwachungskamera an der Decke hängt. Vor einer Weile hat sich ein anonymer Anrufer gemeldet, H. müsse damit rechnen, dass Aufnahmen in seinem Stall gemacht werden. Ein beklemmendes Gefühl, sagt der Landwirt, der aus Angst vor weiteren Anfeindungen nicht mit seinem vollen Namen in der Zeitung stehen will. Er lebt in ständiger Sorge, seit er öffentlich gemacht hat, vor welchen Schwierigkeiten er steht.

Drei Monate ist es her, als Norbert H. beim Landkreis anruft. Er will sich selbst anzeigen. Der Sauenhalter sagt, er kann nicht mehr garantieren, dass es seinen Tieren gut geht. „Ich bin machtlos und ratlos“, spricht er einen Tag später in Fernsehkameras, „der Platz wird einfach zu eng.“

Seit Monaten stauen sich die Schweine in den deutschen Ställen. Es gibt einen Überhang von knapp einer Million Tiere, die normalerweise auf dem Weg zu Schlachthöfen wären. Nun nehmen sie in den Ställen weiter Platz ein, der nicht mehr da ist, denn es kommen immer neue Tiere nach. Der Schweinestau, unter dem Landwirte wie Norbert H. leiden, ist kein Zufall. Er ist das Ergebnis, wenn zwei Seuchen auf ein anfälliges System treffen.

Da ist die Afrikanische Schweinepest. Ein Virus, das Menschen nichts anhaben kann, aber Schweine dahinrafft. Seit es bei Wildschweinen in Brandenburg nachgewiesen wurde, ist der Export in Länder außerhalb von Europa eingebrochen. Staaten wie China oder Japan haben ein Einfuhrverbot für deutsches Schweinefleisch verhängt.

Da ist Corona. Ein Virus, das die Gesellschaft lahmlegt. Die Gastronomie ruht, keine Volksfeste, kaum Anlässe, zu denen viel Schweinefleisch gegessen wird. Es werden auch weniger Schweine geschlachtet. Im Sommer herrscht Stillstand bei Tönnies, Europas größter Schlachtfabrik. Immer wieder kommt es auch in anderen Betrieben zu Corona-Ausbrüchen. In vielen Schlachthöfen sind die Kapazitäten weiter eingeschränkt.

Schweine unter Stress

„Es ist noch immer dieselbe Situation“, sagt Norbert H. im Januar, „die Schweine müssen mehr Platz haben, aber ich finde keinen.“ Ein Ferkel, das bis zu 50 Kilogramm wiegt, braucht einen halben Quadratmeter im Stall, so sind die Vorgaben. „Das kann ich kaum noch garantieren“, sagt der Landwirt, „mein Stall ist überbelegt.“

Bevor Norbert H. Feierabend macht, geht er noch mal durch den Stall. Oft, erzählt er, bleibt er stehen und mustert die Schweine, prägt sich das Bild ein, wie sie da stehen, dicht an dicht. Er verlässt den Stall mit einem mulmigen Gefühl und einer Vorahnung. Womöglich wird er am nächsten Morgen nicht alle Tiere lebendig wiedersehen.

Manchmal behält er recht. Wenn der Platz knapp wird, steigt bei einigen Schweinen das Stresslevel. Mit den Rivalitäten um Futterstellen nehmen die Aggressionen zu. Um das zu verhindern, versorgt Norbert H. seine Tiere nun auch über Wasserschläuche und Schalen. Er versucht, die Folgen des Staus abzufedern. Aufhalten kann er ihn nicht.

Ein deutsches Schweineleben ist durchgetaktet

„Ich würde gerne etwas ändern“, sagt Norbert H., „aber wie soll ich das machen?“ Seit Monaten wird er nicht alle schlachtreifen Tiere los, bevor die nächsten Ferkel geboren werden. Mit jedem Tag, den ein Schwein zu lange im Stall steht, nimmt es mehr Platz weg. Das Tier wächst weiter. Und damit die Sorgen des Landwirts.

Für Schweinehalter wie Norbert H. zählt jeder Tag. Die Landwirte arbeiten nach einem genauen Plan. Ein deutsches Schweineleben ist genormt und durchgetaktet, von der Geburt über die Aufzucht und Mast bis zur Schlachtung. Für jeden Abschnitt im Leben des Tieres gibt es ein Zeitfenster. Eine vorbestimmte Menge an Futter, ein ideales Gewicht, einen exakt bemessenen Platz im Stall. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, wenn die Fristen und Vorgaben nicht eingehalten werden können, gerät das System ins Wanken.

„Die Leute fordern, wir sollen weniger produzieren“, sagt Norbert H., „aber so einfach ist das nicht.“ Eine Muttersau ist 115 Tage trächtig. Drei Monate, drei Wochen und drei Tage. Nach der Geburt folgen mindestens drei Wochen, in denen die Jungen gesäugt werden. Danach kümmert sich der Landwirt um die Aufzucht.

Die Ferkel, die sich nun in den Ställen stauen, sind im späten Sommer gezeugt worden. Da gab es die Pandemie. Es gab die infizierten Mitarbeiter bei Tönnies. Die vielen Corona-Ausbrüche in Schlachthöfen. Was es noch nicht in Deutschland gab, ist die Afrikanische Schweinepest. Der Exportstopp. Ein Drittel des Absatzes, der wegbricht.

Der Ministerin kommen die Tränen

Als Norbert H. vom Einfuhrverbot erfährt, ist es schon zu spät. Die Ferkel, die er nun nicht los wird, sind gezeugt. „Wenn es soweit ist, läuft die Maschinerie“, sagt Norbert H., „dann lässt sich der Prozess nicht mehr aufhalten.“ Im September ahnt Norbert H., dass sich die Lage in seinem Stall verschärfen wird. Und dass ihm nicht viel mehr bleibt, als dabei zuzusehen.

Wie ernst die Krise in den Ställen ist, wird vielen erst im Oktober klar. Da steht Barbara Otte-Kinast hinterm Rednerpult im Niedersächsischen Landtag. Der Landwirtschaftsministerin kommen die Tränen. „Entschuldung, ich bin ein bisschen angefasst“, sagt sie. „Mich erreichen Telefonate von weinenden Frauen und Männern von den Höfen, die nicht mehr ein und aus wissen, die sagen, ich töte meine Schweine, und ich werde mich umbringen.“ Sie möchte versprechen, das Schlimmste ist überstanden, sagt Otte-Kinast, „aber genau das kann ich nicht“.

Januar, ein Stall am Rand von Bruchhausen-­Vilsen. Eine Heizung wummert gegen die Kälte an, Neonröhren leuchten in den Gang, wo Heinrich Henke steht. Links und rechts Metallgitter, Muttersauen in Kastenständen. Ringsherum wuseln Ferkel. Vielleicht, hofft der Landwirt, werden es die ersten Tiere seit einem halben Jahr, bei denen er nicht draufzahlt. Vielleicht läuft aber auch alles wie zuletzt, dann wird er mit jedem Ferkel 20 Euro verlieren.

Nicht weit vom Hof stehen zwei leere Hallen. Sollte es in seinem Stall eng werden, würde Heinrich Henke seine Ferkel dort unterbringen. Bisher nicht nötig. Henke verzichtet auf einen Händler, der seine Tiere auf dem Markt anbietet. Ein Mäster aus der Gegend nimmt seine Schweine auch jetzt noch ab. Die Krise spürt Henke trotzdem. Seine Tiere sind kaum noch etwas wert. Seit September hat er eine halbe Million Euro Verlust gemacht. Henke gibt seine Ferkel zu einem Preis ab, der nicht ausreicht, um die Kosten im Stall zu decken.

Die Preise sind so niedrig, sie werden dafür sorgen, glaubt Henke, dass der Schweine­stau abnimmt. Die niederländischen und ­dänischen Landwirte exportieren ihre Ferkel nun nach Spanien statt nach Deutschland, weil dort mehr gezahlt wird. Und die deutschen Sauenhalter? Geben auf. Es schließen so viele Höfe, dass bald weniger Ferkel auf den Markt kommen. Was gegen den Schweinestau hilft, wird langfristig Schaden anrichten.

Der Hof von Henke zählt zu den größeren der Region. Zehn Mitarbeiter, die sich um 1200 Muttersauen kümmern. 700 Ferkel, die jede Woche den Stall verlassen. „Ich arbeite nicht bäuerlich“, sagt Henke, „wir machen das in einer industriellen Dimension.“ Vor acht Jahren hat er den Stall mit seiner Frau, einer Tierärztin, gekauft. Seitdem hat sich viel getan, die Erwartungen an Landwirte sind heute andere. „Ich bin schon froh“, sagt Henke, „wenn mich Gäste nach einem Rundgang durch den Stall nicht kreuzigen wollen.“

Wohin wandelt sich die Branche?

Schweinehalter wie Norbert H. und Heinrich Henke müssen ihre Ställe in den nächsten Jahren umbauen. Kastenstände, in denen Muttersauen vor dem Abferkeln und während des Säugens untergebracht sind, werden verboten. In dem Korsett aus Gitterstangen, heißt es, können sich die Tiere kaum bewegen.

Heinrich Henke ist keiner, der die Debatte scheut. Man findet seinen Hof in den sozialen Medien, auf der Homepage gibt er Einblick in den Alltag. Henke weiß, warum er arbeitet, wie er arbeitet, und das will er vermitteln. Er will auch etwas ändern, den Stall umbauen, aber die Ferkelpreise müssen passen. Weil das seit Monaten nicht so ist, hören viele auf. Bevor der Strukturwandel begonnen hat, könnte es bald kaum noch Betriebe geben, die sich wandeln können. Die Ferkel würden dann aus dem Ausland kommen, von Landwirten, die sich hier keiner Debatte stellen müssten.

Der Landkreis hat nach der Selbstanzeige einen Veterinär zu Norbert H. geschickt. Es läuft nun ein Verfahren gegen ihn. Norbert H. hat keine Angst vor den Konsequenzen. Er will ja etwas ändern. Wenn er doch nur wüsste, wie.

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