Christian Habl möchte ein bundesweites Job-Netzwerk für Menschen mit Behinderung gründen Viele Bewerbungen, keine Antwort

Es kann jeden treffen: Querschnittslähmung, Sehverlust, Multiple Sklerose. Menschen mit Behinderung haben schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, und das, obwohl schon seit zehn Jahren das Gleichstellungsgesetz gilt. Einer, der mit seiner Behinderung lebt und derzeit arbeitslos ist, versucht nun aktiv dagegen anzugehen, aufzuklären, und weitere Mitstreiter zu finden: Christian Habl aus Bruchhausen-Vilsen.
12.12.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Karin Neukirchen-stratmann

Es kann jeden treffen: Querschnittslähmung, Sehverlust, Multiple Sklerose. Menschen mit Behinderung haben schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt, und das, obwohl schon seit zehn Jahren das Gleichstellungsgesetz gilt. Einer, der mit seiner Behinderung lebt und derzeit arbeitslos ist, versucht nun aktiv dagegen anzugehen, aufzuklären, und weitere Mitstreiter zu finden: Christian Habl aus Bruchhausen-Vilsen.

Bruchhausen-Vilsen. Seit seiner Geburt ist der inzwischen 30-jährige Christian Habl aus Bruchhausen-Vilsen beeinträchtigt, leidet unter einer linksseitigen Hemiparese, einer Lähmung der linken Körperhälfte, vor allem des Armes. Er ist zu 60 Prozent schwerbehindert. Seit Februar ist der gelernte Bürokaufmann und Versicherungsfachmann arbeitslos. "Ich schreibe Bewerbungen und bekomme keine Antwort, oder werde zum Bewerbungsgespräch eingeladen, ohne Erfolg. Das geht sicherlich anderen auch so, aber es ist super frustrierend."

So wie Christian Habl geht es vielen Menschen mit Handicap auf dem Arbeitsmarkt. Mechthild Strake vom Kreisbehindertenbeirat bestätigt die Schwierigkeiten. "Das erleben wir immer wieder, dass es Schwerbehinderte schwieriger haben, einen Arbeitsplatz zu bekommen." Insgesamt stellt die Bundesagentur für Arbeit in einer Broschüre für das Jahr 2012 aber fest: "Auch schwerbehinderte Menschen profitieren vom Aufschwung am Arbeitsmarkt – allerdings nicht ganz so stark wie nicht schwerbehinderte Menschen. Die Zahl schwerbehinderter Menschen steigt infolge der demografischen Alterung. Denn Schwerbehinderte sind überwiegend ältere Menschen, und zumeist ist eine im Lebenslauf erworbene Krankheit die Ursache einer Schwerbehinderung. Die Zahl der schwerbehinderten Arbeitslosen ist alleine in der Gruppe der älteren gestiegen. Dafür ist vor allem der Wegfall vorruhestandsähnlicher Regelungen verantwortlich. Die Unterbeschäftigung bei schwerbehinderten Menschen geht erkennbar zurück."

"Eigentlich sind Arbeitgeber mit mehr als 20 Mitarbeitern verpflichtet, eine Beschäftigungsquote für Schwerbehinderte zu erfüllen. Die Quote beträgt fünf Prozent", erklärt Bernd-Uwe Metz, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden. Wer sich weigere, die Quote zu erfüllen, den bitte der Staat über die Ausgleichsabgabe zur Kasse. "Je nachdem, wie weit der Arbeitgeber von der Fünf-Prozent-Hürde entfernt ist, muss er im Durchschnitt ein monatliches Salär von 240 Euro pro unbesetzte Pflichtstelle zahlen", berichtet Metz. Das Geld treiben die Integrationsämter ein, es fließt in Investitionen in behindertengerechte Arbeitsplätze, Lohnzuschüsse für Arbeitgeber und einen Ausgleichsfonds für bundesweite Förderprogramme. "Wir haben technische Berater, die in den Firmen vor Ort schauen, welche Arbeitsbedingungen der Arbeitsplatz für den Menschen mit Behinderung erfüllen muss", erklärt Metz.

Für die Agentur für Arbeit Nienburg-Verden ergibt sich ein etwas besseres Bild. Dort waren laut Statistik 2007 577 schwerbehinderte Arbeitslose gemeldet, 2012 waren es 547. Landesweit waren im Jahr 2010 bei Privatunternehmen 20134 Pflichtstellen unbesetzt, bei öffentlichen Unternehmen 2541. Dennoch sei Handlungsbedarf erforderlich, findet Mechthild Strake. "Es ist frustrierend und deprimierend, wenn man als Schwerbehinderter immer wieder abgewiesen wird, 60 bis 100 Bewerbungen schreibt und zum Teil noch nicht einmal Antwort erhält." Der Kreisbehindertenbeirat beschäftige sich mit dieser Thematik, auch vor dem Hintergrund der Inklusion. Es sei noch viel Aufklärungsarbeit notwendig, sagt Mechthild Strake.

Und spricht Christian Habl damit aus dem Herzen, denn Aufklärung, das ist auch eines seiner großen Ziele. Er sucht andere Betroffene, die ähnliche Erfahrungen wie er gemacht haben, um ein Netzwerk zu gründen, eine Selbsthilfegruppe. "Für alles gibt es Selbsthilfegruppen, aber nicht für arbeitslose Menschen mit Behinderung." Sein Netzwerk sieht Christian Habl nicht nur auf den Landkreis Diepholz beschränkt, vielmehr möchte er sich bundesweit organisieren.

Das hat einen Grund, denn Christian Habl ist derzeit aktiv dabei, Unterstützer zu gewinnen. Mit drei Berufsbildungswerken in Süddeutschland stehe er bereits in Kontakt. "Die haben sich auf mein Anschreiben gemeldet." Erreichen möchte Christian Habl vor allem mehr Aufklärung für Unternehmer. "Viele wissen einfach gar nicht, welche Fördermöglichkeiten es gibt, wenn man einen Menschen mit Handicap einstellt." Es müsse einfach mehr Informationspolitik betrieben werden. Christian Habl ist sich auch klar: "Ohne Unterstützung kann ich nichts erreichen." Deswegen gehe er nun an die Öffentlichkeit.

Wer sich mit Christian Habl aus Bruchhausen-Vilsen in Verbindung setzen möchte, erreicht ihn unter der Telefonnummer 04252/9090275, Handy: 0151/12431071 oder per E-Mail an die Adresse christianhabl@gmx.de.

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