Nach Orkan bangt Insel um Touristen Wangerooge: 80 Prozent des Badestrands sind verschwunden

Die Sturmfluten zu Beginn der Woche haben schwere Schäden auf der Nordseeinsel Wangerooge hinterlassen. Rund 80 Prozent des Badestrands sind nach Sturmtief "Sabine" verschwunden.
13.02.2020, 18:30
Lesedauer: 3 Min
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Plötzlich ist der Traumstrand weg, fünf Sturmfluten durch Sturmtief „Sabine“ nacheinander tragen Zehntausende Tonnen Sand davon - bis die Touristen im Sommer auf Wangerooge kommen, muss das Ferienidyll aus dem Prospekt wieder hergestellt sein.

„So wie der Strand jetzt ist, können wir nicht mal 100 Strandkörbe hinstellen“, sagt Bürgermeister Marcel Fangohr (parteilos). Rund 1400 stünden dort normalerweise zur Hauptsaison.

Dafür ist eine regelrechte Sisyphos-Arbeit nötig: Jedes Jahr lassen ab dem Herbst Sturmfluten den Wangerooger Badestrand schrumpfen. Mal fehlen danach 50 Prozent, mal 55, wie der Bürgermeister erklärt. Diesmal sind es bislang 80 Prozent. „Ich schätze, wir müssen rund 80.000 Kubikmeter Sand aufschütten“, sagt Fangohr. Der feine weiße Sand müsse vom Osten der Insel mit Lastwagen angekarrt werden. „4000 Touren über sechs Wochen.“

Im Vorrat liegen nach seinen Schätzungen 30.000 Kubikmeter. Der Bürgermeister hofft auf die Genehmigung des Bundes, auch von Sandbänken etwas entnehmen zu dürfen. Sonst müsste ein Notfallplan her, zum Beispiel könnte weniger aufgeschüttet werden. Statt eines barrierefreien Zugangs mit Sand müssten dann Bretter genutzt werden.

Zwischen Promenade und Strand klafft an manchen Stellen eine vier Meter hohe Kante. „Eigentlich würden wir hier mit dem Kopf gerade noch aus dem Sand gucken“, erklärt der Bürgermeister in der Mitte des Strandes. Würden Strandkörbe so niedrig aufgestellt, würden sie schon bei einem normalen Hochwasser überspült, so Fangohr. „Und auch ein Badestrand wäre dann nicht mehr denkbar. Dann könnten die Gäste ja nur bei Niedrigwasser hier liegen - und dann ist Schwimmen verboten.“

Stefan Kruse, der an der Promenade hinterm Bartresen steht, hat direkten Blick auf den Strand: „Hier muss Sand hin, auf dem stehen die Strandkörbe - und ohne kommen keine Gäste.“ Er habe selbst schon mitgeholfen, den Sand nach der Sturmflutsaison wieder aufzuschütten. „Als Insulaner, dachte ich, muss man da mal mitmachen.“

Wangerooge lebt vom Tourismus. Auf die kleine Nordseeinsel mit rund 1300 Einwohnern kommen nach Angaben der Kurverwaltung jedes Jahr rund 140 000 Gäste. 2,3 Millionen Euro kommen durch die Kurbeiträge in die Kasse, rund 400 000 Euro fließen dann in die Wiederherstellung des Strandes. In diesem Jahr könnten es bis zu 500 000 Euro werden.

Auch auf der Insel Langeoog ist das Bild nach Sturmtief „Sabine“ dramatisch. „Mehrere Hundert Meter Strand sind beschädigt. Und diesmal haben wir stellenweise sogar bis zu zehn Meter Düne verloren“, sagt Bürgermeisterin Heike Horn (parteilos). Auch dort werde man wohl aufschütten müssen, was alle paar Jahre geschehe. Zuletzt 2018: 600 000 Kubikmeter am Hauptstrand. „Das ist eine Entscheidung, die das Land trifft“, sagt Horn.

Anders an Wangerooges Badestrand, wo der Bund für das Deckwerk, also das Uferschutzbauwerk, zuständig ist. „Die sagen, Sand davor zu kippen, ist für den Tourismus und nicht für den Küstenschutz“, so Fangohr. Das sieht der Bürgermeister anders: Ohne den Sand würden die Naturkräfte direkt aufs Deckwerk treffen.

Die ostfriesischen Inseln sind aufgrund ihrer exponierten Lage in besonderer Weise den Wirkungen von Gezeiten, Strömungen, Wellen und Wind ausgesetzt. „Neben dem Sturmflutschutz für die Inseln selbst kommt ihnen als vorgelagerten natürlichen Wellenbrechern innerhalb des Küstenschutzsystems eine besondere Sicherungsfunktion auch für die Festlandsküste zu“, erklärt Carsten Lippe vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN). Wangerooge sei als östlichste der Inseln Stürmen noch stärker ausgesetzt, als die anderen. Borkum und Spiekeroog etwa verzeichneten nach den vergangenen Sturmfluten kaum Schäden.

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„Mittlerweile kommen heftige Stürme häufiger vor“, sagt der stellvertretende Ratsvorsitzende Wangerooges, Peter Kuchenbuch-Hanken (Grüne). „Bis zu den 70er, 80er Jahren hatten wir das alle 20 Jahre, jetzt alle 4 bis 5.“ Dabei sei „Sabine“ noch harmlos gewesen, allerdings mit fünf Sturmfluten direkt hintereinander. Nach einer genauen Beurteilung möglicher Schäden durch die ungewöhnliche Sturmflutkette will der NLWKN voraussichtlich am Freitag eine Bestandsaufnahme der Küstenschutzanlagen auf den Inseln veröffentlichen. Danach solle entschieden werden, ob das Folgen für die Küstenschutzarbeiten im Sommer hat.

Der Sturmflutschutz für Wangerooge sei aktuell nicht gefährdet, so Lippe. „Hinter dem Badestrand nachgelagert befindet sich ein massives Deckwerk, welches die Insel schützt.“ Das ist aktuell an einigen Stellen frei gelegt. Auf einem kleinen Vorsprung aus verbliebenem Sand balanciert der Hund von Agnes Langemeyer. „Ganz schön heftig, meine Güte! Und Sonntag soll der nächste Sturm kommen“, spricht sie den Bürgermeister an. Seit zwanzig Jahren komme sie immer wieder auf die Insel. Sie fragt: „Bis zum Sommer bekommen Sie den Strand wieder hin?“ Fangohrs Versprechen: „Wir werden schon eine Lösung finden.“ (dpa)

++ Dieser Artikel wurde um 16.03 Uhr aktualisiert ++

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