Studie zu Arbeitszeiten

Viele Lehrer in Niedersachsen arbeiten länger als erlaubt

In Niedersachsen wurde am Dienstag eine Studie zu Lehrer-Arbeitzeiten vorgestellt. Eine unabhängige Expertenkommission schlägt unter anderem Entlastungsstunden für Schulleitungen und Lehrkräfte vor.
30.10.2018, 17:31
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Mlodoch

Eine Unterrichtsstunde pro Woche weniger für Grundschullehrer, kleinere Kurse in der gymnasialen Oberstufe, mehr gezielte Entlastungsstunden für alle Lehrkräfte: Dies empfiehlt die unabhängige Expertenkommission Arbeitszeitanalyse, um die Jobbedingungen an den niedersächsischen Schulen spürbar zu verbessern. Kultusminister Grand Hendrik Tonne (SPD) stimmte den Analysen im Abschlussbericht des von seiner Vorgängerin Frauke Heiligenstadt 2016 berufenen Gremiums am Dienstag zwar zu. Er wollte aber zunächst keine wesentlichen Zusagen machen. Der Ressortchef kündigte als Sofortmaßnahmen lediglich das Streichen von Dokumentationspflichten sowie einen Katalog von Musterkonzepten für eine gute schulische Praxis an.

Einen Mehrbedarf von insgesamt 2413 Vollzeitstellen haben die Wissenschaftler Axel Haunschild von der Universität Hannover und Frank Mußmann von der Uni Göttingen für ihr Maßnahmenpaket zum Abbau der vielen, teils gar nicht erlaubten Überstunden errechnet. Das entspricht jährlichen Zusatzkosten von rund 200 Millionen Euro zulasten des Landeshaushaltes. „Selbst wenn mir der Finanzminister dieses Geld für diese Stellen zur Verfügung stellen würde, ich könnte sie gar nicht besetzen“, betonte Tonne mit Blick auf den bundesweiten Lehrermangel. „Es wird nicht möglich sein, alle Vorschläge zeitnah und eins zu eins umzusetzen.“ Versuche man dies ohne zusätzliche Pädgogen, werde die Unterrichtsversorgung massiv leiden, warnte der Minister.

Zeit des Wartens ist vorbei

Gleichwohl sei der Bericht, der auf der von der Lehrergewerkschaft GEW beauftragten Arbeitszeitstudie der Uni Göttingen und der Online-Belastungsbefragung der Lüneburger Leuphana-Universität fußt, „bei allen Schwierigkeiten ein klarer Arbeitsauftrag“, bekannte Tonne. Sein Haus arbeite bereits an den Punkten bessere Besoldung, mehr Entlastung und einer Reform der Arbeitszeitverordnung. Dies wolle er mit den Ergebnissen der Studie verknüpfen und dann gemeinsam mit den Lehrerverbänden zu einem „tragfähigen Gesamtkonzept“ ausarbeiten.

„Die Zeit des Warten, Analysierens und Herumredens ist vorbei“, kritisierte FDP-Fraktionsvize Björn Försterling. Die Befunde seien schließlich lange bekannt, die SPD/CDU-Landesregierung müsse endlich liefern – mit der angesichts diverser Gerichtsprozesse überfälligen Neuregelung für Teilzeit-Lehrer, mit der versprochenen Stundenreduzierung für ältere Kollegen, mit der zugesicherten Entlastung für die Leiter von Grundschulen. „Die Landesregierung wird nicht umhinkommen, zusätzliche Ressourcen für eine Neuordnung der Lehrerarbeitszeit zur Verfügung zu stellen“, forderte Grünen-Schulexpertin Julia Willie Hamburg zusätzliche Mittel im Haushalt 2019 zum Schaffen neuer Stellen. „Der Finanzminister darf nun nicht weiter die Augen verschließen“, meinte auch GEW-Landeschefin Laura Poth. Das Streichen von Dokumentationspflichten sei sicher sinnvoll, reiche aber bei Weitem nicht. „Jetzt braucht es umfangreiche Investitionen in die Bildung. Und das Land verfügt über das Geld dafür.“

Laut Studie arbeiten Grundschullehrer im Schnitt 1:20 Stunde über Soll, Gymnasiallehrer sogar 3:05 Stunden. Allerdings: Viele Kollegen liegen zum Teil auch deutlich unter der vorgeschriebenen Wochenarbeitszeit, die bei Lehrern nicht die für Beamte üblichen 40 Stunden, sondern wegen der langen Schulferien umgerechnet 46:38 Stunden beträgt. Einen Unterschied von bis zu neun Stunden plus/minus haben die Forscher festgestellt. Sie raten, diese „Streuung“ durch eine gerechtere Verteilung der Aufgaben zu reduzieren. Damit sowie durch eine bessere Arbeitsorganisation in den einzelnen Schulen ließen sich Überstunden im Gegenwert von gut 1200 Lehrerstellen vermeiden.

Mehrarbeit und Zeitdruck

In der Tat geht der Anteil des reinen Unterrichts seit Jahren zurück. An Grundschulen beträgt er nach Angaben der Wissenschaftler 40 Prozent, an Gymnasien sogar nur 30 Prozent. 25 Prozent verwenden Grundschullehrer für Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, 35 Prozent gehen für andere Tätigkeiten wie Konferenzen, Elternabende, Pausenaufsicht, aber auch Verwaltungstätigkeiten drauf. Bei den Gymnasien erreicht dieses „Sonstige“ 32 Prozent. „Mehrarbeit abbauen und Zeitdruck in den Kerntätigkeiten reduzieren“, lautet der von Haunschild und Mußmann beschriebene Handlungsbedarf. Insbesondere Schulleiter und Lehrkräfte mit speziellen Funktionen wie etwa Stundenplanung und Koordination seien besonders belastet.

Er könne sich gut vorstellen, einen Großteil solcher administrativen Aufgaben nicht mehr von Lehrern, sondern verstärkt von Verwaltungsangestellten übernehmen zu lassen, erklärte der Minister. „Die Studie zeigt, dass wir diesen Weg weiter gehen müssen.“ Die Unterstützung des Koalitionspartners ist ihm dabei sicher. „Wir wollen, dass Lehrkräfte künftig wieder mehr unterrichten statt zu verwalten“, sagte CDU-Fraktionsvizechefin Mareike Wulf. Die Entlastung bei der Dokumentation sei ein erster richtiger Schritt. „Die Devise muss lauten: Mehr Vertrauen in die gute pädagogische Arbeit unserer Lehrerinnen und Lehrer und weniger Kontrolle.“

(Dieser Artikel wurde um 19.18 Uhr aktualisiert.)

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