Klimaklage gegen Kanzleramt

Wegen Ernteausfällen: Bauer zieht gegen Deutschland vors Gericht

Claus Blohm baut im Alten Land Obst an. Seitdem die Sommer immer länger werden, schwindet seine Ernte. Einfach hinnehmen? Lieber zieht Blohm vors Gericht. Zu Besuch bei einem, der auf dem Rechtsweg rebelliert.
18.10.2019, 20:36
Lesedauer: 5 Min
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Wegen Ernteausfällen: Bauer zieht gegen Deutschland vors Gericht
Von Nico Schnurr
Wegen Ernteausfällen: Bauer zieht gegen Deutschland vors Gericht

Claus Blohm klagt gegen das Kanzleramt wegen verfehlter Klimapolitik. „Einer", sagt der Biobauer, „muss es ja machen.“

Michael Matthey

Die Klimakrise, wie Claus Blohm sie versteht, bricht an einem Tag im Frühjahr 2015 über Guderhandviertel herein. Sie kommt in das Dorf im Landkreis Stade geflogen und begegnet dem Bauern auf fünf Millimetern. Eine Fliege, so klein, dass man sie kaum wahrnimmt, taucht auf den Obstplantagen auf. Setzt sich auf die Bäume, sticht in die unreifen Früchte und legt Eier in die Kirschen. Erst sind es bloß ein paar Fliegen, so erzählt es Blohm, dann sitzen 20 auf einem Baum. Bald gibt es keine Kirsche mehr ohne Maden im Fruchtfleisch. Der Biobauer ist machtlos. Seine Mittel helfen nicht gegen die Kirschfruchtfliege, ein Schädling, der bis dahin nur im wärmeren Süden vorgekommen ist. Blohm muss alle Kirschbäume roden. Vier Hektar einfach abgeholzt, ein Drama im Alten Land. Für Blohm steht fest: Schuld daran, dass sich die Fliege in den Norden verirrt hat, ist der Klimawandel. Und die Bundesregierung.

Claus Blohm zieht vors Gericht. Er klagt gegen das Kanzleramt. Gemeinsam mit zwei anderen Bauernfamilien und der Umweltorganisation Greenpeace. Sie wollen erzwingen, dass die Regierung ihr Ziel einhält, die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 zu verringern. Am 31. Oktober wird darüber vor dem Verwaltungsgericht in Berlin verhandelt. Die zögerlichen Klimamaßnahmen werten die Kläger als Eingriff in ihre Grundrechte auf Leben und Gesundheit, Berufsfreiheit und Eigentumsgarantie. Sie werfen der Regierung vor, dass die deutsche Klimapolitik ihre Zukunft gefährdet.

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Was das bedeutet, will Claus Blohm an einem Tag im Oktober zeigen. Blohm, 62, ein kleiner Mann mit grauen Haaren und breiten Schultern, kurvt in einem Kleintransporter über seine Obstplantage. Es geht vorbei an Apfelbäumen links und rechts, hin zu einem Haufen Holz. Äste und Stämme türmen sich unter einer Plane. Kirschbaumüberreste. Blohm ist nicht dabei gewesen, als die Männer mit ihren Motorsägen kamen. Hätte er nicht ertragen. „Grausam sowas“, sagt er, „das fühlt sich an, als würde ein Kind von dir sterben.“ Bevor die Fliegen über die Früchte hergefallen sind, hat er die Kirschen bis nach Dänemark und Österreich geliefert. Ein Verkaufsschlager. Jetzt schaut er aus dem Fenster seines Wagens, herunter auf das, was übrig geblieben ist aus der blühenden Kirschzeit. „Tut weh, so ein Anblick.“ Blohm wischt sich übers sonnengegerbte Gesicht. „Bald ist hier zum Glück alles verschwunden.“ Er muss das Holz loswerden, Blohm braucht Geld. Die Kirschen sind nicht mehr sein größtes Problem.

Mit dem Kleintransporter geht es für Claus Blohm über seine Obstplantage im Alten Land. Über 20 Hektar Äpfel, doch die halbe Ernte ist in diesem Jahr umsonst. Seine Äpfel sind von Schädlingen befallen oder haben Sonnenbrand. Schuld ist der lange Sommer. Mal wieder.

Mit dem Kleintransporter geht es für Claus Blohm über seine Obstplantage im Alten Land. Über 20 Hektar Äpfel, doch die halbe Ernte ist in diesem Jahr umsonst. Seine Äpfel sind von Schädlingen befallen oder haben Sonnenbrand. Schuld ist der lange Sommer. Mal wieder.

Foto: Michael Matthey

Auf nichts ist mehr Verlass

Der Hof, den seine Familie seit Jahrhunderten führt, steckt in der Krise. Die Kinder würden ihn gerne übernehmen. Irgendwann, nach dem Studium. Aber wie soll das gehen, wenn auf nichts mehr Verlass ist im Alten Land? Jedes Jahr ein neues Extrem, irgendwas ist inzwischen immer. Eigentlich ist Blohm ein zupackender Typ, keiner, der alles abnickt. Die Elbvertiefung, das Atomkraftwerk in Stade, die Werkserweiterung von Airbus in der Nähe. Immer ist er dagegen gewesen, immer auf der Straße, erzählt er. Als es ihn verrückt gemacht habe, wie träge die Hilfsverbände nach dem Bosnienkrieg reagierten, da sei er auf eigene Faust ins Land gefahren. Er habe einige Tausend Mark von seinem Konto abgebucht, Kuscheltiere und Gehhilfen gekauft und sie an Kriegskinder verteilt. So einer ist Blohm. Ärgert ihn etwas, mischt er sich ein. Bloß bei wem beschwert man sich, wenn die Durchschnittstemperatur in der Gegend in nur drei Jahrzehnten um fast zwei Grad gestiegen ist?

Der Bauer schmeißt den Wagen wieder an, es geht tiefer hinein in die Plantage. Der Kleintransporter ruckelt vorbei an nackten Bäumen, bis Blohm dort bremst, wo Saisonarbeiter noch Äpfel von den Ästen zupfen. Es laufen die letzten Tage der Ernte. Die Arbeiter werden nicht mehr viele von denen pflücken, die sich als Bioapfel auf einem Markt verkaufen lassen. In den Körben neben ihnen schichten sich Äpfel, aus denen vielleicht noch Saft werden kann. Die Körbe fürs teurere Tafelobst bleiben beinahe leer. Der lange Sommer. Zu viel Sonne. Mal wieder.

Blohm greift nach einem Apfel. Er streicht über die Schale, überall schwarze Stellen, ledrige Flecken. „Sonnenbrand“, brummt Blohm, „eine Haut wie nach einer Woche Mallorca ohne Creme.“ Er packt einen weiteren, mittendrin ein braunes Loch. Der Apfelwickler hat sich ins Fruchtfleisch gebohrt. Noch so ein Schädling, der Blohm nervt. Früher hat es bloß ein paar Nachtfalter auf seiner Plantage gegeben. Seitdem die Sommer immer länger werden, schlägt sich Blohm mit mehreren Generationen des Apfelwicklers im Jahr herum. Das Ergebnis: die halbe Ernte umsonst, mindestens. Blohm wirft den Apfel weg. Er landet auf einem kleinen Berg, neben der anderen Ausschussware. „Ein Trümmerhaufen der Natur, und irgendwie auch meiner Existenz.“ Gerade, sagt er, hat er sich 130.000 Euro von der Bank geliehen. Damit er es übers Jahr schafft. Blohm schmeißt noch einen Apfel hinterher auf den Haufen. Diesmal aus Frust.

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Wahrscheinlich wäre es immer so weitergegangen im Alten Land, schrumpfende Ernte, wachsende Wut. Und keine Ahnung, wohin damit. Doch im Frühjahr 2018 ruft Greenpeace an. Ob er nicht klagen wolle, gegen die Regierung? Rebellion auf dem Rechtsweg. Blohm denkt darüber nach. Er erinnert sich zurück an eine Zeit, als er schon einmal frustriert gewesen ist. Damals liest Blohm in der Zeitung von Löchern in der Ozonschicht. Er denkt: In diese Welt kann ich keine Kinder setzen. Bis ihm ein Freund, der ein Kinderheim leitet, bei einer Flasche Wein sagt: Es braucht Kinder von Typen wie dir, damit irgendwer die Welt zum Guten verändert. Also gut, denkt Blohm, als er sich 30 Jahre später daran erinnert, dann klagt er eben gegen das Kanzleramt. Zusammen mit den beiden Kindern. Er hat sie alleine erzogen, zu kritischen Geistern. Schülersprecher, Praktika bei Umweltorganisationen, und jetzt Kläger fürs Klima. Für eine Zukunft auf dem Hof des Vaters, aber nicht nur.

Ein Zeichen setzen

„Es geht auch darum, ein Zeichen zu setzen“, sagt Johannes Blohm. Der Sohn, ein Endzwanziger mit Seitenscheitel, Typ Stadionkurvensteher, streift seine Windjacke von den Schultern, setzt sich an den Küchentisch des Elternhauses und erklärt: „Wir wollen deutlich machen: Der Klimawandel ist längst da, und er hat Folgen, die wir hier jeden Tag erleben.“ Sein Vater hockt daneben und nickt. Klar, sagt Blohm, eine Klimaklage gegen das Kanzleramt, klingt komisch. Hat es so halt noch nicht gegeben in Deutschland. Doch weltweit findet man Hunderte ähnliche Fälle.

Ein peruanischer Bauer hat den deutschen Energieriesen RWE vor Gericht gebracht. Er behauptet, die Emissionen des Konzerns würden zur Schmelze eines Andengletschers beitragen. Der Bremer Juraprofessor Gerd Winter hat mit zehn Familien gegen die EU geklagt. Und zuletzt ist in den Niederlanden ein Urteil bestätigt worden, das der Regierung vorschreibt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um ein Viertel gegenüber 1990 zu verringern. Eine Stiftung hatte geklagt, zusammen mit über 800 Bürgern.

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Wieso also, fragt Claus Blohm, sollten sie das nicht auch schaffen? Er schaut aus dem Küchenfenster, herunter in den Hof. Dahinter beginnt die Plantage, auf der gerade die Ernte endet. Kann er vergessen, die ist hinüber, schlechter kann es kaum laufen. Er könnte sich ärgern. Aber wozu? Blohm sieht das nun so: Viel zu verlieren hat er nicht vor Gericht.

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