Hilfe in der Corona-Krise

"Nicht sexy, aber effektiv": Warum Fynn Kliemann Mundschutz produziert

Fynn Kliemann lässt keine Klamotten mehr fertigen, sondern Masken für Pfleger und Mediziner. Im Interview spricht der Musiker und Youtuber über seine Mundschutz-Produktion und Kunst in Zeiten von Corona.
04.04.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Nico Schnurr
"Nicht sexy, aber effektiv": Warum Fynn Kliemann Mundschutz produziert

„In der Not ist eine Maske besser als keine.“: Fynn Kliemann produziert nun Mundschutz statt Merchandise. Die Masken sollen vor allem an Pfleger und Mediziner gehen.

Shirin Abedi
Herr Kliemann, warum lassen Sie nun Masken produzieren?

Fynn Kliemann: Wir stellen in Portugal eigentlich faire Klamotten für unseren Onlineshop und viele deutsche Musiker her. Unser Produzent dort war kurz davor, schließen zu müssen, weil ihm wegen der Krise viele Jobs weggebrochen sind.

Und dann haben Sie gedacht: Dann fertigen wir halt Mundschutz?

Als das Virus in Wuhan ausgebrochen ist, haben wir gehört, dass es dort schon zu Engpässen bei Masken kommt, und in China wird ja sogar ein Großteil davon hergestellt. Wir haben vermutet, dass das irgendwann auch Europa treffen würde. Also haben wir vor einigen Wochen Muster entworfen, die Maschinen umgebaut, das Personal geschult und losgelegt.

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Einfach so?

Wir sind ein Start-up, kein schwerer Tanker der ewig braucht, um anzuhalten und umzudrehen. Eine Entscheidung, zwei Anrufe, und es geht los. Damit sind wir nun auch nicht die Rettung Europas, aber wenn sich mit der Aktion unser Produzent über Wasser halten kann und wir dabei noch einen kleinen Beitrag zur Eindämmung des Coronavirus leisten, hat es sich doch gelohnt.

Wie viele Masken lassen Sie fertigen?

Inzwischen produzieren wir 75.000 Masken in der Woche. Wahrscheinlich bekommen wir auch noch ein Abkommen mit Serbien hin. Bislang herrscht dort ein Ausfuhrstopp. Wir erhalten wohl eine Sondergenehmigung und werden Ende April noch mal zusätzlich 220.000 Masken aus Serbien weiterleiten können.

Welche Masken sind das?

Das sind ziemlich einfache Dinger aus Polypropylen. Nicht sexy, aber effektiv. Die Masken sind in der Kürze der Zeit natürlich nicht medizinisch zertifiziert worden, aber die Gesundheitseinrichtungen reißen sich gerade darum.

Wirklich?

Die Nachfrage ist unfassbar groß. Unsere Server-Kapazitäten brechen zusammen. Fünf Leute beantworten rund um die Uhr Mails. Uns schreiben viele Altenheime, Arztpraxen und Krankenhäuser.

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Finden Sie das nicht bedenklich, dass sich Krankenhäuser bei Ihnen melden müssen?

In der Not ist eine Maske besser als keine. Dass es überhaupt soweit kommt, geht eigentlich gar nicht. Das ist gerade ein riesiges Problem. Es fehlen ja nicht nur Masken, sondern auch Kittel, Desinfektionsmittel und vieles mehr. Alles wird gerade überall knapp, und dann gibt es noch Leute, die von dieser Krise profitieren wollen.

Das ärgert Sie richtig, oder?

Wenn Oma Ilse im Laden nebenan Stoffe kauft, sich zu Hause hinsetzt, eine Maske näht und das Ganze nicht für drei Euro machen kann, ist das absolut verständlich. Aber diese Wucherpreise der Leute, die Masken mit riesigen Margen einfach nur weiterverkaufen, sind eine Frechheit. Während alle zusammenhalten, gibt es immer diesen einen Typen, der sich an der Krise bereichern will. Was ist, wenn diese Leute, die jetzt Masken für 40 Euro pro Stück auf Ebay verkaufen, ins Krankenhaus müssen, da aber keiner mehr arbeitet, weil sich alle mittlerweile auf Grund von fehlenden Schutzmöglichkeiten infiziert haben? So weit sollte man schon denken.

Sie wollen kein Geld mit Ihren Masken verdienen?

Wir verkaufen die Masken zu Selbstkosten, pro Stück etwas mehr als zwei Euro. Es geht in dieser Krise nicht darum, Geld zu verdienen, sondern darum, möglichst vielen Menschen zu helfen, die gerade dringend Hilfe brauchen. Wir geben auch nur gewisse Kontingente für die Allgemeinheit frei, den Großteil halten wir für die Gesundheitsbranche zurück.

Woher wissen Sie, dass die Masken auch an die Richtigen gehen?

Wir wollen verhindern, dass die Masken zu Typen gelangen, die sie für viel Geld im Internet weiterverkaufen. Solche Leute klopfen jetzt natürlich auch bei uns an.

Wie erkennen Sie die?

Das ist gar nicht so einfach. Wir haben einen Fragebogen erstellt, den die Leute ausfüllen müssen, bevor sie bei uns bestellen. Das prüfen wir anschließend, aber es bleibt natürlich schwierig.

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Und was passiert mit Ihren Klamotten?

Wir haben alle freien Kontingente auf Masken umgestellt, das ist gerade das Wichtigste.

Dabei ist die Klamottenproduktion Ihre Haupteinnahmequelle.

Corona trifft uns sowieso alle, auch mich. Nicht nur bei der Produktion von Merchandise. Das Kliemannsland hat geschlossen, unser Café hat zu. Unser Festival wird verschoben. Wir haben einen Film gedreht, der am 29. Mai in die Kinos kommen sollte. Das wird wohl eher nichts. Dafür haben wir uns etwas anderes einfallen lassen: Man kann den Film bald online streamen, kauft ein Ticket und entscheidet, welches lokale Kino an den Einnahmen beteiligt werden soll. In diesem Kino schaut man den Film dann virtuell. So wollen wir helfen, dass die kleinen Kinos überleben.

Seit wann haben Sie diesen Drang, sich für andere einzusetzen?

Das ist doch alles ein Geben und Nehmen. Ich kriege ja auch total viel Hilfe von anderen. Ich finde ein paar Dinge ungerecht, dagegen setze ich mich eben ein. Warum sind Frauen immer noch nicht vollständig gleichberechtigt? Wie kann es sein, dass nicht alle Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben? Diese Dinge kann ich nicht so richtig akzeptieren, und es ist cool, dass ich inzwischen auch Leute erreiche, die sich das anhören.

Achtung, klassische Frage: Sollten Künstler mehr Verantwortung übernehmen?

Das ist ein schwieriges Thema. Ich kriege 300 Mails am Tag mit Anfragen für irgendwelche Projekte. Ich finde vieles gut, aber wenn ich alles unterstütze, hört mir am Ende auch keiner mehr zu. Wenn man den ganzen Tag an hunderten Fronten kämpft, geht man selbst kaputt und hilft letztlich niemanden, weil man allen nur noch auf die Nerven geht. Natürlich finde ich es aber sehr wichtig, Haltung zu beziehen und den Mund aufzumachen, wenn etwas ungerecht ist. Nicht mit dem Zeigefinger, sondern mit kreativen Ideen.

Ihr neues Album erscheint Ende Mai. Ist es komisch, Songs in diesen Zeiten zu veröffentlichen?

Im Gegenteil. Gerade ist ein guter Zeitpunkt für neue Musik. Die Leute nehmen sich Zeit und wollen gefordert, gepackt und auf neue Ideen gebracht werden.

Sie beziehen die Leute sogar in Ihre Videos ein.

Das ist aus der Not geboren. Ich konnte wegen Corona nicht durch Deutschland reisen, um ein Musikvideo zu drehen. Also haben wir gedacht, dann lassen wir die Leute von zu Hause aus einfach Teil des Videos zum Song „Schmeiß mein Leben auf den Müll“ werden. Sie konnten jedes einzelne Bild in ihrem Wohnzimmer nachstellen.

Nach zehn Stunden hatten wir schon 50.000 Bilder zugeschickt bekommen. Das zeigt: Die Leute haben gerade total Bock, sich zu beteiligen, weil viele zu Hause sitzen und sonst nichts mit sich und der vielen Zeit anzufangen wissen. Das kann man kreativ nutzen und die Aufmerksamkeit der Leute auf etwas lenken, das nichts mit Infizierungszahlen zu tun hat.

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Kunst funktioniert zu Krisenzeiten besser?

Ich glaube, für eine gute, kreative Idee ist immer Platz. Darüber freut man sich in der schlimmsten und in der besten Zeit.

Das Gespräch führte Nico Schnurr.

Info

Zur Person

Fynn Kliemann (29) ist vieles: Webdesigner, Unternehmer, Musiker, Youtuber. Seine Heimwerker-Videos werden millionenfach aufgerufen. Sein erstes Album hat Kliemann 2018 über sein eigenes Label veröffentlicht, die Platte zählte zu den erfolgreichsten des Jahres. Er lebt im Landkreis Rotenburg. Dort hat er auf einem Hof in Rüspel das Kreativprojekt Kliemannsland gegründet.

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