Fahrradtourismus in Lilienthal Wege und Prospekte werden besser - immer mehr Radler kommen

Lilienthal. Pro Jahr werden in Deutschland Bruttoumsätze von rund 9,2 Milliarden Euro mit dem Fahrradtourismus erwirtschaftet. 186000 Menschen verdienten direkt oder indirekt ihren Lebensunterhalt dabei. Auch in Lilienthal sehe er inzwischen häufiger Leute mit Gepäck am Rad.
24.06.2010, 04:36
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Wege und Prospekte werden besser - immer mehr Radler kommen
Von Undine Zeidler

Lilienthal. Da dreht sich viel: Pro Jahr werden in Deutschland Bruttoumsätze von rund 9,2 Milliarden Euro mit dem Fahrradtourismus erwirtschaftet. 186000 Menschen verdienten direkt oder indirekt ihren Lebensunterhalt dabei. Bessere Fahrräder, bessere Radwege, ein gewachsenes Gesundheitsbewusstsein und der demographische Wandel machen den Urlaub auf zwei Rädern in Deutschland immer attraktiver, erklärt der Vorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) Kreisverband Osterholz, Stephan Koch.

'Es werden immer mehr', sagt Koch. Auch in Lilienthal sehe er inzwischen häufiger Leute mit Gepäck am Rad. Kurzurlauber 55+ mit Fahrrad - 'das hätten sie vor fünf bis zehn Jahren noch nicht gemacht', freut er sich. Koch denkt, das ist 'eine Entwicklung, die um sich greift' - professionell gefördert. Nach Aussage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Stade soll Radtourismus ein Schwerpunktsegment in der Tourismusförderung in Niedersachsen werden. Die Touristikagenturen in den Landkreisen Osterholz und Rotenburg arbeiten schon daran, so die Geschäftsführer der Touristikagentur Teufelsmoor-Worpswede-Unterweser, Karsten Schöpfer, und des Touristikverbands Rotenburg zwischen Heide und Nordsee (TouROW), Uwe Fischer. Er könne von seinem Büro direkt auf den Rotenburger Pferdemarkt schauen, sagte Fischer. 'Da sind viele Fahrradtouristen unterwegs'.

Eine Studie des Deutschen Tourismusverbands (DTV) aus dem Jahr 2009 hat erforscht, wer da unterwegs ist: 95 Prozent der Fahrradurlauber in Deutschland stammen demnach aus Deutschland. Der Durchschnitts-Reisende ist 45,7 Jahre alt und in 48 Prozent der Touren als Paar unterwegs. Fahrradtouristische Reisegruppen haben danach lediglich einen Marktanteil von einem Prozent. Doch nach Kochs Aussage werden geführte ADFC-Touren häufiger nachgefragt und die Zahl professioneller Radreiseanbieter steige.

Lokale Zahlen für den Radtourismus zu finden, erweist sich als schwierig. Fischer misst es an der Nachfrage nach Prospekten und Informationen zum Fahrradtourismus. Die sei im Vergleich zu vor vier Jahren 'wesentlich mehr geworden'. Ein Trend, den sein Kollege Schöpfer 'gefühlt' bestätigt, genaue Zahlen vermisse er 'schmerzlich'. Neben Worpswede und Kunst ist Fahrradtourismus 'eines unserer Hauptthemen', das derzeit mit Material zu Radfernwegen, etwa der Strecke 'Weites Land', und in der Radweg-Beschilderung umgesetzt werde.

Schöpfer erzählt vom Marketing bei Tagesausflüglern. Sein Ziel: Bremer Radler aus dem Blockland auf die 'andere Seite der Wümme zu bringen'. Parallel zum Moorexpress Bremen-Stade verläuft gemäß Schöpfer die Rad-Strecke 'vom Teufelsmoor zum Wattenmeer'. Ein 450 Kilometer langer Rundkurs, der genau wie der Radfernweg Bremen-Hamburg auch durch den Landkreis Rotenburg führt. Für letzteren verspricht Fischer: 'Hier kommen Sie raus aus dem Stadtdunst'.

'Wir können gar nicht anders', sagt der Rotenburger Tourismus-Experte über den Ausbau des Rad- und Wandertourismus, den er im Landkreis durch die Melkhüs angekurbelt sieht. Diese seien ein Magnet, das habe sich in Niedersachsen herumgesprochen. Davon profitieren seiner Ansicht nach auch Hotels oder Herbergen, die im ADFC-Netzwerk 'Bett und Bike' eingetragen sind.

Vier Quartiere in der Samtgemeinde

5004 Quartiere weist das Verzeichnis auf, vier davon in der Samtgemeinde Tarmstedt. Seit rund sechs Jahren steht Barbara Franke mit der 'Alten Schule Buchholz' darin, direkt am Radfernweg Hamburg-Bremen gelegen. Ältere Paare, Rentner, Schulklassen, Familiengruppen sehe sie auf der Strecke. 'Gefühlt' habe der Radtourismus vor ihrer Haustür zugenommen, so Franke. Ruhiger geht es bei Gabriele und Jörg Büschking zu. Seit vergangenem Herbst sind sie in dem Verzeichnis gelistet. Nur einmal seien holländische Fahrradtouristen gekommen, erzählt Jörg Büschking. Er vermutet, dass der Fahrradtourismus zwar zunehme, aber nicht so viele Radwanderer durch Lilienthal kommen. Hamburg-Bremen sei an einem Tag zu schaffen und wer eine Pause machen will, mache die wohl eher in Sittensen, meint er.

Das Fahrrad ist für Eckhard Eil mehr als nur Urlaubsutensil. Gerne sähe es der Worpsweder Fahrradhändler und -verleiher bei seinen Mitmenschen als 'alltägliches Gebrauchsfahrzeug'. Der Verleih werde weniger, die Leute bringen ihre Räder mit, sagt er. Das sind aus Sicht des Geschäftsstellenleiters der Worpsweder Touristik- und Kulturmarketing GmbH, Armin Scharf, jene Tagesausflügler, die morgens Kultur machen und nachmittags sportlich aktiv sein wollen. Darin sieht er 'ein großes Potenzial', auf das seine Agentur mit neuen Fahrradkarten und GPS-Angeboten eingehen will.

Das Krisenjahr 2009 war in Eils Branche indes keines. Seine Lilienthaler Kollegen bestätigen das. Nach Eil wurde 2009 eher das Geld für ein gutes Fahrrad als für einen Fernurlaub ausgegeben. Zugesetzt habe den Händlern hingegen der lange Winter 2010. Der hat 'mehr Spuren hinterlassen als die Krise' (Helmut Wrieden, Fahrrad Kück, Lilienthal), denn Fahrradkaufen ist gemäß Eil 'wetter- und motivationsabhängig'. Gestiegene Benzinpreise hält er weniger für einen Grund, auf das Rad umzusteigen und teilt damit die Meinung der IHK.

'Fahrradfahren macht süchtig', bekennt Rolf Schusdziarra von 'Fahr zu Rolf' aus Lilienthal. Stephan Koch weiß um das Gefühl. Lilienthal-Ritterhude ist seine Arbeitsstrecke, öfter per Rad. Morgens komme er munter dort an. Abends streife er die Gedanken an die Arbeit unterwegs ab, im Auto nehme er die Arbeit mit.

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