Ausgefallenes Hobby Warum ein Unfallplaner Übungen für seine Feuerwehr-Kameraden inszeniert

Burkhart Winninghoff baut Verkehrsunfälle. Mit voller Absicht für den guten Zweck. Der 64-jährige Abschleppunternehmer aus Bad Iburg inszeniert mit schrottreifen Wagen Übungen für seine Feuerwehr-Kameraden.
22.07.2019, 09:03
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Warum ein Unfallplaner Übungen für seine Feuerwehr-Kameraden inszeniert
Von Martin Wein

Burkhart Winninghoff hat schon reichlich Unfälle gebaut. So acht oder neun werden es wohl sein, schätzt der 64-Jährige nach kurzem Überlegen. Neulich erst hat er ein Auto in den Graben gefahren. Ein Wagen von ihm fuhr auf der falschen Spur durch einen Tunnel. Ziemlich große Sache das, denn bei Ausweichmanövern krachten fünf andere Fahrzeuge ineinander. Selbst ein Gefahrguttransporter rumste bei anderer Gelegenheit rückwärts gegen eine Wand, sodass die Ladung verrutschte und der Umweltzug der Feuerwehr im Landkreis Osnabrück in Vollschutzanzügen mit schwerem Atemschutz ausrücken musste. Der kräftezehrende Einsatz dauerte locker 2,5 Stunden.

Peinlich ist Burkhart Winninghoff das alles nicht. Ganz im Gegenteil: Er ist erkennbar zufrieden mit seiner persönlichen Unfallstatistik. Denn all die Zusammenstöße hat der Abschleppunternehmer mildtätig gespendet. „Wissen Sie, andere Leute spenden Geld oder backen Kuchen fürs Gemeindefest“, sagt er, „ich spende Unfälle.“ Und das macht ihm ganz offensichtlich gehörigen Spaß.

Kunden überlassen Winninghoff bisweilen ihre alten Fahrzeuge für den guten Zweck. Selbst einen ausgedienten Reisebus hat er schon bekommen. Auf seinem Betriebshof rückt der gelernte Kfz-Meister den Autos dann mit dem Bagger zu Leibe. Hier ein beherzter Schlag mit der Schaufel aufs Dach, dort eine Breitseite gegen die Fahrertür. Blech verbiegt sich, Glas splittert. „Natürlich macht das Spaß“, sagt Winninghoff, „wobei ich den ernsten Hintergrund nie aus den Augen verliere.“

Der ernste Hintergrund ist einfach: Viele Einsatzkräfte der Feuerwehr üben Notfälle und Bergungen nur im Trockenen. „Zu angekündigten Übungen kommen viele gar nicht erst, weil ihnen die Zeit zu schade ist“, sagt Winninghoff, der sich selbst, inzwischen als Löschmeister, seit 45 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr Bad Iburg engagiert. Andere Kameraden spielten mit ihrem Smartphone, sagt er, statt die Handgriffe zu lernen, die im Ernstfall Gefahren vermeiden und Leben retten. Das ist bei Winninghoffs Alarmübungen anders, denn hier weiß außer der Führung und der Leitstelle niemand, dass der Einsatzfall nur gestellt ist.

Die Ideen für seine Szenarien bekommt Winninghoff im täglichen Leben. Seit Jahrzehnten schleppt er Unfallwagen ab und hört zudem von Feuerwehrleuten immer wieder von schwierigen Situationen. „Die versuche ich dann nachzustellen“, erklärt er. Da sei viel Kreativität gefragt – und viel Koordination mit Polizei und Rettungsdiensten. Schließlich landen die präparierten Unfallwagen nicht selten auf Bundesstraßen oder sogar der Autobahn. Natürlich kommen dabei auch erfahrene Statisten als Unfallopfer zum Einsatz. Winninghoff rekrutiert sie zumeist aus den Rettungsdiensten. Für viele sei es eine wertvolle Erfahrung, von der Helferrolle in die des hilflosen Opfers zu wechseln, wenn auch ohne Schmerzen.

Mit seinem ausgefallenen Hobby hat Winninghoff inzwischen die ganze Familie angesteckt. Sein Sohn und Firmennachfolger ist dabei und neuerdings auch der Enkel Bennet. Zweimal war der Neunjährige nur als Zuschauer dabei. „Inzwischen setzt der sich völlig ungerührt und blutig geschminkt in einen Unfallwagen“, freut sich der Opa. Weil Winninghoff die Alarmübungen wichtig sind, verlangt er von den beteiligten Wehren keine Kostenerstattung. Das spart der Gesellschaft viel Geld und bringt den zumeist freiwilligen Ersthelfern die nötige Routine. Auch wenn er sich Ende 2020 beruflich zur Ruhe setzen wird, will Burkhart Winninghoff danach weiter Unfälle bauen.

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