Strikter Kurs in Niedersachsen

Schulen kurz vor der Schließung

Das Infektionsschutzgesetz will die Schulen ab einem Inzidenzwert von 165 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner schließen. Niedersachsen macht das schon bei 100. Was sagen Schulleiterinnen und Elternvertreter?
22.04.2021, 17:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Petra Scheller
Schulen kurz vor der Schließung

Wann sollen Schulen schließen? Das Infektionsschutzgesetz der Bundesregierung schlägt eine Inzidenz von 165 vor. Niedersachsen will an der 100 festhalten - zumindest vorläufig, heißt es aus dem Kultusministerium.

Rolf Vennenbernd

Lilienthal/Grasberg/Tarmstedt. „Unnötig, aber auch unschädlich“, nannte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) die Auswirkungen des neuen Infektionsschutzgesetzes auf das Land Niedersachsen am Mittwoch im Landtag. Insbesondere beim Thema Schulschließungen gehen die Inzidenz-Richtwerte von Bund und Land weit auseinander. Niedersachsen fährt einen deutlich härteren Kurs, um die Verbreitung der Pandemie an Schulen einzudämmen, als es die Bundesregierung im Infektionsschutzgesetz fordert.

Harsche Kritik an einer fehlenden langfristigen Strategie sowohl der Bundesregierung als auch der Landesregierung zur Eindämmung des Pandemiegeschehens an Schulen übt hingegen der Osterholzer Kreiselternratsvorsitzende, Rikus Winsenborg. „Seit 13 Monaten suchen wir nach Lösungen, wie Schule unter Pandemiebedingungen halbwegs gelingen kann und wie wir das Risiko, sich anzustecken oder andere anzustecken minimieren können. Bislang wurde zu wenig gehandelt“, kritisiert Winsenborg. Er fordert seit Monaten Belüftungsanlagen in Klassenräumen, Plexiglaswände zwischen den Arbeitsplätzen, mehr Personal, um Testungen durchzuführen, und kleinere Klassenverbände. Man müsse gerade in der Pandemie mehr Geld in Bildung investieren, um Schadensbegrenzung zu betreiben. „Stattdessen werden unterschiedliche Inzidenzwerte für Schulschließungen präsentiert.“ Man solle die „Gesamtgesundheit der Kinder mehr in den Blick nehmen“, fordert Winsenborg. „In letzter Instanz bin ich aber auch für Schulschließungen ab einem Inzidenzwert von 100. Da sieht man, dass die föderalen Strukturen gut sind.“

Aus dem niedersächsischen Kultusministerium wird die Kritik, es fehle an Strategien, indes pariert. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, dass Öffnungen zu mehr Präsenzunterricht auch bei höheren Inzidenzen möglich werden. Dabei haben wir eine klare Strategie: Testen, Impfen, Öffnungen. Dabei sind wir auf einem guten Weg, aber längst nicht am Ziel. Insbesondere über Optimierungen bei Testungen streben wir an, im Mai soweit zu sein“, teilt der Sprecher des Kultusministeriums, Sebastian Schumacher, mit. Solange wolle das Land Niedersachsen allerdings vorerst den Inzidenzwert von 100 als Marke für Schulschließungen beibehalten und nicht sofort auf den Wert des neuen Infektionsschutzgesetzes umschwenken. Das sieht vor, erst bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 165 auf Distanzunterricht zu gehen. Ein Umschwenken auf den Richtwert des Infektionsschutzgesetzes sei ab Mitte Mai möglich, teilt der Sprecher des Kultusministeriums mit.

In der Region wird der 100er-Wert am Donnerstag nahezu erreicht beziehungsweise bereits überschritten. So meldete der Landkreis Osterholz einen Inzidenzwert von 92,9, in Rotenburg wiederum hat sich die Zahl auf 109 Neuinfizierte auf 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen erhöht.

Der niedersächsische Kurs kommt in den Rektoraten gut an: „Ich bin sehr froh, dass das Land hier eine deutlich niedrigere Schwelle für den Wechsel in das Szenario C gesetzt hat als der Bund mit dem Infektionsschutzgesetz“, sagt die Leiterin der Kooperativen Gesamtschule (KGS) Tarmstedt, Sandra Pohl. Die Regelung sei „gerade auch vor dem Hintergrund ansteigender Infektionszahlen in Schulen – sehr vernünftig. Ich würde mir dies auch für andere Bereiche und Bundesländer wünschen“, so Pohl.

Genauso sieht das die Schulleiterin der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Lilienthal und Grasberg, Karina Kögel-Renken. „Zunächst hatte die Bundesregierung ja einen Inzidenzwert von 200 für Schulschließungen vorgeschlagen. Das wäre ja viel zu hoch. Ich bin froh, dass wir die 100 als verlässliche Größe haben“, unterstreicht Kögel-Renken. „Wir hatten ja zwischendurch noch geöffnet, als alles andere schon geschlossen war. Das fühlte sich ausgesprochen komisch an“, berichtet die Schulleiterin. „Lehrerinnen und Lehrer und auch Schülerinnen und Schüler haben sich relativ gut auf das Distanzlernen eingestellt. Natürlich ist uns der Präsenzunterricht lieber. Viele Untersuchungen zeigen ja auch, wie wichtig die Ansprache der Kinder und Jugendlichen ist. Aber zum Schutz von uns allen sollte ein Inzidenzwert von 100 nicht überschritten werden.“

Der Schulleiter des Lilienthaler Gymnasiums, Denis Ugurcu, ist froh über eine einheitliche Richtlinie der Bundesregierung. „Das gibt Orientierung, auch für die Zukunft. Ich finde es aber auch gut, dass wir in Niedersachsen noch vorsichtiger sind - Gesundheitsschutz hat oberste Priorität.“ Er könne mit der 100 gut leben. „Glücklich bin ich vor allem über das Impfangebot, dass uns seitens des Landkreises unterbreitet wurde“, so der Schulleiter weiter. 90 Prozent der Lehrkräfte am Gymnasium Lilienthal hätten bereits ihr Interesse bekundet. An der IGS in Lilienthal und in Grasberg seien es sogar nahezu 100 Prozent, berichtet Schulleiterin Kögel-Renken. Ab Mai soll die Impfkampagne an den Schulen starten. Testen, impfen, öffnen - vielleicht gehe die Strategie des niedersächsischen Kultusministeriums ja doch noch auf, hoffen die Schulleiterinnen und der Schulleiter.

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Hoher Aufwand beim Testen

„Funktionierende, zuverlässige und aussagekräftige Testungen sind die Voraussetzung für Öffnungsschritte. Diese wünschen wir uns, weil es seit jeher für Präsenzunterricht kämpfen“, unterstreicht der Sprecher des niedersächsischen Kultusministerium, Sebastian Schumacher. „Aber nur unter hohen Sicherheitsvorkehrungen und nicht um jeden Preis.“ Daher: „Erst gut testen, dann weiter öffnen, wenn möglich im Mai! Das ist die Strategie, um perspektivisch zu Öffnungen zu kommen.“

Insgesamt sei die Testbereitschaft bei Schülerinnen, Lehrkräften und Mitarbeitern sehr hoch, berichtet dazu die Schulleiterin der KGS Tarmstedt, Sandra Pohl. „Die Abläufe spielen sich nach und nach ein. Was uns – wie auch viele andere Schulen – jedoch immer noch fassungslos macht, ist die Tatsache, dass die vom Land gelieferten Selbsttests nun immer in Großgebinden kommen. Das bedeutet, dass wir für unsere knapp 1200 Schülerinnen und Schüler und 122 Beschäftigte „Testkits“ aus Wattestäbchen, Testflüssigkeit, Teststreifen, Röhrchen und Kappe zusammenstellen müssen – und das für zwei Tests pro Woche“, so die Schulleiterin. „Dies ist nicht nur ein enormer Arbeitsaufwand sondern aus meiner Sicht auch hinsichtlich der Sterilität äußerst fragwürdig“, unterstreicht Pohl.

Pohl sieht die Tests als „wichtigen Baustein – sowohl zur Eindämmung des Infektionsgeschehens als auch in Hinblick auf die Fürsorgepflicht gegenüber unseren Schülerinnen und Schülern, Lehrkräften und Mitarbeiterinnen. Dass diese nun allerdings im Nachgang für Prüfungen und schriftliche Arbeiten wieder aufgehoben wurde, macht uns als Schule äußerst unzufrieden“, kritisiert Pohl die fehlenden Kapazitäten. „Hier müssen wir nun als Schule die Bedingungen so anpassen, dass aus der Teilnahme ungetesteter Schülerinnen und Schüler keine Gefährdung der anderen resultiert.“

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