In Ostfriesland auf Streife

Die Inselpolizistin von Baltrum

Mit den Ostfriesland-Krimis von Klaus-Peter Wolf hat ihr Job wenig zu tun. Inselpolizistin Heike Cleve kommt aus der Großstadt und geht nun auf Baltrum Streife.
07.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Linda Vogt
Die Inselpolizistin von Baltrum

Polizistin Heike Cleve geht auf Baltrum Streife. Mit den Ostfriesland-Krimis hat ihr Job wenig zu tun.

Sina Schuldt

Serienmörder treiben in idyllischer Kulisse ihr Unwesen, eine Gewalttat reiht sich in atemberaubender Landschaft an die nächste – in Büchern und Filmen ist Ostfriesland ein gefährliches Pflaster. Polizistin Heike Cleve ist dort für die realen Verbrechen zuständig. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie man hier Szenen für Krimis gut beschreiben kann. Wer mal Seenebel erlebt hat, kann sich sicher spannende Geschichten dazu ausdenken“, findet die 58-Jährige, die Dienst auf Baltrum, der kleinsten der Ostfriesischen Inseln, hat. Dunkler Horizont und menschliche Abgründe – mit Cleves Arbeitsalltag haben diese Geschichten allerdings wenig zu tun.

Zu den klassischen Fällen auf der Insel mit rund 500 Einwohnern und etwa zehn Mal so vielen Touristen in der Urlaubszeit zählten Betrügereien, Sachbeschädigung, Lärmbelästigung „und auch hier streitet man sich, auch hier gibt es häusliche Gewalt. Aber auch Unfälle und vermisste Kinder“, zählt die Polizistin auf. Während der Saison verschwänden mitunter drei bis vier pro Woche. „Solange ich hier bin, ist das aber immer gut ausgegangen.“

Zu hohes Arbeitspensum

Bevor Cleve Ende 2017 nach Baltrum wechselte, ermittelte die Kriminaloberkommissarin zehn Jahre in Salzgitter zu Sexualdelikten. „Sexueller Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung, Kinderpornografie. Ich war auch in jeder Mordkommission und Sonderkommission, die lief. Da ging es um Menschenhandel, Mord und Totschlag, Branddelikte.“ Weil das Arbeitspensum immer höher wurde, entschied Cleve sich für den Wechsel vom Großstadtkommissariat zur Ein-Frau-Dienststelle auf der kleinsten der Ostfriesischen Inseln. „Ich bin ja irgendwann mal zur Polizei gegangen mit dem Gedanken, Freund und Helfer sein zu können. Das ist in einer Großstadt sicher eine Illusion, weil man viel zu viel abzuarbeiten hat. Das kann ich hier.“

Auf Streife geht sie zu Fuß oder mit dem Rad, begleitet von ihrem Hund. Die Tür zu Cleves Dienststelle, vor der ein Bollerwagen mit Polizei-Schriftzug steht, ist meist offen. Verkehrsdelikte muss sie auf der autofreien Insel so gut wie keine bearbeiten. „Auch keine Diebstähle erstaunlicherweise. Bei mir werden Portemonnaies mit Geldsummen abgegeben, da staune ich.“ Der Erfolg von Insel- und Ostfriesland-Krimis könnte gerade in diesem Kontrast liegen, meint Cleve. „Ferienidylle, Sonne, Strand, Meer und trotzdem passiert was. Es ist ja so, dass man vordergründig eine heile Welt sieht. Die ist es ja oft auch, zumindest hier auf jeden Fall, weil die Sozialkontrolle bei 500 Leuten unheimlich groß ist.“

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Einer, der sich in diesem Spannungsfeld auskennt, ist Klaus-Peter Wolf. Seine Bücher zu Verbrechen an der Nordsee landen ganz oben in den Bestsellerlisten. „Ich schaffe eine Fallhöhe, durch die Schönheit der Landschaft, und dann erzähl ich auch noch was Lustiges, und Sie lachen so richtig und danach gruseln Sie sich viel mehr. Es gibt viele Romane, in denen der Autor die ganze Zeit versucht, gruselig zu sein. Nach 50 Seiten funktioniert das nicht mehr.“ Anleihen bei echten Fällen gebe es in seinen Werken aber nicht. „Ich erzähle nicht meine Romane in Ostfriesland, weil das die schlimmste Ecke der Welt ist. Kriminalromane sind ja Spannungsliteratur. Und wenn ich erzählen würde, wie ein normales Jahr verläuft mit den Touristen, die kommen und wieder abreisen, das würde doch niemand lesen.“

Natürlich sei das nicht das wahre Leben, erklärt Hans Jürgen Bremer, ehemaliger Leiter der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund. „Aber ich habe an Tatorten Dinge gesehen, die in Teilbereichen noch brutaler sind als das, was man in den Büchern liest“, sagt der pensionierte Polizeichef. Er erinnert sich an das sogenannte Hager Mordduo Anfang der 2000er-Jahre. „Man hat festgestellt, dass auf deren Lebensweg mehrere Leichen platziert sind. Die haben insbesondere Ältere für wenig Geld ums Leben gebracht.“

„Die ersten Spuren am Tatort und die ersten Ermittlungen sind für die Aufklärung elementar“

Im Sommer 2013 erschütterte der gewaltsame Tod einer jungen Frau Juist. Urlauberinnen hatten die mit Sand bedeckte Leiche der 23-Jährigen neben einem Strandkorb gefunden. Nach einem solchen Verbrechen seien Inselpolizisten in besonderem Maße gefragt, sagt Breme. „Die ersten Spuren am Tatort und die ersten Ermittlungen sind für die Aufklärung elementar. Die Sachbearbeiter – bei Mord aus Aurich – fahren so schnell es irgend geht hin oder tagsüber fliegen sie auch. Es dauert aber immer, bis jemand auf der Insel ist.“

Polizistin Cleve hat nur in der Ferienzeit für einige Wochen Unterstützung auf Baltrum. Langeweile sei bisher nie aufgekommen, erzählt sie. Das ist auch der Grund, warum der Krimifan noch keinen Ostfriesland-Krimi gelesen hat. Aber was würde passieren, wenn Cleve ein Serienmörder wie aus den Ostfriesland-Krimis ins Netz gehen würde? „Es gibt eine Zelle, die ist aber, glaube ich, seit 20 Jahren nicht mehr benutzt worden.“

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