Vor 30 Jahren

Von Wilhelmshaven in die Welt: Olympia war als Schreibmaschine Kult

Zu Tausenden und Abertausenden ging sie von Wilhelmshaven aus in die Welt. Vor 30 Jahren erlebte die berühmte Schreibmaschine ihren Niedergang.
26.10.2020, 15:25
Lesedauer: 3 Min
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Von Wilhelmshaven in die Welt: Olympia war als Schreibmaschine Kult
Von Jürgen Hinrichs

Sechzig Bewerbungen, jede nicht länger als eine DIN-A4-Seite, denn sonst liest sie niemand, sagen die Bewerbungsprofis. Aus keiner dieser Ranwanzereien ist etwas geworden, alle abgelehnt. Noch zu früh, war die Antwort, erst mal studieren. 60-mal dasselbe Schreiben, und wehe, es passierte ein Fehler. Korrekturen mit Tippex kamen nicht infrage, das hätte man gesehen, unmöglich, ausgeschlossen. Also ein neuer Bogen Papier, und noch einmal von vorn, mit höchster Konzen­tration und einer Portion Pedanterie.

Am Ende waren es zwei volle Tage, die Haltung gebückt, in Demut fast vor der Schreibmaschine. Sie tat brav ihren Dienst, und wenn’s trotzdem schiefging, war es der junge Mann an der Tastatur, der trotz aller Anstrengung oder gerade deshalb immer mal wieder den richtigen Buchstaben verfehlte oder bei den Leerzeichen schlampte. Verflixt! Von vorn!

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Das sind intensive Tage – verbandelt mit Monica, einer Dame aus gutem Haus, die ihre Aufgabe ernst nimmt: 1A-Schriftbild, alles akkurat. Monica ist im Ganzen top, das hatten viele verstanden und die Schreibmaschine vor gut 50 Jahren zu einem Verkaufsschlager gemacht. Zu Tausenden und Abertausenden ging sie von Wilhelmshaven aus in die Welt – oder nur ein paar Kilometer weiter, ins Friesische, wo jemand Hoffnung hegte, 60mal, und in seinem Leben die erste große Enttäuschung erfuhr.

Die Maschine ist noch da, verborgen im schwarzen Koffer, und kann jederzeit wieder hervorgeholt werden. Doch wozu? Für ein Foto immerhin. Monica! Guck an, überhaupt nicht verändert. Das Farbband taugt sicher nichts mehr, zu alt, aber sonst? „Kannst mitnehmen“, sagt der Vater. Er wäre froh, eine Last weniger, und fürs Schreiben ist der Computer da. Monica wird abserviert. Gnadenlos.

Fast 30 Jahre her, dass in den Olympia-­Werken in Roffhausen bei Wilhelmshaven die Produktionsbänder gestoppt wurden. Aus, Schluss und vorbei, da half auch der Widerstand nichts, und er war mächtig. In den besten Zeiten fanden bis zu 13 000 Menschen Beschäftigung, so viele wie heute in Bremen bei Mercedes. Ein Riesenplus für die strukturschwache Region am Jadebusen. Doch Olympia und der Mutterkonzern AEG hatten die Zeit verschlafen, sie waren nicht rechtzeitig genug am Start, als die Digitalisierung Fahrt aufnahm. Schreibmaschinen, auch solche mit vollelektronischer Ausrüstung, ließen sich kaum noch verkaufen. Die Monica sowieso nicht, sie kam ins Museum.

Und dort steht sie nun, wie so viele andere Modelle, die von 1946 an in Roffhausen hergestellt wurden oder vorher an anderen Standorten der AEG. Zwei Räume Technikgeschichte auf dem ehemaligen Werksgelände, das heute ein Technologiezentrum beherbergt. Unterhalten wird das Museum vom Heimatverein der Stadt Schortens, zu der Roffhausen gehört. „Die Monica gab es zuerst mit Blechverkleidung, danach aus Kunststoff“, sagt Peter Homfeldt, „sie war ein Klassiker, im Preis sehr günstig.“ Homfeldt war 36 Jahre bei Olympia beschäftigt, ein „Olympianer“, wie sie sich nannten. Das galt was in der Gegend und brachte zur Not auch mal einen kleinen Kredit. „Beim Anschreiben brauchte man nur den Werksausweis zeigen“, erzählt der 82-Jährige. Der Erfolg strahlte auch auf den Fußball aus: Olympia Wilhelmshaven brachte es damals in die 2. Liga.

Homfeldt bietet Führungen an. Vor Corona kamen jedes Jahr ein paar Hundert Besucher, doch seit der Pandemie ist es damit vorbei. Das Museum bleibt trotz der Anfragen vorerst geschlossen.

An einer der Wände hängt ein großformatiges Foto, das Frauen zeigt, die an der Schreibmaschine sitzen. Den Blick stur auf die Tastatur gerichtet, sehr konzentriert. „Das war das Einschreibzimmer“, erklärt Homfeldt. Die Frauen mussten zur Kon­trolle der Maschinen immer denselben Brief tippen. Stimmt alles mit dem Schriftbild, funktioniert der Tabulator? Eine stupide Arbeit. 60mal, nein häufiger, und es war keine Bewerbung.

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