35 Jahre Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude / 700 Bücher und 1000 Kunst- und Fotokalender

Vom Maler zum Verleger und Autor

Fischerhude (fr). Wenn Wolf-Dietmar Stock Silvester in diesem Jahr einige Korken seines Fliederblüten-Sektes knallen lässt, um im Familienkreis auf das neue Jahr 2011 anzustoßen, kann er gleichzeitig auf 35 Jahre als Verleger von mehr als 700 Büchern und gut 1000 Kunst- und Foto-Kalendern zurückblicken, die unter dem Verlagslogo "Atelier im Bauernhaus" erschienen sind.
27.12.2010, 05:00
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Fischerhude (fr). Wenn Wolf-Dietmar Stock Silvester in diesem Jahr einige Korken seines Fliederblüten-Sektes knallen lässt, um im Familienkreis auf das neue Jahr 2011 anzustoßen, kann er gleichzeitig auf 35 Jahre als Verleger von mehr als 700 Büchern und gut 1000 Kunst- und Foto-Kalendern zurückblicken, die unter dem Verlagslogo "Atelier im Bauernhaus" erschienen sind.

Zum 1. Januar 1976 hat er den Verlag Atelier im Bauernhaus beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels angemeldet und sich in der Szene der Kleinverleger schnell einen klingenden Namen geschaffen. Zunächst wollte sich Stock ganz der Malerei in seinem alten, selbst renovierten Bauernhaus widmen. Doch schon der erste Winter, als eingefrorene Heizkörper und Wasserleitungen platzten, machte ihm deutlich, dass er einem Traum nachhing, von der Malerei leben zu können.

Nachdem sein erstes von ihm illustriertes Buch "Butjadingen" im Haus gedruckt und gebunden, in der Auflage von 1000 Exemplaren innerhalb von nur vier Wochen vergriffen war, stöhnte seine Kleinoffsetmaschine so laut, dass er seither das Drucken einschränkte und größere Werke außer Haus gab. Das Lektorieren, Konzipieren, Gestalten und Vertreiben der Bücher blieben die Aufgabe des kleinen Verlages mit fünf festen Mitarbeitern und gelegentlichen Aushilfen.

Der Oldenburger Autor Klaus Dede, ehemaliger Journalist aus Blexen, begründete mit Stock die Reihe "heimat heute", in der Bücher über Stedingen, Oldenburg und Ammerland, die Umgebung der Jade, Bremerhaven und Wursten folgten. Die neue frische Art, Heimat zu beschreiben, Land und Leute zu würdigen, ganz ohne Heimattümelei, machte die Serie vom ersten Moment an sympathisch und erfolgreich.

Der plattdeutsche Liedermacher Helmut Debus, ein Exponent der Bewegung gegen die Atomkraft, stieg mit ins Boot, besang die plattdeutsche Lieder-Schallplatte "Wo ik herkam" für den Verlag im Studio und verkaufte 40000 Exemplare.

Die bei Radio Bremen und im NDR häufig gespielten Debus-Lieder machten auch den Verlag bekannt. Viele Journalisten reisten zum 5-jährigen Verlagsjubiläum an, um anlässlich eines Folklorekonzerts im Festzelt auf der Wiese zu bemerken, dass Woodstock einen Ableger in Fischerhude austrieb. 5000 Besucher an zwei Tagen wurden gezählt.

Einen Höhepunkt bereits des ersten Verlagsjahres bildete das bundesdeutsche Lesebuch "Berufsverbot", das von namhaften Autoren wie Alfred Andersch, Heinrich Böll, Dieter Hildebrandt sowie mit Grafikern wie Klaus Staeck und Hap Grieshaber und vielen anderen bereichert wurde. Es ging um die Demokratie in der BRD, zu der Stock seinen Beitrag leisten wollte. Das Buch wurde vom Literaturkritiker Wolfram Schütte in der Frankfurter Rundschau als "der geheime Bestseller der Buchmesse" (1976) bezeichnet.

In kürzester Zeit wurden bundesweit 50000 Bücher verkauft. Die Gewinne steckte der Verleger in eine belletristische Reihe, um junge Lyriker und Prosaisten zu fördern. Zahlreiche Editionen der "Fischerhuder Texte" erschienen. Bis zu 2000 mal wurden einzelne Gedichtbände und Prosatexte gedruckt und verkauft. Doch längst nicht alle Titel liefen. Eines Tages erschien sein Steuerberater mit ernstem Blick und verkündete: "Wenn Sie so weitermachen, sind Sie in einem halben Jahr pleite."

Der malende Verleger ging in sich und begründete im Jahr 1979 die "Worpsweder Kalender", großformatige Kunstkalender mit ausgewählten Motiven der Worpsweder Meister. Sie wurden der nächste Erfolg. 10000 Kalender passierten bereits 1978 den Ladentisch.

Das Programm erweiterte sich, als Tille Modersohn, die Tochter Paulas eines Nachmittags auf ihrem Weg zu Christian Modersohn im Atelier im Bauernhaus Rast machte. "Machen Sie doch mal einen Paula-Kalender!", ermunterte sie den Verleger und stellte die Abnahme von 150 Stück für ihren Freundeskreis in Aussicht. Seit dieser Zeit hat es 30 Jahrgänge des großen Paula-Kalenders gegeben. Das "Buch der Freundschaft für Paula Modersohn-Becker", 1927 von Rolf Hetsch herausgegeben, wurde mit moralischer Unterstützung der Tochter von Paula und Otto neu verlegt und entwickelte sich zum Dauerbrenner, ebenso wie das von Petra Hempel 2007 konzipierte Buch "Du" mit einem Märchen, das Paula Modersohn-Becker um 1900 selbst geschrieben hatte. 10000 verkaufte Exemplare. Große Verlage lächeln bei solchen Auflagen. Wolf-Dietmar Stock ist stolz darüber, mit seinem Programm eine ganze Arena von Menschen für seine Bücher zu begeistern zu können. Seine "Lektoratshexen" Petra Hempel und Mareike Kaden können

es manchmal nicht glauben, wenn sie Pakete packen müssen, obwohl sie doch im Augenblick viel lieber die Lektoratspost studieren würden. Aber alle, inclusive der buchhalterischen Seele des Hauses, Irene Uffelmann, die täglich rund 30 Rechnungen schreibt, sind motiviert, um das kleine Kulturunternehmen im bei Wochenendbesuchern beliebten Künstlerdorf voranzubringen.

In den 35 Jahren erneuerte der kleine Verlag sich selbst durch Anregungen von außen, vor allem aber auch durch Impulse von innen. Nachdem Wolf-Dietmar Stock in seiner 1985 von Bürgermeister Hans Koschnik und seiner Frau eingeweihten Fischerhuder Galerie die Maler des Wümmeortes außerhalb von Otto Modersohn zu sammeln begann, entwickelte sich im Verlag ein neuer Schwerpunkt, die norddeutschen und Künstlerkolonien, von seinem langjährigen Mitarbeiter Hans-Günther Pawelcik engagiert betreut. Neben Worpswede und Fischerhude sind es der Hamburgische Künstlerclub, Ahrenshoop, Schwaan, Hiddensee, Nidden, Willingshausen die Havelländische Künstlerkolonie sowie die Künstlerlandschaft Chiemsee. Die Liebe zur Kunst war es auch, die Stock vor 25 Jahren den Kunstverein Fischerhude gründen ließ, der eine vielbeachtete ehrenamtliche Institution mit reger Ausstellungstätigkeit geworden ist.

Dem Fluss, an dem er selber wirkt, der Wümme, Inspirationsquelle der Fischerhuder Maler, widmete der Verlag 2005 ein Lesebuch, das seither zwei hohe Auflagen erzielte. "Die Weser von der Aller bis zur Nordsee" wurde 9000 Mal verkauft. In Zusammenarbeit mit der AG Osteland gab die Schriftstellerin Elke Loewe das außerordentlich gut verkaufte Buch "Die Oste von der Quelle bis zur Mündung" heraus. Das sehr ansprechend gestaltete großformatige Fotobuch "Die Hunte" findet Bewunderung und viele Käufer. Grit Klempows Flußfährenbuch von der Oste brachte sich durch Text und Gestaltung selbst in Fluss.

Romanautoren wie Dietrich Alsdorf "Anna aus Blumenthal" (Auflage 15.000) und "Isern Hinnerk", Gisela Stammer mit "Bauernkanari" und Annelie Schlobohm "Februarflut", Kerstin Lorenz, "Unpassierbar", sorgten für ein sorgfältig ediertes belletristisches Programm. Der Verleger fügte ihm selbst in diesem Herbst seinen eigenen Roman "Hollen - ein Sommermärchen" hinzu - um zu zeigen, was er von seinen Autoren gelernt hat, wie er schmunzelnd hinzufügt.

Insgesamt besteht das Verlagsprogramm heute aus 80 lieferbaren Buchtiteln plus der jeweiligen Kalender, die im Moment bereits für 2012 detailliert geplant werden, nachdem die meisten der gut 30 Titel des Jahres 2011 bereits ab Verlag vergriffen sind.

Bei den neuen Buchtiteln des Verlages für 2011 - Neuerscheinungen und bearbeiteten Neuauflagen - kann man nur von einem Jubiläumsprogramm sprechen. Das Kranich-Buch von Willi Rolfes widmet sich dem sagenumwobenen, seit Jahren verstärkt wiederkehrenden Zugvogel. Ein Buch über die Ostefähren von Gisela Tiedemann-Wingst beschreibt die Geschichte der Flussbegleiter. Ein Bremen-Buch von Nils Aschenbeck führt durch die Bremer Innenstadt. Heinrich Vogelers Lebenserinnerungen kommen für den ausgemachten Liebhaber von Originaltexten als Taschenbuch heraus. Ein dem Otterndorfer Fotografen Ernst Nöldeke gewidmetes bibliophiles Fotobuch zeigt das alte Otterndorf und Land Hadeln in 150 "Lichtblicken" und vom verdienten Heimatarchivator Peter Bussler erscheinen "Cuxhavener Geschichten" als Taschenbuch.

Großes Jubiläums-Lese- und Musikmarathon am 17./18./19. Juni 2011

Zum 17. Juni um 19.30 Uhr hat der Verlag namhafte Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur eingeladen, um sein Jubiläum mit Musik und Literatur mit geladenen Gästen zu feiern. Am 18. Juni stellt der Verlag seine 35-jährige Produktion in einer Ausstellung in Buthmanns Hof vor. Am 19. Juni gibt es von vormittags bis abends ein musikalisches Literaturmarathon, bei dem Autoren der Verlagsgeschichte aus ihren Büchern lesen oder ihre Evergreens preisgeben.

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