Auch in diesem Jahr präsentiert Holzbildhauer Klaus Lerche neue Kreationen auf dem Festival Maritim Vor jeder Figur steht die Idee

Von Christian Pfeiff
27.07.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Christian Pfeiff

Lemwerder. Der Ortsteil Sannau bildet nicht gerade das Epizentrum der Wesermarsch. Nur eine schmale Straße führt durch die etwas abgelegene Siedlung zwischen Lemwerder und Altenesch. Passiert man diese jedoch weit genug, gewährt ein hölzernes Empfangskomitee noch vor der Einfahrt Aufschluss über die Wohn- und Wirkstätte des Holzbildhauers und Skulpturenkünstlers Klaus Lerche.

Seit zwölf Jahren widmet sich der pensionierte Berufsschullehrer der selbst gewählten Aufgabe, aufwändig gestaltete Figuren und Skulpturen aus ausgedienten Obstbäumen zu gestalten. "Nach meinem Ausscheiden aus dem Schuldienst suchte ich nach einer neuen Aufgabe, die mich ausfüllt", gibt Lerche freimütig zu Protokoll.

Der Wechsel auf die Holzbildhauerei stellte dabei durchaus einen inhaltlichen Bruch in der Biografie des vormaligen Pädagogen dar, vermittelte er zuvor seinen Schutzbefohlenen doch jahrzehntelang Kenntnisse in Sachen Chemie und Metallverarbeitung.

Wie sooft spielte der Zufall eine nicht unwesentliche Rolle für die künstlerische Neuorientierung Lerches. Ein gefällter Birnbaum eines Nachbarn weckte erste kreative Assoziationen: "Mir fiel auf, dass die markante Astgabelung des Baums auf den Kopf gestellt an menschliche Beine erinnerte."

Per Holzhammer und Beitel mit einem Gesicht verziert, entstand aus diesem Stamm daraufhin Lerches erste Skulptur. Der "Wächter von Sannau", so der Name des Erstlings, hält auch heute noch ein schützendes Auge über das Anwesen der Lerches, ein altes Bauernhaus aus dem Jahr 1866, welches das Ehepaar vor vierzig Jahren in mühevoller Eigenarbeit zu einer ebenso rustikalen wie urgemütlichen Wohnstätte renovierte.

Den früheren Kuhstall des Anwesens funktionierte Lerche indes nach der Entdeckung seiner künstlerischen Fertigkeiten zu seiner eigenen Werkstätte um. Neben Holzhämmern, einer beachtlichen Sammlung an hochqualitativen Beiteln in verschiedenen Größen und Malerutensilien zur abschließenden farblichen Veredelung seiner Werke, findet sich hier auch eine eigens angeschaffte Seilwinde mit einer Tragkraft bis zu 600 Kilogramm, mit der der Künstler sein "Arbeitsmaterial" auf die dafür bereitstehenden Holzböcke manövriert. "Der Transport der Stämme und der fertigen Skulpturen fällt mir mit den Jahren leider immer schwerer", gesteht der 73-Jährige mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme.

Solcherlei Widrigkeiten beeinträchtigen den Schaffensdrang des Künstlers jedoch keinesfalls: Pro Jahr stellt Lerche etwa drei bis vier seiner zumeist lebensgroßen Figuren fertig, kann nach zwölf Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit einen Fundus von etwa dreißig Figuren vorweisen. Bei diesen handelt es sich selbstverständlich um Unikate, die Lerche in monatelanger Arbeit vollendete.

Das Material hierzu stammt bislang ausschließlich aus Sannau: "Nachdem sich meine Leidenschaft herumgesprochen hat, versorgen mich meine Nachbarn fast regelmäßig mit ausgedienten Bäumen, die ansonsten wohl als Brennholz verendet wären." Getrocknete Obstbäume, jedoch auch Eichenholz, stellen das ideale Material für seine Arbeit dar, befindet Lerche: "Häufig kann ich es jedoch gar nicht abwarten, bis das Holz getrocknet ist und mache mich vorher schon an die Bearbeitung", gesteht er lächelnd. Die hieraus resultierenden Risse werden indes stimmig in das Gesamtwerk integriert.

Mit den Jahren immer aufwendiger

Bei der Betrachtung seines Werkkatalogs tritt eine deutliche Entwicklung zutage: Orientierten sich die Frühwerke noch merklich an den natürlichen Gegebenheiten des vorhandenen Arbeitsmaterials, wurde die Bearbeitung mit den Jahren immer aufwändiger, die Figuren - allesamt menschenähnliche Gestalten - mit immer mehr Details ausgestattet.

"Mittlerweile habe ich häufig schon eine Vision der letztendlichen Figur im Kopf, bevor ich mich an die Arbeit mache", erklärt der Künstler. "Diese verändert im Verlauf des Arbeitsprozesses jedoch häufig ihre Gestalt." Nach wie vor lässt sich Lerche jedoch auch gern von seinem Material inspirieren: "Der Hüftschwung war quasi schon durch den Baumwuchs gegeben, ich habe quasi nur den Rest ergänzt", verweist er schmunzelnd auf seine Skulptur "Frau mit blauen Augen", die sich offensichtlich gerade in einem tänzerischen Wiegeschritt einer imaginären Musik hingibt. "Je nach dem Umgebungskontext ihrer Platzierung erzählen meine Figuren immer eine andere Geschichte", ist Lerche überzeugt.

Einem direkten künstlerischen Vorbild eifert er nicht nach: Zwar bewundere er nach wie vor die Arbeiten des Worpsweder Künstlers Waldemar Otto, sieht sich von diesen jedoch nicht beeinflusst: "Ich möchte meinen eigenen Stil weiterentwickeln", bekräftigt Lerche.

Der Gedanke, mit seiner Kunst an die Öffentlichkeit zu gehen, kam ihm zunächst nicht. Erst ein Bericht in der NORDDEUTSCHEN machte die Organisatoren des Festival Maritim vor zwei Jahren auf den bis dato unentdeckten Holzbildhauer aufmerksam. Seitdem ist Lerche auf diesem regelmäßig mit seinen Skulpturen vertreten. Auch in diesem Jahr wird er im stimmigen Ambiente des Stadtgartens seine neuesten Kreationen präsentieren und zum Verkauf anbieten.

Zudem dient auch sein eigener Blog im Internet sowohl als Werksübersicht als auch als Kontaktmöglichkeiten zu potentiellen Interessenten. Rund zwanzig seiner Werke hat er bereits verkauft, die früheren Bäume aus Sannau haben mittlerweile zum Teil in der Pfalz oder in Frankfurt einen neuen Standplatz gefunden. "Ich bin glücklicherweise finanziell nicht auf den Verkauf meiner Werke angewiesen. Meine oberste Priorität lautet nach wie vor, dass ich mit dem Werk und meiner Arbeit an diesem zufrieden sein will", gibt Lerche Aufschluss über seine künstlerischen Prämissen. Das zunehmende öffentliche Interesse an seinen Erzeugnissen schmeichelt ihn indes durchaus: "Jeder Künstler freut sich über öffentliche Anerkennung."

Wer nicht bis zum Festival Maritim warten oder den Weg nach Sannau auf sich nehmen will, kann sich im Internet unter der Adresse http://skulpturen-figuren-klauslerche.blogspot.com/ einen ausführlichen Überblick über das bisherige Werk Lerches verschaffen und bei Interesse auch mit dem Künstler in Kontakt treten.

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