Exportschlager Milch

Von der Wesermarsch in die Welt

Seit einem halben Jahr wird in Ovelgönne im großen Stil Babynahrung produziert. Aus dem Werk des Deutschen Milchkontors in der Wesermarsch wird das Milchpulver in die ganze Welt exportiert.
17.08.2019, 20:34
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Von der Wesermarsch in die Welt
Von Jürgen Hinrichs
Von der Wesermarsch in die Welt

Das Werk in Övelgönne stellt Nahrung für den Nachwuchs aus aller Welt her.

Deutsches Milchkontor

Besichtigen? Keine Chance, überhaupt nicht. Dieses Werk ist ein Kosmos für sich, abgeschlossen von allem, undenkbar, dort einfach hineinzuspazieren. Es gelten Sicherheitsbestimmungen, wie man sie aus Pharmaunternehmen kennt. Medikamente können Leben retten – das Pulver, um das es hier geht, hilft dabei, Leben überhaupt erst heranwachsen zu lassen. Entsprechend sensibel ist der Umgang mit dem Stoff.

In Strückhausen, einem Ortsteil von Ovelgönne, wird seit einem halben Jahr im großen Stil Babynahrung produziert. Von der Wesermarsch in die Welt, könnte man sagen, denn Ziel ist, in mehr als 50 Länder in Europa und Asien zu liefern. Als das 145 Millionen Euro teure Werk feierlich eröffnet wurde, waren internationale Medien zu Gast, darunter Journalisten aus Italien, Spanien, Russland, China und dem Nahen Osten. Nahrung für den geliebten Nachwuchs, sicher und nährstoffreich, das ist überall auf dem Globus ein rares Gut.

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Schaut man sich die Bilder vom Inneren des Werks an, denn das immerhin ist möglich, bleibt am stärksten haften, dass die Produktion in fast klinischer Reinheit über die Bühne geht. Überall blitzt und blinkt es, an den Armaturen, den kilometerlangen Leitungen, den Tanks. Vom Boden könnte man essen, und weil man bei diesen Fotos an einen OP-Saal denkt oder an ein Labor, passt es, dass die Mitarbeiter weiß tragen, die Kluft der Pfleger, Ärzte und Krankenschwestern. Das Haar, bei manchen auch der Mund, sind mit einem Netz bedeckt. Die höchste Form von Hygiene, nichts darf in den Kreislauf geraten, was dort nicht hineingehört, wenn die Milch zu Pulver verarbeitet wird.

Der Rohstoff kommt aus der Region. Die Landwirte müssen dafür Auflagen erfüllen. Sie dürfen den Tieren nur Futter geben, das ohne die Hilfe von Gentechnik hergestellt wurde. Weitere Bedingung ist, die Kühe artgerecht zu halten und sie auf der Weide laufen und grasen zu lassen. Wer das garantieren kann, hat einen sicheren Absatz. In Strückhausen werden in der Spitze pro Jahr bis zu 40 Millionen Kilogramm Milch in die Tanks gepumpt, eine so große Menge, dass ein ganzes Heer von Kühen benötigt wird, um sie bereitzustellen.

Deutsches Milchkontor als wichtiger Arbeitgeber im Nordwesten

Betrieben wird die Fabrik vom Deutschen Milchkontor (DMK). Das Unternehmen mit Verwaltungssitz in Bremen ist mit einem Umsatz von 5,8 Milliarden Euro die größte Molkereigenossenschaft der Republik, ein Milch-Multi, wenn man so will. An mehr als 20 Standorten werden rund 7700 Mitarbeiter beschäftigt. Im Nordwesten sind es in Strückhausen, Edewecht bei Oldenburg, Zeven und Bremen annähernd 2500 Arbeitsplätze. DMK ist in der Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Dass in Strückhausen nun Babynahrung produziert wird, gehört zur neuen Geschäftsphilosophie. DMK will sich quasi von der Milch emanzipieren und geht stärker hin zu den Produkten, die mit diesem Rohstoff hergestellt werden können. Anders gesagt: Es sind die Margen, die interessieren, weniger die Mengen. Die Genossenschaft verspricht sich davon erstens eine höhere Wertschöpfung und zweitens mehr Unabhängigkeit auf einem unsicheren Markt. Als der Milchpreis im Keller war, bei deutlich unter 25 Cent pro Liter, sank zwangsläufig der Umsatz. Dieser Automatismus soll durchbrochen werden, das Rezept: Mehr machen aus der Milch.

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Mit Babynahrung konnte auch in den Krisenjahren gute Erlöse erzielt werden. Zurzeit erwirtschaftet DMK mit dem Produkt namens Humana einen Umsatz von 200 Millionen Euro. Doch das soll erst der Anfang sein. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, den Umsatz in den nächsten zehn Jahren zu verdoppeln.

Chancen bietet vor allem der asiatische Markt. Seit vor elf Jahren in China Babynahrung in Umlauf kam, das mit Melamin verseucht war, sind die Verbraucher alarmiert. Mindestens sechs Kinder sind damals an dem Gift gestorben. Das Vertrauen in die Hersteller war schlagartig weg. Die Eltern griffen stattdessen zu europäischen Produkten. Es gab in Deutschland Drogeriemärkte, die wegen der Hamsterkäufe plötzlich keine Ware mehr hatten. Chinesen im Ausland, die sich für ihre Familien mit dem Milchpulver eindeckten oder es massenhaft in die Heimat schickten, um damit ein Geschäft zu machen. Diese Hysterie ist zwar abgeebbt, immer noch gibt es aber einen regelrechten Strom von Baby­nahrung, der nach Asien exportiert wird. Auch deshalb, weil China schlicht mehr benötigt, seit das Land seine Ein-Kind-Politik aufgegeben hat.

Völliger Umbau in drei Jahren

Die Kuh in der Wesermarsch ist so das erste Glied in einer Globalisierungskette geworden. Zur Molkerei nach Strückhausen gelangt ihre Milch bereits seit 135 Jahren, damals hatten einzelne Landwirte eine Genossenschaft gegründet. Vor acht Jahren stand das Werk, in dem früher mehr als 600 Beschäftigte gezählt wurden, vor dem Aus. Nach einigen Wirrnissen, Tiefpunkt war der kurzzeitige Verkauf an einen niederländischen Investor, gab sich DMK einen Ruck, nahm den Betrieb wieder in Besitz und baute ihn innerhalb von drei Jahren völlig um. Heute sind dort wieder 170 Menschen in Lohn und Brot, im kommenden Jahr soll die Zahl nach Ankündigung des Unternehmens auf 230 anwachsen.

Für Butter, H-Milch und Eiscreme, die Produkte der Vergangenheit in Strückhausen, galt schon ein gewisser Standard bei den Hygienebestimmungen. Kein Vergleich aber zu heute. Das Werk ist in Zonen unterteilt. Mit Gelb überschrieben ist der Bereich, der schon nicht mehr frei zugänglich ist. Die Mitarbeiter müssen durch eine Sicherheitsschleuse und sich mit Schutzkleidung ausstatten. Vor dem Eintritt in die streng abgeschirmte rote Zone, die an einen Reinraum erinnert, wie man ihn aus der Halbleiterfertigung kennt, muss die Montur noch einmal gewechselt werden, damit nur ja keine Keime hineingeraten. In diesem Bereich wird das Milchpulver verpackt.

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DMK hat für die Babynahrung spezielle Behälter entwickeln lassen. Sie enthalten Barrieren für Feuchtigkeit und Sauerstoff, um das Pulver frisch und nährstoffreich zu halten. Das A und O ist auch hier wieder die Hygiene. Die Kartons werden zum Beispiel nicht geklebt, sondern zusammengeschweißt. Maßgabe ist, das sich nirgendwo Bakterien einnisten können.

Vor fünf Monaten hat das Unternehmen einen weiteren Schritt getan, um sich auf das Segment Babynahrung zu konzentrieren. DMK übernahm Alete, die Marke schlechthin in dem Bereich. Seit 85 Jahren wird unter diesem Namen Milchpulver und Brei produziert. Das Werk mit dem Gläschenkost-Sortiment steht im bayerischen Weiding. Daran soll sich nach DMK-Angaben nichts ändern. Die Fabrikation verbleibe beim bisherigen Eigentümer, einem Privatinvestor, der Alete vor vier Jahren von Nestlé übernommen hatte. Vertrieb und Verwaltung wechseln zu DMK. Es ist die Marke, die für das Unternehmen so interessant ist.

Die Milch macht’s, hieß es früher im Marketing von Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Gemünzt war das auf den Verbraucher, auf seine Gesundheit und Fitness. Der Spruch lässt sich aber auch auf das Geschäft der Erzeuger und Verarbeiter anwenden. Ungefähr die Hälfte der Milch, die in Deutschland gewonnen wird, exportieren die Unternehmen ins Ausland. In jedweder Form und eben auch als Pulver, um Säuglinge zu versorgen. Das Werk in Strückhausen ist auf diesem Feld zu einer respektablen Größe geworden. Und deswegen kann man das tatsächlich sagen: Von der Wesermarsch in die Welt.

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