Unterwegs mit dem Landratskandidaten / Heute: Sozialdemokrat Stefan Kühn will sich bekannt machen

Von Wuppertal nach Brake

Es ist nicht viel los im Zentrum Alte Molkerei in Berne. Gemeinsam mit einer Handvoll Genossen hat Stefan Kühn seinen Wahlkampfstand aufgebaut. Der 51-jährige Sozialdezernent aus Wuppertal möchte sich bei den Bernern bekannt machen, damit sie bei der Landratswahl am 22. September ihr Kreuz bei seinem Namen setzen, wenn es darum geht, einen Nachfolger für den scheidenden Michael Höbrink zu bestimmen.
15.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Wuppertal nach Brake

Stefan Kühn kennt die Wesermarsch sehr gut, sagt er. Auch wenn er in Wuppertal arbeitet, so lebt er doch jetzt wieder hier.

Wenke

Es ist nicht viel los im Zentrum Alte Molkerei in Berne. Gemeinsam mit einer Handvoll Genossen hat Stefan Kühn seinen Wahlkampfstand aufgebaut. Der 51-jährige Sozialdezernent aus Wuppertal möchte sich bei den Bernern bekannt machen, damit sie bei der Landratswahl am 22. September ihr Kreuz bei seinem Namen setzen, wenn es darum geht, einen Nachfolger für den scheidenden Michael Höbrink zu bestimmen.

VON BARBARA WENKE

Wesermarsch. Die wenigen Leute, die an diesem frühen Nachmittag im Zentrum Alte Molkerei in Berne einkaufen, haben überwiegend anderes im Kopf als die am 22. September stattfindende Landratswahl. Der kleine Stand mit dem überdimensionalen Konterfei eines schmalen Mannes findet kaum Interesse. SPD-Landratskandidat Stefan Kühn nimmt‘s gelassen. "Man erlebt so viele tolle Projekte", sagt der 51-Jährige, da haue ihn ein Tag wie dieser nicht um. Überhaupt empfinde er seinen Wahlkampf nicht als Wahlkampf. Für den Sozialdezernenten der Stadt Wuppertal mit Erstwohnsitz in der Gemeinde Stadland bedeutet sein derzeitiges Herumreisen zwischen Weser und Jadebusen mehr. "Für mich ist das Heimatkunde in kürzester Zeit", sagt der Mann, dessen Markenzeichen die zum Anzug passende Fliege ist.

Nach wenigen Minuten bietet sich doch eine Möglichkeit zum Gespräch außerhalb des Genossenkreises, der Stefan Kühn an seinem Stand Gesellschaft leistet. Ein Mitglied des örtlichen Fußballvereins bietet dem Kontaktsuchenden eine Werbebande am neuen Kunstrasenplatz an. "Da können Sie richtig Werbung für sich machen", lockt der Fußballer. Doch Kühn winkt ab. Das Engagement würde schließlich über den Wahltermin hinausgehen. Kühn bietet einen Kompromiss an: "Sie können mir mal einen Spielplan schicken. Entweder als interessiertem Bürger der Wesermarsch oder als interessiertem Landrat."

Haus in Schwei gekauft

Stefan Kühn und seine Ehefrau haben sich vor fünf Jahren ein Haus im Stadlander Ortsteil Schwei gekauft. Die Begeisterung für die Wesermarsch besteht bei dem gebürtigen Kölner aber schon viel länger. Stammte sein Großvater doch aus Elsfleth. "Die Kontakte in die Wesermarsch sind nie abgerissen", erzählt der 51-Jährige, der das "R" immer besonders scharf rollt. "Der Bruder meines Opas war Hafenmeister in Brake. Und ich kenne die Wesermarsch von Kindesbeinen an."

Vor fünf Jahren dann wollte er "zurück zu den Wurzeln". Gemeinsam mit seiner Frau kaufte er ein 3000 Quadratmeter großes Areal in Schwei, auf dem er nun jede freie Minute in seinen verwilderten Garten und das Haus steckt. Gearbeitet hat Stefan Kühn dennoch weiter als Sozialdezernent der Stadt Wuppertal. "Wie viele Männer in der Wesermarsch fahre ich sonntags abends auf Montage", bemerkt der promovierte Sozialwissenschaftler und lacht.

In Wuppertal fallen das Sozialamt, das Jugendamt, der Bereich Gesundheit, die städtischen Kindertagesstätten, Altenheime und das Jobcenter in seinen Zuständigkeitsbereich. "Ich bin seit vielen Jahren gewohnt, eine große Verwaltung zu leiten", stellt Kühn seine Stärken heraus. Zudem habe er das juristische Rüstzeug und das Know-how, "wie man Förderprogramme nutzt".

Besonders am Herzen liegt dem 51-Jährigen nach eigenen Worten die Stärkung der regionalen Wirtschaft. Denn nur wenn die floriere, könnten die Betriebe Personal einstellen. Mehr und sichere Arbeitsplätze bedeuteten zudem einen Zuzug – oder zumindest keinen Wegzug – junger Menschen.

Im Zentrum Alte Molkerei ergreift Stefan Kühn die Initiative. Er spricht von sich aus Passanten an. Drückt ihnen lächelnd Flyer in die Hand. Einen Einkaufswagenchip samt Halterung gibt‘s gratis dazu. "Oh, Kühn-Reisen verschenkt hier Reisen", feixt ein Mann, als er den Stand des Kandidaten passiert. Der kontert: "Ja, neben mir ist noch ein Platz auf dem Beifahrersitz frei. Wenn meine Frau nicht mitkommt, können Sie mitfahren." Kühn beweist Spontaneität. Er profitiert dabei sicherlich noch von seinen Auftritten als semi-professioneller Kabarettist, mit denen er sich in den Neunzigerjahren sein Studium finanziert hat. "Der kritisch spöttelnde Blick auf Politik und Gesellschaft hat mir gefallen."

Jetzt spöttelt er nicht mehr. Jetzt setzt er sich ernsthaft mit den Anforderungen des Lebens auseinander. Die älter werdende Gesellschaft liege ihm dabei besonders am Herzen. "Ich bin viel im Bereich der Altenpflege unterwegs." Wenn man ihm einige Zeit zuhört glaubt man es gern. Eine Woche vor seiner Werbeaktion in Berne hat der 51-Jährige im Awo-Altenpflegeheim in Lemwerder mit Heimleitung und Vertretern der SPD über Demenzerkrankungen, Eingliederungshilfen und Betreuungsassistenten diskutiert. Im Zentrum Alte Molkerei gehen die Gespräche nicht so sehr in die Tiefe. Aber noch möchte sich Kühn ja auch nur vorstellen.

Was tun gegen Ärztemangel?

n Die Vermögenssteuer wird uns nicht helfen. Die fließt dem Bund zu. Was wir dringend brauchen, ist eine kommunale Finanzreform. So müssen wir zum einen massiv bei den Sozialkosten, die wir zu bezahlen haben, entlastet werden. Und wir müssen auf Konnexität achten, das heißt, wer die Musik bestellt, muss sie auch bezahlen. Es kann nicht sein, dass der Bund Aufgaben beschließt und wir müssen sie bezahlen.

Was tun gegen Ärztemangel?

n Ich glaube, dass die Energiewende eine Chance für unsere Region ist. Und wir sehen ja schon jetzt in Lemwerder, wie viele Arbeitsplätze daran hängen. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist auch ökologisch notwendig. Die Biogasanlage gehört für mich nicht dazu. Ich bin froh, dass wir in der Wesermarsch gekennzeichnet sind, durch die klassischen bäuerlichen Betriebe. Wir sollten alles tun, dass diese Struktur möglichst erhalten bleibt.

Was tun gegen Ärztemangel?

n Dazu gehört neben der Wirtschaftsförderung eine gute Infrastruktur für Familien, also der Ausbau der Betreuungsangebote. Wenn Familien wissen, dass ihre Kinder hier verlässlich betreut werden, dann ist das ein Standortargument. Wir sollten aktiv mit Standortqualitäten werben. Die Wesermarsch ist eine wunderschöne Region. Es lohnt hierhin zu ziehen, unter anderem weil man hier bezahlbare Mieten hat und bezahlbares Wohneigentum schaffen kann.

Was tun gegen Ärztemangel?

n Da kann der Landkreis relativ wenig Anreize schaffen. Die Entscheidungen liegen im medizinischen Bereich. Es ist die Frage, wie die Finanzierungsstruktur innerhalb des Gesundheitssystems aussieht. Das ist etwas, was man als Landkreis nur begrenzt steuern kann.

Was tun gegen Ärztemangel?

n Auf Platz eins muss auf jeden Fall die wirtschaftliche Entwicklung stehen, denn an den Arbeitsplätzen hängt es, dass Menschen vor Ort bleiben und neue Menschen zuziehen.

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