Donnerstag ist in Tarmstedt Tafel-Tag / Mitarbeiter-Team sammelt Lebensmittel ein Vom Pudding bis zur Pizza alles spendiert

Tarmstedt. Der Penny-Markt in Tarmstedt. Hintereingang. Wilfried Ruschmeyer steht vor der verschlossenen Tür. Er hat geklingelt, und gleich wird er sich wieder überraschen lassen. Wie jeden Donnerstag. Schritte sind zu hören, ein Schlüssel dreht sich im Schloss, mit einem freundlichen "Guten Morgen" öffnet eine Mitarbeiterin die Tür. Sie eilt zurück in den Raum, gefolgt von Ruschmeyer, der jetzt beide Hände voll zu tun bekommt. Kisten über Kisten stapeln sich auf den beiden Rollwagen, die die Mitarbeiterin zum Ausgang schiebt. Sie sind gefüllt mit Lebensmitteln für die Tarmstedter Tafel.
07.06.2011, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Ulrike Schumacher

Tarmstedt. Der Penny-Markt in Tarmstedt. Hintereingang. Wilfried Ruschmeyer steht vor der verschlossenen Tür. Er hat geklingelt, und gleich wird er sich wieder überraschen lassen. Wie jeden Donnerstag. Schritte sind zu hören, ein Schlüssel dreht sich im Schloss, mit einem freundlichen "Guten Morgen" öffnet eine Mitarbeiterin die Tür. Sie eilt zurück in den Raum, gefolgt von Ruschmeyer, der jetzt beide Hände voll zu tun bekommt. Kisten über Kisten stapeln sich auf den beiden Rollwagen, die die Mitarbeiterin zum Ausgang schiebt. Sie sind gefüllt mit Lebensmitteln für die Tarmstedter Tafel.

Immer donnerstags macht Ruschmeyer von 10 bis 13 Uhr seine Runde durch den Ort und sammelt bei den Geschäften ein, was gut und schmackhaft ist, aber nicht mehr als frisch verkauft werden darf. Darüber freuen sich dann die Menschen, die am Nachmittag den Laden der Tafel an der Hauptstraße betreten. Heute wird das Angebot groß sein. Gleich die erste Station, die Wilfried Ruschmeyer ansteuert, beschert der gemeinnützigen Einrichtung eine voll gepackte Ladefläche im Kombi, den die Tafel für ihre Sammeltouren gespendet bekam. "Man weiß nie, was man kriegt", sagt der Rentner. "Das ist immer eine Überraschung." Ruschmeyer gefällt der ehrenamtliche Job bei der Tafel. Er lacht und versprüht Tatendrang. Seine Hände greifen nach den Kisten, die er im Heck des Wagens sorgsam aufstapelt. Pudding, Käse, Würste, Eier, Buttermilch und Rindergulasch. Noch ein kurzer Plausch mit der Spenderin, hinweg über die letzten Kartons, die voller schokoladiger Erinnerungen ans jüngste Fest

stecken. Im Laden der Tafel ist heute nochmal Ostern. Schwungvoll hebt Wilfried Ruschmeyer die Kartons zuoberst auf all die Waren. Nichts passt mehr hinein. Seine Abholtour hat kaum begonnen, da muss er die wenigen Meter zur Tafel schon wieder zurückfahren. Platz schaffen für die nächsten Waren.

Knapp 30 ehrenamtliche Helfer

Eigentlich gehen sie immer zu zweit auf Sammeltour. Doch weil heute die Zeitung mitfährt, bleibt die Kollegin im Laden. Zu tun gibt es auch hier genug. Knapp 30 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer packen bei der Tafel mit an. Ulrike Steiner, Marianne Kitzelmann und Gisela Meyerdierks haben dabei die Organisation übernommen. In der Küche an der Wand hängen die Dienstpläne. Acht von ihnen helfen heute mit. Auch hier merkt man: Sie haben Lust dazu. "Wenn ich als Rentnerin noch fit bin, kann ich doch noch was tun", sagt Ulli Eisele. "Das macht mir Spaß - auch weil es einem caritativen Zweck dient." Sie sei in ihrem Berufsleben viel in der Welt herumgekommen, erzählt Eisele. Jetzt lebe sie allein in Tarmstedt und freue sich darüber, dass sie hier nette Kontakte knüpfen kann.

Ulrike Steiner hat Kaffee gekocht. Sein würziger Duft zieht durch die Räume. "Wie immer ist er zu stark", scherzen die Kolleginnen, die hinauseilen, um die Kisten mit auszuladen. Ruschmeyers erste Fracht fordert die Frauen. Sie streifen sich Hygienehandschuhe über. Jedes Produkt geht durch ihre Finger, während die Augen nach dem Haltbarkeitsdatum suchen. Sind die Waren abgelaufen, kennzeichnet Ulrike Steiner sie mit einem gut sichtbaren Kreuz. "So wissen die Leute zu Hause, dass sie sie zuerst verzehren müssen." Akribisch schauen die Frauen auf leicht verderbliche Nahrung wie Mayonnaise-Salate oder Fisch. "Was wir uns selber nicht in den Kühlschrank stellen würden, schmeißen wir weg", sagt Ulrike Steiner. Weil heute neben anderem Gemüse auch viele Kartoffeln dabei sind sowie Eier und reichlich Joghurt, legen die Frauen noch ein paar anregende Rezepte dazu. Mit ein paar Kräutern lässt sich aus diesen Zutaten ein schmackhaftes Mittagessen bereiten.

Vor genau einem Jahr hat die Tarmstedter Tafel in den Räumen einer ehemaligen Bäckerei ihre Türen geöffnet. Sie ist eine Zweigstelle der Zevener Tafel, und Träger ist das Diakonische Werk Hannover, berichtet Ulrike Steiner. Sie hat zu Beginn die Tarmstedter Geschäfte abgeklappert und bei den Inhabern für die Idee der Tafel geworben. Über 870 gibt es bundesweit. Sie wollen eine "Brücke zwischen Überfluss und Mangel schaffen", beschreibt der Bundesverband Deutscher Tafeln im Internet sein Anliegen. "In Deutschland werden täglich viele Tonnen Lebensmittel vernichtet, obwohl sie noch verzehrfähig sind. Gleichzeitig gibt es auch hierzulande Millionen Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben." In mehr als 2000 Läden und Ausgabestellen können sie sich versorgen. In Tarmstedt gebe es 78 Haushalte, die über die örtliche Tafel ihre Nahrungsmittel bekommen, sagt Ulrike Steiner. Dafür zahlen die Kunden einen Obolus von zwei Euro. Steiner hat offenbar gute Überzeugungsarbeit geleistet. Bis

auf wenige Ausnahmen spenden alle Tarmstedter Geschäfte Lebensmittel. "Wir sind dafür sehr dankbar", sagt sie. Die Märkte hätten dadurch ja auch Arbeit. "Sie sortieren die Sachen vor und aus, sie müssen sie lagern und bereitstellen."

Zurück zu Wilfried Ruschmeyer. Auf seinem Abholplan stehen noch ein paar Stationen. Er biegt in die Poststraße ein und macht seine Runde. Bioladen, Neukauf und Schlachterei Bösch, wo es Wurst für Hunde gibt. Später fährt er nach Wilstedt und sammelt dort auch die Spenden vom Wochenmarkt ein. Danach geht es in die Nachbargemeinde Grasberg. Doch zunächst trägt er von verschiedenen Bäckereien jede Menge Brote und Brötchen zusammen. Auch Kuchen schluckt der Kombi. "Es ist doch wichtig, den Menschen den Rücken zu stärken", sagt Frauke Bruns, als sie Rosinenbrötchen über den Tresen ihrer Bäckerei reicht. "Es geht doch auch um die Würde", fügt sie hinzu. "Ums gerechte Teilen in der Gesellschaft." Wilfried Ruschmeyer nickt, bedankt sich herzlich und zieht weiter. Ob er sich wie ein Bittsteller fühlt? Anfangs sei diese Arbeit schon ein bisschen spannend gewesen, blickt der Wilstedter zurück. "Wird man akzeptiert? Wie wird man angesprochen?" Aber mehr als ein Nein

würde es nicht geben, habe er sich gesagt. "Und inzwischen kennen sie einen in den Geschäften schon. Das ist ganz angenehm."

Bei Rewe ist der Wagen wieder ruck, zuck voll. Sein Unternehmen, sagt Marktleiter Steffen Krickow, während er dem Abholer die Kisten von der Rampe hinabreicht, sei "national einer der großen Spender". "Vielen, vielen Dank, die Leute werden sich freuen", verabschiedet sich Wilfried Ruschmeyer und erzählt im Wagen von Weihnachten. Am Tag vor Heiligabend hatte er hier eine besondere Bescherung erlebt: 32 Gänse und Puten konnte er von seiner Sammeltour mitbringen. Das war ein Fest. Aber heute ist es auch nicht ohne. Morgens um zehn schaute man bei der Tafel noch in nackte Regale, aber jetzt können die Kunden kommen. Kekse, Eier, Müsli, Kartoffelsalat, Pizza, Nudeln, Salami, Schinken, Garnelen und Studentenfutter liegen bereit. Auf dem Bäckertresen hat eine Kompanie lachender Osterhasen Stellung bezogen. Ein herzhafter Duft von Broten und Brötchen weht herüber. Im hohen Regal an der Wand schmiegt sich Laib an Laib. Waltraud Seemann sortiert im Kühltresen noch schnell den Kuchen, die

Erdbeer-Sahne-Schnitten werden begehrt sein. Unterdessen liefert Wilfried Ruschmeyer die letzte Fuhre. Der Vormittag hat gehalten, was er zu Anfang versprach. Das Überraschungspaket für die Tafel war diesmal besonders groß. Ulrike Steiner strahlt: "Da wird heute gejubelt."

Die Tafel an der Hauptstraße/Ecke Wilstedter Straße feiert in dieser Woche einjähriges Bestehen. Sie öffnet jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr. Anspruch haben Menschen mit geringem Einkommen. Ob man berechtigt sei, sagt Ulrike Steiner, prüfe die Gemeinde.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+