Corona-Lage Patienten meiden Arztpraxen

Aus Angst vor einer Corona-Infektion scheuen derzeit viele Patienten den Besuch beim Hausarzt. Das berichten die Allgemeinmediziner Hubertus Plümpe aus Borgfeld und Ralf Cordes aus Lilienthal.
06.05.2020, 18:09
Lesedauer: 3 Min
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Von Petra Scheller und Silke Looden

Borgfeld/Lilienthal. Aus Angst vor einer Corona-Infektion scheuen derzeit viele Patientinnen und Patienten den Besuch in der Hausarztpraxis – auch diejenigen mit akutem Behandlungsbedarf. Das berichten der Allgemeinmediziner und Diabetologe Hubertus Plümpe aus der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Borgfeld und der Facharzt für Allgemeinmedizin Ralf Cordes von der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis in Lilienthal. Die beiden Mediziner bestätigen damit einen bundesweiten Trend, der auch in Krankenhäusern und von Facharztpraxen verzeichnet wird.

"Wir beobachten einen deutlichen Rückgang des Patientenaufkommens“, berichtet der Allgemeinmediziner und Diabetologe Plümpe. Gemeinsam mit sechs Kolleginnen und Kollegen praktiziert Plümpe an der Borgfelder Heerstraße sowie in einer Zweigstelle an der Daniel-Jacobs-Allee. In beiden Praxen gingen die Patientenzahlen deutlich zurück. Auch in die hausärztliche Gemeinschaftspraxis an der Falkenberger Landstraße in Lilienthal kommen derzeit weniger Patienten, bestätigt Allgemeinmediziner Ralf Cordes, der dort gemeinsam mit vier Kollegen und Kolleginnen praktiziert.

Cordes hat große Sorge, dass Patientinnen und Patienten aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus nicht zum Arzt gehen und am Ende Schaden nehmen. Wer akute Beschwerden habe, solle unbedingt in die Praxis kommen. Das gelte zum Beispiel für Menschen mit einem Herzleiden. „Auch Diabetespatienten, die dringend kommen müssten, bleiben zu Hause. Ich warne da vor Sekundärschäden“, sagt Plümpe. Fehlende Behandlungen bei Krankheiten gingen nicht selten mit Folgebeschwerden einher. Es gäbe wohl „noch ungeahnte Folgen der Corona-Pandemie“, meint der Hausarzt aus Borgfeld.

Besonders drastisch sei der Rückgang bei älteren Patienten. „Das ist zum Teil verständlich, aber auch sehr gefährlich“, unterstreicht Plümpe. Das siebenköpfige Ärztinnen- und Ärzte-Team aus Borgfeld rücke deshalb verstärkt zu Hausbesuchen aus. Auch Seniorenwohnheime fragten verstärkt Hausbesuche an. „Das bedeutet natürlich einen erheblichen Mehraufwand." Cordes kann eine Zunahme von Hausbesuchen nicht bestätigen, unterstreicht allerdings die Bedeutung von Hausbesuchen während der Pandemie. Alles ließe sich nicht am Telefon oder per Video klären, ist Cordes überzeugt.

Hinzu kommen latente Ängste, meint Hubertus Plümpe. Die Menschen haben zurzeit einen sehr hohen Gesprächsbedarf", berichtet der Mediziner. Die Struktur des alltäglichen Praxisbetriebs sei zurzeit komplett ausgehebelt. „Seit der Corona-Krise müssen wir jeden Tag neu erfinden.“ Die Kombination aus fehlenden Patienten und zeitaufwendigen Behandlungen führe inzwischen zu großen Einnahmeverlusten. „Wir haben ungefähr ein Drittel weniger Umsatz“, schätzt Plümpe. Die Gehälter laufen indes in vollem Umfang weiter. Eine Anordnung von Kurzarbeit sei für die Praxisinhaber derzeit nicht realisierbar.

Der Hausarzt erklärt das so: Zurzeit teilen sich rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in zwei Teams auf. „Falls ein Team einmal ausfallen sollte, kann das andere Team eine Art Notbetrieb aufrechterhalten.“ Somit sei keine Kurzarbeit möglich. „Die Sicherheit unserer Teams und die Gewährleistung der Patientenversorgung ist uns an dieser Stelle wichtiger als das Geld", so Plümpe. In der Lilienthaler Gemeinschaftspraxis arbeitet das fünfköpfige Team im täglichen Wechsel, um im Fall einer Ansteckung arbeitsfähig zu bleiben. Das sei der Vorteil einer Gemeinschaftspraxis, so Cordes.

Besondere Vorkehrungen hat die Praxis an der Falkenberger Landstraße für Corona-Verdachtsfälle getroffen. „Wir haben die baulichen Möglichkeiten, den Corona-Test in abgetrennten Räumen durchzuführen“, betont Cordes. Der Zugang erfolge separat über einen Nebeneingang, sodass es keinen Kontakt zu anderen Patienten gebe.

Die Gemeinschaftspraxis in Borgfeld wäre auch gerne eine sogenannte Abstrich-Praxis geworden. Solche Praxen fallen im Notfall unter den Rettungsschirm des Bundes. „Doch das ist leider noch nicht durch“, so Plümpe. Dabei seien die Bedingungen der Borgfelder Gemeinschaftspraxis ideal, weil sie an zwei Standorten praktiziere.

Unterdessen habe sich die zunächst prekäre Situation in Bezug auf die Schutzausrüstung verbessert, berichtet Ralf Cordes auf Nachfrage. „Wir haben eine Lieferung mit FFP2-Masken erhalten“, bestätigt er, und dass die versprochene Hilfe von der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) langsam anrolle.

Wie berichtet, hatten Hausärzte bundesweit mit der Kampagne „Blanke Bedenken“ auf die fehlende Schutzausrüstung für Hausärzte während der Corona-Pandemie aufmerksam gemacht. Sie hatten sich nackt vor die Kamera gesetzt, um auszudrücken, wie verwundbar sie sind. Cordes hat zwar selbst nicht an der Aktion teilgenommen, findet die mediale Aufmerksamkeit für das Thema aber wichtig.

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