Wildernde Hunde im Werderland

Vier Wildrisse in wenigen Wochen

Jäger und Umweltschützer werben bei Hundebesitzern darum, die Leinenpflicht im Naturschutzgebiet Werderland einzuhalten. Doch viele Tierhalter sind uneinsichtig. Ortsamt plant Freilaufflächen für Hunde.
15.12.2019, 20:59
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Vier Wildrisse in wenigen Wochen
Von Julia Ladebeck

Ein vermeintlicher Wolfsriss hat kürzlich im Werderland für Aufregung gesorgt. Wie berichtet, hatte ein Bürger ein Tier beobachtet, das ein totes Reh im Maul getragen haben soll. Das meldete der Spaziergänger der Polizei und äußerte die Vermutung, es könnte ein Wolf gewesen sein. Nach Einschätzung von Jagdpächter Sven Milz handelte es sich bei dem Tier aber wohl eher um einen wildernden Hund. Immer wieder diskutiert er mit uneinsichtigen Hundehaltern, die ihre Tiere im Naturschutzgebiet frei laufen lassen. Allein von Mitte August bis Ende Oktober verzeichnete er in seinem Jagdgebiet vier Wildrisse.

Die Diskussionen kennen auch Heinz Heumann und Birgit Olbricht. Heumann ist als Naturschutzwart und Jäger für das etwa 270 Hektar große Gebiet Büren in Höhe Moorlosen Kirche zuständig. Birgit Olbricht betreut das Naturschutzgebiet im Werderland für den Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Es umfasst unter anderem ein Sandspülfeld, den Schönebecker Sand, das Areal um den Ökopfad und den Dunger See. „Das Werderland steht nicht nur unter Naturschutz, es ist auch Natura-2000-Gebiet, das die sogenannte Fauna-Flora-Habitatrichtlinie und die Vogelschutzrichtlinie beinhaltet“, betont Olbricht. Es zeichnet sich durch eine große Artenvielfalt aus, unter anderem lebt hier der Steinbeißer, ein seltener geschützter Grabenfisch. Der Dunger See ist Lebensraum für zahlreiche Vogelarten, darunter Haubentaucher, Eisvogel und Silberreiher.

Lesen Sie auch

„Alle Tiere hatten eindeutig Bisswunden“

Wie in allen Natur- und Landschaftsschutzgebieten ist es auch im Werderland verboten, Hunde frei laufen zu lassen. Die Missachtung dieser Vorschrift kann tödliche Folgen haben. Dazu gehören Wildrisse, von denen Sven Milz in wenigen Wochen gleich mehrere verzeichnet hat. Dass die Tiere tot gebissen wurden, steht nach Angaben des Jägers fest. „Wenn wir totes Wild finden, gucken wir nach Auffälligkeiten. Auch, um Wildkrankheiten feststellen zu können, sehen wir uns die Organe an und schauen nach Einblutungen im Fell. Alle Tiere hatten eindeutig Bisswunden“, so Milz. Im Sommer habe sich eine Hundehalterin sogar selbst gemeldet, nachdem ihr Hund ein Kitz gerissen hatte.

Auch Heinz Heumann hat vor einiger Zeit ein schwer verletztes Reh gefunden. „Ich habe es erlöst und später untersucht. Es war völlig zerbissen“, erzählt er. Doch selbst wenn die Hunde nicht gleich zubeißen, sondern nur frei herumlaufen und das Wild jagen, hat das Folgen: „Rund um den Dunger See hat das Wild die Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Es wird jedoch häufig aufgeschreckt – durch Hunde, aber auch Jogger und Radfahrer“, sagt Milz. Dabei gilt in Naturschutzgebieten auch für Spaziergänger die Regel, dass sie auf den Wegen bleiben müssen.

Lesen Sie auch

Die Konsequenzen durch den Stress können für das Wild gravierend sein, beispielsweise für Rehe, die sich in der sogenannten Eiruhe befinden. So bezeichnet man die Zeit zwischen August und Dezember, in der bei Rehen das Wachstum des Embryos im Mutterleib stagniert. Erst danach beginnt die Entwicklung der Jungtiere. Gerade in dieser Phase sei es wichtig, dass die Tiere Ruhe haben. Milz: „Eine Flucht bedeutet Stress und Energieverbrauch. Im schlimmsten Fall wächst der Embryo nicht.“ Und auch Zugvögel, die im Winter am Dunger See rasten, benötigten Ruhe, um ihre Energiereserven aufzutanken. „Das können sie nicht, wenn sie ständig aufgeschreckt werden“, so Olbricht.

Vorfälle mit Nutztieren habe es in der Vergangenheit ebenfalls schon gegeben, erzählt sie. So seien im vergangenen Jahr auf einer Weide mit Schafen mehrere Lämmer gerissen worden. Heinz Heumann berichtet, dass eine Rinderherde einmal derart in Panik geraten sei, dass sie ausbrach. „Wenn die Tiere ihre Kälber beschützen wollen, dann laufen sie auch durch einen Elektrozaun. Ein unangeleinter Hund kann schlimme Folgen haben.“

Ordnungswidrigkeit im Naturschutzgebiet

Sven Milz hat die Erfahrung gemacht: "Es gibt einsichtige Leute, aber auch andere, die auf Krawall aus sind. Da bleibt mir dann nichts anderes übrig, als den Ordnungsdienst zu informieren, damit der Kontrollen macht." Wenn Hunde im Naturschutzgebiet ohne Leine laufen, ist das eine Ordnungswidrigkeit. "Wenn sie ein Tier verletzen oder töten, kann gegen den Besitzer Anzeige wegen Wilderei gestellt werden." Insbesondere die oftmals harschen Reaktionen der Tierbesitzer schockieren den Jagdpächter. Ein vernünftiger Umgang miteinander wäre wünschenswert."

Milz, Olbricht und Heumann betonen, dass sie nichts gegen Hunde haben. „Ich habe selbst Hunde und viel Verständnis. Die Tiere brauchen selbstverständlich Auslauf“, sagt Milz. Wie auch die anderen beiden Naturschützer ist er dafür, dass offizielle Freilaufflächen ausgewiesen werden. Nach aktuellen Informationen aus dem Ortsamt Burglesum könnte es in Burglesum Anfang des nächsten Jahres soweit sein. Demnach soll am Sportparksee Grambke eine Fläche als Hundestrand und Freilauf ausgewiesen werden, wo Hunde auch während der Brut- und Setzzeit ohne Leine laufen und ans Wasser dürfen. Weitere Freilaufflächen sind für Pellens Park und Knoops Wald vorgesehen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+