Gespräch mit Blocklands Ortsamtsleiter Gerd Gartelmann: Viele Themen auf dem Tisch

Der Blocklander Bürgermeister Gerd Gartelmann hat viel vor. Seit knapp einem Jahr leitet er das Ortsamt am Deich und stellt die Weichen für die Zukunft. Welche das sind, erklärt der Biolandwirt im Interview.
23.09.2020, 17:21
Lesedauer: 4 Min
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Gerd Gartelmann: Viele Themen auf dem Tisch
Von Petra Scheller

Herr Gartelmann, Sie sind bald ein Jahr im Amt – wie ist Ihre Bilanz?

Gerd Gartelmann: Ich bin angetreten, um Politik im Blockland sichtbarer zu machen. Mein Ziel war es, zunächst mal viele Kontakte zu knüpfen. Da hat mir Corona natürlich einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Welt verändert sich rasant – das macht vor dem Blockland nicht halt. Wir haben viele Themen auf dem Tisch: Glasfaserausbau am Deich, die Sanierung der Wümme – für uns Blocklander wichtig, weil uns die Häuser wegbrechen. Die Landwirtschaft verändert sich – ich gebe im nächsten Jahr wahrscheinlich meine Kühe auf, wie schon so viele Landwirte im Blockland vor mir.

Sie haben viele Themen trotz Pandemie angeschoben. Fangen wir mit dem Breitbandausbau an.

Ich habe die Hoffnung, dass wir demnächst den ersten Spatenstich feiern werden. Die Glasfaserverlegung am Deich ist jedoch schwierig, weil auf der Deichstraße eigentlich nichts verlegt werden darf. Doch nun haben wir gemeinsam mit dem Deichverband und der Bremischen Umweltbehörde eine gute Lösung gefunden. Das Unternehmen ist da ein bisschen blauäugig herangegangen. Im Januar stand fest, dass im Blockland ausgebaut werden soll. Leider wurde erst im Juli der Antrag gestellt. Dann kam die Urlaubszeit. Jetzt haben wir September. Im Naturschutzgebiet darf nur bis Oktober gebuddelt werden. Mal sehen, wie weit sie kommen.

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Gute Nachrichten gibt es voraussichtlich für die Sanierung der Wümme?

Ja, mal abwarten. Im kommenden Jahr soll die Wümme mit Bundesmitteln aus dem Programm „Blaues Band“ saniert werden. Das ist der Plan. Für uns ist das auf jeden Fall ein Einstieg. Da ist in erster Linie die Renaturierung der Ufer geplant. Was uns Blocklander beschäftigt, ist vor allem der große Unterschied zwischen Ebbe und Flut – also der Tidenhub – der inzwischen in Teilen einen Unterschied von drei Metern ausmacht. Insbesondere das Niedrigwasser ist für uns ein großes Thema.

Inwiefern?

Zurzeit ist es so, als ob es zweimal am Tag eine Grundwassersenkung gibt. Bei Ebbe sinkt der Grundwasserspiegel auf zwei Meter unter Null. Das ist dramatisch. Dem feuchten Sand am Deich wird das Wasser entzogen. Dadurch rieselt der Sand, auf dem die Häuser stehen, zusammen. Die Häuser sacken in sich zusammen. Das bestätigen inzwischen auch Experten. Die gute Nachricht: Umweltsenatorin Maike Schaefer will sich das demnächst einmal persönlich angucken.

Sie haben das bereits besprochen?

Wir haben einen ganz guten Draht zueinander. Die Senatorin kennt die Probleme, die sich für die Deichbewohner durch die enorme Strömungsgeschwindigkeit der Wümme ergeben. Das Thema ist Gegenstand des Koalitionsvertrages von SPD und Grünen. Für uns bleibt abzuwarten, ob sich Schaefer gegen die Senatorin für Wissenschaft und Häfen, Claudia Schilling (SPD), durchsetzen kann. Schilling hat bereits erklärt, dass sie für eine Weservertiefung ist.

Sind die Blocklander mehrheitlich gegen die Weservertiefung?

Das kann ich so pauschal nicht für alle sagen. Fest steht, seitdem die Weser vertieft wird, verschlechtert sich der Zustand der Wümme jeden Tag. Es gibt einen Generalplan Küstenschutz. Vielleicht würde es dem Blockland schon helfen, wenn das Lesum-Sperrwerk umgebaut werden würde. Die Wasserstände in der Weser sind inzwischen permanent zu hoch. Dadurch steigt der Tidenhub der Wümme – dass sich das ändern muss, darüber sind sich inzwischen alle Fraktionen im Blockland einig.

Wie einig sind sich die Fraktionen zum Thema Strukturwandel?

Die Landwirtschaft wandelt sich. Jeder sucht sich eine Nische – und baut sich ein zweites Standbein auf. Viele bauen ihre Höfe um, vermieten Wohnungen und Ferienwohnungen, vermarkten ihre Produkte direkt auf dem Hof. Das zieht natürlich mehr Publikum ins Blockland. An den Wochenenden ist hier viel los. Einerseits ist das natürlich gut. Andererseits ist der Deich dann dicht.

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Gemeinsam mit dem Amt für Straßen und Verkehr (ASV) soll demnächst eine Lösung beraten werden.

Im Prinzip ist die Lösung schon da. Anlieger und Anwohner dürfen auf dem Deich Autofahren – alle anderen müssen aufs Rad umsteigen oder zu Fuß gehen. Das Verfahren der Deichscheinvergabe könnte besser gelöst werden. Daran arbeiten wir zurzeit. Wir wollen den Deich nicht als Spazierweg für Autofahrer öffnen, aber denen, die hier was zu tun haben, auch keine Steine in den Weg legen.

Es wird oft beklagt, dass Beiräte wenig Einfluss auf die Landespolitik haben. Ist das bei Ihnen anders?

Natürlich hätten wir gerne mehr Macht (lacht). Wir hätten gerne Glasfaserkabel bis ans Haus, und nicht nur – wie von der Landesregierung ausgeschrieben – bis zum Verteilerkasten. Wir brauchen dringend ein Stadtteilbudget, weil Globalmittel und Zuwendungen für verkehrliche Maßnahmen nicht ausreichen, um Schilder und Piktogramme zu beschaffen. Wir brauchen mehr Geld, um unsere Vereine zu unterstützen, die Landjugend, die Feuerwehr, die Sportvereine und den Posaunenchor. Wir glauben, wenn wir direkter mitbestimmen könnten, wäre die Politik dichter an den Menschen.

Hätten Sie Lust, in die große Politik zu gehen, um mehr zu bewegen?

Ich bin schon mal vom Bürgerschaftspräsidenten Frank Imhoff dazu befragt worden. Stand heute lautet die Antwort: Nein. Ich bin für das Blockland geboren. Hier kenne ich die 400 Leute fast alle persönlich – alles andere ist mir zu anonym.

Das Gespräch führte Petra Scheller.

Info

Zur Person

Gerd Gartelmann (52) ist seit knapp einem Jahr Ortsamtsleiter im Blockland. Der Landwirtschaftsmeister lebt mit seiner Frau und seinen Töchtern in fünfter Generation am Deich. Seit 2003 engagiert sich der Christdemokrat im Beirat, dessen Sprecher er von 2007 bis 2019 war.

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