Serie: Wanderlust - Teil 5

Watt’n Schlick: Die besondere Tour von Cuxhaven nach Neuwerk

Nachdem wir bisher in unserer Serie „Wanderlust“ Bremen und umzu auf Feld- und Waldwegen erkundet haben, geht es diesmal ins Watt und zwar von Cuxhaven rüber auf die Insel Neuwerk.
15.08.2020, 05:00
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Watt’n Schlick: Die besondere Tour von Cuxhaven nach Neuwerk
Von Marc Hagedorn
Watt’n Schlick: Die besondere Tour von Cuxhaven nach Neuwerk

Neuwerk ist am Horizont nur zu erahnen. Zehn Kilometer weit geht es durchs Watt zur Insel. Rund drei Stunden muss man dafür einplanen.

Marc Hagedorn

Am Sahlenburger Loch wird es zum ersten Mal spannend. Wer wird hier gleich seine Schuhe verlieren? Wer wird bis zum Knie im Schlick versinken? Wer wird sein Gleichgewicht verlieren und lang hinschlagen in den Matsch? Das Sahlenburger Loch ist ein Priel im Wattenmeer zwischen Cuxhaven und Neuwerk, gut 70 Meter breit. An diesem Vormittag führt es mindestens 30 Zentimeter hoch Wasser. Die Strömung ist ordentlich. Das Wasser rauscht an den Steinen, die als Spundwände dienen, wie ein Wasserfall. Kurze, schnelle Schritte durch den Schlick hatte uns Wattführerin Gaby beim Start am Strand von Sahlenburg empfohlen. Bloß nicht lang und ausholend durchs Watt waten, dann saugt der Schlick das Schuhwerk vom Fuß, und es heißt „Tschüss, Turnschuhe“. „Hier haben schon so einige ihre Schuhe verloren“, sagt Gaby.

Also beginnen wir die Prielüberquerung, so wie Gaby es verlangt. Im Entenmarsch geht es durch das Wasser. Immer schön vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen. Wir sollten froh sein, dass wir nicht am Wochenende diese Strecke gewandert seien, sagt Gaby. Bis zum Bauchnabel seien die Leute da im kalten Wasser gewesen. Unter den Fußsohlen drückt es jetzt, scharfe Muscheln und harte Steine bilden den Untergrund. Hierher fahren auch die Pferdekutschen, die Touristen von Cuxhaven nach Neuwerk bringen, und die Trecker mit Anhängern, die die Bewohner mit Lebensmitteln versorgen.

Zwei, drei Minuten brauchen wir für nicht einmal 100 Meter, schneller geht es an dieser Stelle nicht. Dafür schafft es unsere Gruppe, 20 Frauen und Männer, ohne Verluste auf die andere Seite des Priels. Eine Frau gerät zwischenzeitlich aus dem Gleichgewicht, sie droht zu stürzen, aber helfende Hände verhindern die Havarie. Als alle drüben sind, sind auch alle Schuhe noch an den Füßen. Das Sahlenburger Loch haben wir erfolgreich passiert. In einem Kilometer kommt das Duhner Loch, der nächste Priel. „Dort ist es noch schlickiger“, sagt Gaby. Denn man to.

Nach mehreren Wandertouren über Land in Bremen und Niedersachsen haben wir uns diesmal für etwas Besonderes entschieden: eine Wattwanderung. Weil wir von Haus aus vorsichtig sind, wird es eine geführte Tour vom Strand in Cuxhaven-Sahlenburg zur Insel Neuwerk. Ein Klassiker, aber trotzdem immer wieder neu. So auch heute, „das Watt ist eine Wundertüte“, sagt Gaby.

Mehrere Menschen sind an diesem Tag auf eigene Faust unterwegs. Das ist erlaubt und prinzipiell auch überhaupt kein großes Problem: Die Strecke durchs Watt ist ausreichend markiert. Sogenannte Pricken weisen alle paar Meter den Weg, das sind Stangen beziehungsweise zusammengebundene Zweige, die aussehen wie umgedrehte Besen, die aus dem Watt ragen. Das einzige Problem an diesem Tag: Dort, wo der Prickenweg offiziell den Priel kreuzt, ist das Wasser heute mehr als einen halben Meter tief. Gut, dass Gaby das weiß und uns ein paar Meter westlich durch niedriges Wasser lotst.

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Wattwürmer und Miesmuscheln

Ein weiterer Vorteil der geführten Wanderung: Man lernt. Das Watt scheint auf den ersten Blick endlos und monoton zu sein. Brauner, mehr oder weniger matschiger Boden, soweit das Auge reicht. Der Kenner weiß es besser. Das Wattenmeer, Nationalpark und Weltnaturerbe der Unesco, ist Lebensraum für unzählige Pflanzen und Tiere. Milliarden von Wattwürmern leben hier unterirdisch, zu erkennen an den Kothäufchen, die sie ausscheiden und die aussehen wie kleine braune Spaghettitürmchen. Uns begegnen Strandkrabben und Möwen, Miesmuscheln und Herzmuscheln, weite Felder, Tausende Exemplare in allen Größen. Es gibt viel zu sehen und zu erzählen.

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Gaby, staatlich geprüfte Wattführerin, kennt viele Geschichten. Zum Beispiel die von den russischen Soldaten, die hier vor ein paar Jahren mit dem Fahrrad durchs Watt nach Neuwerk radeln wollten. Das war keine gute Idee. Denn sie kamen so langsam voran, dass bald das Wasser wieder auflief und sie sich nur noch in die nächstgelegene Bake, die Nummer 7, retten konnten. Hier sind für den Notfall Getränke, Rettungsdecken und Leuchtmittel deponiert, um sich bemerkbar zu machen. Aber der Spaß wird teuer, wenn er selbst verschuldet ist. 1000 Euro kann ein Rettungseinsatz kosten. Die russischen Soldaten hatten damals Glück. Zwar waren ihre geliehenen Fahrräder, die sie unten an der Bake festgemacht hatten, am nächsten Tag hinüber. Die Kosten für die Bergung aber wurden ihnen erstattet, „als Zeichen der Völkerverständigung“, wie Wattführerin Gaby sagt.

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Das Duhner Loch, vor dem sie uns gewarnt hat, haben wir zu diesem Zeitpunkt schon passiert. Auch hier kannte Gaby einen Schleichweg etwas abseits des gängigen Pfades. Neuwerk rückt immer näher. Ab Rettungsbake 8 ist es nur noch gut eine Stunde bis zur Insel. Vom Wasser aus sind die drei Wahrzeichen jetzt gut zu erkennen. Die Skyline von Neuwerk: der Leucht- und Wehrturm im Westen, der Radarturm in der Mitte und die Ostbake im Vogelschutzgebiet mit den Salzwiesen.

Drei Stunden sind wir am Ende unterwegs gewesen, haben zehn Kilometer durchs Watt zurückgelegt. Wir haben uns heute etwas beeilt, da dunkle Regenwolken aufziehen. Tatsächlich wird es nachher wie aus Kübeln schütten, aber da sitzen wir schon im Trockenen beim Neuwerker Aquavit. Im Restaurant „Hus achtern Diek“ gibt es Matjesfilet mit Quarkapfelstippe und Bratkartoffeln. Standesgemäß.

Info

Zur Sache

Tipps für die richtige Ausrüstung

Es ist immer irgendwer dabei, der zu mutig oder zu schlecht vorbereitet ist. In diesem Fall ist es ein junges Paar, das auf eigene Faust ins Watt aufbricht. Die junge Frau und der Mann haben ihre Schuhe ausgezogen, laufen barfuß und haben nun ein Problem: Wie wollen sie durch die Muschelfelder kommen, ohne sich an den scharfen Kanten die Fußsohlen aufzuschlitzen? Ein zweites Paar zum Wechseln haben sie nicht dabei. Auch im Priel ist festes Schuhwerk unerlässlich, um Schutz und Halt zu geben. Deshalb erste Regel: nur mit Schuhen ins Watt, mit Outdoor- Sandalen, Neopren-Füßlingen oder Turnschuhen, in denen man Socken tragen sollte, damit der Schlick nicht auf der nackten Haut scheuert. Auf keinen Fall sollte man Gummistiefel tragen: Sie laufen im Priel voll mit Wasser und saugen sich gern am Wattboden fest.

Auch bei der Bekleidung kann man Fehler machen: Am besten trägt man kurze Hosen, da es bisweilen mindestens knietief durch Wasser geht. Jeans sind weniger zu empfehlen, da sie sich vollsaugen, schlecht trocknen und dann auf der Haut scheuern. Überhaupt gilt: Wechselwäsche, ein zweites Paar Schuhe, Sonnencreme und Handtücher gehören in jeden Rucksack. Zwar ist die Wanderung nicht so anstrengend, dass man ein trainierter Sportler sein muss. Aber wer gesundheitliche Probleme hat, etwa mit Herz- und Kreislauf oder an Hüfte und Knie, sollte dies mindestens beim Wattführer anmelden, der im Zweifel entscheidet, ob die Strecke zu bewältigen ist oder nicht.

Weitere Informationen

Wer, wie, wo, was, wann

Anreise: Mit dem Pkw zum Parkplatz Hans-Retzlaff-Straße in Cuxhaven-Sahlenburg. Von dort sind es 300 Meter zu Fuß zum Treffpunkt an der Rettungsstation am Strand. Von Neuwerk geht es später mit dem Schiff zurück nach Cuxhaven, Anlieger Alte Liebe. Von dort fährt ein Bus weiter zum Startpunkt nach Sahlenburg. Wichtig: Kleingeld für Parkticket und Busfahrschein bereithalten.

Länge: 10 Kilometer

Dauer: drei bis dreieinhalb Stunden

Tipps für die kleine Pause auf Neuwerk:

Altes Fischerhaus der Familie Fock mit Hotel, Restaurant, Zeltplatz, Pferdepension

Haus Seeblick, Gästehaus mit Cafégarten

Hotel Nige Hus mit dem Restaurant „Zum Anker“

Hus achtern Diek mit Hotel, Restaurant, Reiterhof und Zeltplatz

Weiterführende Hinweise im Netz:

www.neuwerkreisen.de

www.wattwandernneuwerk.de

www.leuchtturmneuwerk.de

www.cassen-eils.de

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