Die Norddeutsche vor 25 Jahren Überwältigende Solidarität – und ein Betrugsversuch

Am 5. März 1996 lautete eine Überschrift in der NORDDEUTSCHEN „Wilderer mit Schalldämpfer auf der Pirsch“.
07.03.2021, 12:00
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Von Marina Köglin

Am 5. März 1996 lautete eine Überschrift in der NORDDEUTSCHEN „Wilderer mit Schalldämpfer auf der Pirsch“. Inhaltlich ging es dabei um „wildernde Hunde und Menschen“, die damals in den Revieren des Hegerings 3 in Schwanewede und Neuenkirchen unterwegs waren. Der damalige Hegering-Leiter Klaus Stegie berichtete von einigen „verluderten“ Rehböcken – die Tiere waren angeschossen worden und schließlich verendet. Wieviel Rehwild tatsächlich von Wilderern erlegt worden ist, konnte der Hegering-Leiter nicht sagen, er ging jedoch von einer verhältnismäßig hohen Dunkelziffer aus. Es sei sehr schwierig, Wilderer zu stellen: „Sie sind, wie die Jäger wissen, mit großkalibrigen Jagdgewehren und aufgesetzten Schalldämpfern auf verbotener Pirsch.“ Da die Revierinhaber und Jäger nicht ständig nachts auf die Wilderer „ansitzen“ könnten, erhielten sie mittlerweile Unterstützung von der Polizei; die Beamten fuhren auf ihren Streifen auch durch die Reviere.

Jäger und Sammler ganz anderer Couleur trafen sich im Blumenthaler Hotel „Zum Klüverbaum“. Der Briefmarkensammlerverein Blumenthal hatte zu einer Briefmarkenschau mit Tauschtag eingeladen und freute sich über regen Zuspruch. „Kleine Kunstwerke der Post fanden lebhaftes Interesse“ war am 5. März 1996 in der NORDDEUTSCHEN zu lesen. Die Besucher drängten sich im gut besuchten Ausstellungsraum, um die nach Themen geordneten und beschrifteten Marken zu bewundern. „Andere saßen an langen Tischen, zeigten oder bewunderten die gesammelten Postwertzeichen und tauschten Marken, um ihre Briefmarken-Themen zu komplettieren. Weniger wertvolle Marken, besonders für Anfänger interessant, lagen in Grabbelkisten bereit“, heißt es in dem Artikel.

Der Briefmarkensammlerverein Blumenthal war 1987 gegründet worden. In den 1990er-Jahren hatte der Verein 44 Mitglieder, die unter anderem auch Ausstellungen in der Burg Blomendal veranstalteten. Mehrere Vereinsmitglieder errangen mit ihren Exponaten bei Wettbewerbsausstellungen diverse Medaillen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends gingen die Mitgliederzahlen allerdings zurück; am Ende hatte der Verein noch zwölf Mitglieder, von denen sich nur vier regelmäßig trafen. 2014 hat sich der Briefmarkensammlerverein Blumenthal nach 27-jährigem Bestehen aufgelöst.

Bestimmt wurde die Berichterstattung nach wie vor durch die Vulkan-Krise. Auf der Ziegelmauer vor dem Werfttor brannten weiße, grüne und blaue Petroleumlaternen. Jeden Tag kam eine weitere hinzu. Dieser „Mahnwachenkalender“ zeigte an, wie lange die Vulkanesen schon für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpften. Dabei waren sie nicht allein; die Welle der Solidarität, auf der die Vulkan-Mitarbeitenden schwammen, war ungebrochen. Wie zuvor versprochen, besuchte die Mannschaft von Werder Bremen mit Trainer Dixie Dörner und Manager Willi Lemke die Werft, um zusammen mit einigen Werftarbeitern für ein Mannschaftsfoto der besonderen Art zu posieren: Fußballprofis und Vulkanesen tauschten dafür die Arbeitskleidung; Schutzhelm und Blaumann für die Fußballer; grün-weiße Trikots für die Vulkanesen. „Verkehrte Welt beim Bremer Vulkan titelte DIE NORDDEUTSCHE am 7. März 1996 auf der ersten Seite. Der damalige Werder-Manager Lemke kündigte an, dass das Poster mit den beiden „Teams“ von Werder Bremen und Bremer Vulkan in einer Auflage von 20.000 Stück gedruckt werden sollte.

Unterstützung gab es nicht nur von Fußballprofis, sondern auch aus den Reihen der jüngsten Nordbremer. So bekam die Mahnwache am Werfttor Besuch vom Kindergarten an der Landrats-Christian-Straße. Die Mädchen und Jungen brachten selbst gebastelte Papierschiffe sowie frischgebackene Waffeln mit. „Die Kleinen tragen bunte Papiermützen mit Schiffsmotiven auf dem Kopf“, berichtete DIE NORDDEUTSCHE am 8. März 1996. „Der Vulkan soll bleiben“ war mit Buntstiften auf die Mützenschilde geschrieben.

Wenige Tage zuvor hatte sich die Fraueninitiative „Brot und Rosen“ gegründet, um Ehemänner und Partner beim Kampf um ihre Arbeitsplätze zu unterstützen. Mit Pauken und Trillerpfeifen zogen die Demonstrantinnen dem Bericht zufolge zum Vulkan-Tor. Ihr „unüberhörbarer Solidaritätsmarsch“ wurde von einer Polizeieskorte begleitet. Am Werfttor „warteten bereits mehrere hundert Vulkanesen auf ihre Unterstützerinnen – und der Shanty-Chor ,Hart Backbord', der zu einem improvisierten Konzert angetreten war“, berichtete DIE NORDDEUTSCHE am 9. März 1996.

Im Bürgerhaus Vegesack fand ein Benefizprogramm mit zahlreichen Nordbremer Gruppen und Akteuren statt, die alle unentgeltlich auftraten. „Der Erlös aus dem Speisen- und Getränkeverkauf ist für die Solidaritätskasse des Betriebsrates bestimmt“, war am 11. März 1996 in der NORDDEUTSCHEN zu lesen. Mehrere Chöre und Musikgruppen, das Statt-Theater Vegesack, der Jugendzirkus Tohuwabohu und verschiedene Tanzgruppen gestalteten das Programm und auch der Kabarettist Helmut Ruge, der am Abend im Kito auftrat, hatte sich zu einem spontanen Kurzauftritt gemeldet.

Zwei Männer versuchten, die Hilfsbereitschaft und Solidarität der Nordbremer für die Vulkanesen zu ihrem Vorteil zu nutzen: „Betrüger im Arbeiter-Dress – Polizei bittet um Hinweise“, lautete am 12. März 1996 eine Überschrift in der NORDDEUTSCHEN. Zwei Männer – bekleidet mit Blaumännern und IGM-Helmen – hatten in Aumund versucht, „Spendengelder für den Bremer Vulkan zu sammeln. Weil sie dazu weder vom Vulkan noch von der IG Metall autorisiert waren, geht die Polizei von einem Betrügerduo aus.“

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