Wie Corona die Telemedizin anschiebt Chatraum statt Wartezimmer

Um das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus zu verringern, sollen Patienten nur in dringenden Fällen Arztpraxen aufsuchen. Die Alternative: Videosprechstunden.
22.04.2020, 05:05
Lesedauer: 3 Min
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Von Lisa Urlbauer

Hambergen. Die Einladung liegt im E-Mail-Postfach. Das Dokument ist verschlüsselt, der Zugangscode separat verschickt worden. Schritt für Schritt wird einem erklärt, wie man das digitale Wartezimmer betritt, einschließlich der technischen Voraussetzungen. Es dauert nicht lange, da erscheint Ruben Bernau auf dem Bildschirm, Kopfhörer im Ohr. Im Hintergrund sieht man eine Untersuchungsliege, daneben ein grüner Kittel an der Wand. Willkommen zur Videosprechstunde.

„Es ist ein Fenster zu meinen Patienten“, sagt der Familienmediziner aus Hambergen. Um das Ansteckungsrisiko mit dem Coronavirus zu minimieren, wird Patientinnen und Patienten geraten, Arztpraxen nur in medizinisch dringenden Notfällen aufzusuchen. Alternativ können sie zum Telefon greifen und sich bei Atemwegserkrankungen bis zu zwei Wochen krankschreiben lassen – ohne vorherigen Besuch. Diese Sondergenehmigung gilt auch weiterhin, nachdem sie kurzzeitig drohte auszulaufen.

Eine andere Möglichkeit ist die Videosprechstunde – übrigens keine neue Alternative. Normalerweise dürfen Ärzte jeden fünften Patienten im Quartal ausschließlich per Video behandeln und bis zu 20 Prozent der Leistungen digital anbieten. Bei allen anderen Behandlungen muss es einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt geben. Angesichts der Corona-Pandemie haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) diese Regelungen vorerst für das zweite Quartal ausgesetzt; ob eine Verlängerung notwendig ist, soll bis Ende Mai geprüft werden. Der persönliche Arzt-Patienten-Kontakt, er ist der heilige Gral im ambulanten Gesundheitssystem – und das, wofür Praxen bezahlt werden. Auch von der Sorge getrieben, pleite zu gehen, hat sich Ruben Bernau nunmehr dafür entschieden, Videosprechstunden anzubieten.

Die niedersächsische Gesundheitsministerin Carola Reimann befürwortet den Ausbau der telemedizinischen Angebote: „Die Corona-Epidemie zwingt uns, in allen gesellschaftlichen Bereichen kreative digitale Lösungen zu finden, und Videosprechstunden sind ein probates Mittel für einen Patientenkontakt ohne Infektionsrisiko.“ Schon Ende vergangenen Jahres habe man die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Videosprechstunden unkompliziert abgerechnet werden könnten, so Reimann. „Auch die technischen Hürden sind vergleichsweise niedrig, sodass praktisch jede Praxis entsprechende Angebote vorhalten könnte.“

Digitale Angebote in Praxen sind aber nur eine Seite der Gleichung; Patienten müssen auch in der Lage sein, diese in Anspruch zu nehmen. Darum sieht Bernau Videosprechstunden bisher zwiegespalten. „Es macht Spaß, wenn die passende Person gegenüber sitzt.“

Besonders Pflegeheime hätten häufig nicht die notwendige technische Ausstattung, könnten aber von Videokonsultation profitieren. „Es zerreißt mich: Ich muss Menschenleben gefährden, weil ich Leute in Pflegeheime schicken muss, obwohl ein Videoanruf reichen würde“, schildert Bernau.

Diese Erfahrungen macht auch Christian Jacobsen. Der Mediziner betreibt eine Gemeinschaftspraxis in Osterholz-Scharmbeck und bietet seit Kurzem ebenfalls Videosprechstunden an. „Die Altenheime hier im Ort sind häufig nicht perfekt mit EDV ausgestattet“, sagt Jacobsen. Seit Jahren weise die Praxis darauf hin – doch manche Heimleitung sei „beratungsresistent“. Hingegen seien Pflegepersonal und Bewohner offen dafür, diese Angebote zu nutzen – Endgeräte und WLAN vorausgesetzt. Über Video kann man zwar keinen Bauch abtasten oder Stellen am Körper fühlen, aber Abstriche delegieren, Wunden beobachten und vor allem das Gesicht der Patienten sehen. „Ich kann mit ihnen reden und die nonverbale Kommunikation aufrecht erhalten. Das ist sehr wichtig“, sagt Jacobsen.

Bereits vor zwei Jahren wollte er Videosprechstunden in seiner Praxis etablieren – das sei ihm von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen jedoch ausgeredet worden. Begründung: Die Anschaffung lohnte sich finanziell nicht. Das Coronavirus hat die Situation verändert. „Ich sehe, dass die Leute Angst vor einer Ansteckung haben und sich diszipliniert an die Abstandsregelung halten. Sie kommen nicht in die Praxis.“ Letztendlich hätten sich die Anschaffungskosten für die Videosprechstunde als gering herausgestellt, sagt Jacobsen. „Die Hardware hatte ich sowieso schon da.“ Ruben Bernau sieht die Digitalisierung in Arztpraxen positiv – auch wenn noch viel zu tun bleibe. Deutschland sei abgehängt vom Rest der Welt. „Ich hoffe, dass sich im Nachgang zu Corona die Digitalisierung deutlich verbessert.“

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