Erzieherin aus Bremen-Nord

Welche Probleme ausländische Fachkräfte bewältigen müssen

Im Januar 2017 ist Sofia Dias aus Portugal nach Bremen-Nord gekommen, um hier als Erzieherin zu arbeiten. Sie ist gut ausgebildet und hoch motiviert – doch sie muss zahlreiche bürokratische Hürden überwinden.
06.10.2018, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Welche Probleme ausländische Fachkräfte bewältigen müssen
Von Julia Ladebeck
Welche Probleme ausländische Fachkräfte bewältigen müssen

Sofia Dias hat in Portugal frühkindliche Pädagogik studiert. Sie muss viele Hürden nehmen, bis ihre Ausbildung anerkannt wird.

von Lachner

Immer mehr Kindertagesstätten haben Probleme, Fachkräfte zu finden. Es fehlt an Erziehern. Die Leitung der Kita „Villa am Löh“ ist einen ungewöhnlichen Weg gegangen und hat eine pädagogische Fachkraft aus Portugal in ihrem Team aufgenommen. Vor fast zwei Jahren ist Sofia Dias nach Deutschland gekommen. „Hoch motiviert“, wie sie selbst und Tanja Latimer, Leiterin des Trägervereins Kindertagesstätten Nord, betonen.

Für beide sind die Erfahrungen, die sie seither gemacht haben, ernüchternd. „Wir erleben mit, wie anstrengend dieser Weg selbst für äußerst motivierte und gut ausgebildete Fachkräfte ist“, sagt Tanja Latimer. Die Geschichte von Sofia Dias' Einwanderung nach Deutschland begann im August 2015 an einem Strand in Albufeira in Portugal.

Dorthin hatte sie mit einer Kindergruppe einen Ausflug unternommen und spielte mit den Mädchen und Jungen im Sand. Sabine Bayer, pädagogische Leitung der „Villa am Löh“, machte mit ihrem Mann, einem Portugiesen, zu dem Zeitpunkt Urlaub in Albufeira. Sie beobachteten Sofia Dias eine Weile und sprachen sie schließlich an, denn es gefiel ihnen, wie sie mit den Kindern umging.

„Wir haben uns kurz unterhalten und dann haben sie mich gefragt, ob ich nicht nach Deutschland kommen will und als Erzieherin arbeiten“, erzählt die 40-Jährige, die in ihrem Heimatland vier Jahre lang frühkindliche Pädagogik studiert und bis zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre Berufserfahrung gesammelt hatte.

Auf die erste Überraschung über dieses ungewöhnliche Angebot folgten schnell ernsthafte Überlegungen, es anzunehmen. „Ich habe in Portugal keine Zukunft gesehen. Es ist schwierig, eine feste Stelle in der Kinderbetreuung zu bekommen und der Verdienst ist sehr gering“, erläutert Sofia Dias. „Dann habe ich mir gedacht: Ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder. Warum also nicht?“

Nach zwei Kurzbesuchen in Bremen entschied sie sich dann tatsächlich, den Schritt zu gehen. Im Januar 2017 kam sie nach Deutschland, zog nach Bremen-Nord und nahm ihre Arbeit in der Villa am Löh auf – als Zweitkraft in einer Gruppe, denn ihre Ausbildung wurde in Deutschland vorerst nicht anerkannt.

"Alleine könnte sie das gar nicht stemmen"

Bereits in Portugal hatte sie damit begonnen, Deutsch zu lernen. Sie stellte allerdings fest, dass das allein und nur mithilfe von Büchern kaum möglich ist. Also suchte sie mit Unterstützung von Tanja Latimer nach Deutschkursen. Erst lernte sie die Sprache in einem Integrationskurs, inzwischen besucht sie einen Abendkurs an einer Sprachschule in der Bremer Innenstadt.

Finanziell wird sie dabei vom Verein Kindertagesstätten Nord unterstützt. „Alleine könnte sie das gar nicht stemmen. Ein Kurs kostet 400 Euro“, sagt Tanja Latimer, die von dem Ehrgeiz ihrer Mitarbeiterin beeindruckt ist. „Den Kurs besucht sie immerhin nach einem Achtstundentag in der Kita“, betont sie. Inzwischen spricht Sofia Dias fast fließend Deutsch und hat die B2-Sprachprüfung erfolgreich absolviert.

Die Sprachkenntnisse sind jedoch nicht die einzige Hürde, die es zu überwinden gilt. Denn Ausbildungen, die im Ausland erworben wurden, werden in Deutschland nicht einfach anerkannt. Stattdessen müssen ausländische Fachkräfte die „Anerkennung beziehungsweise Gleichstellung ausländischer Bildungsabschlüsse“ beantragen.

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Das gilt auch für das Studium der frühkindlichen Pädagogik, das Sofia Dias in Portugal erfolgreich abgeschlossen hat. Tanja Latimer erläutert den langwierigen Ablauf bis zur Anerkennung der Ausbildung: „Sie musste beim Paritätischen Bildungswerk bestimmte Module belegen, die extra für pädagogische Fachkräfte aus dem Ausland konzipiert wurden.

Diese Fortbildungen sollen dazu dienen, dass die ausländischen Fachkräfte auf den aktuellen Stand der Ausbildung für Erzieher in Bremen gebracht werden. Die Teilnahme an allen acht Modulen dauert einige Monate.“ Da die Fortbildungen tagsüber stattfinden, muss sie in dieser Zeit von ihrer Arbeit freigestellt werden. Immerhin hat sie diesen Teil des Anerkennungsverfahrens fast abgeschlossen. „Das letzte Modul endet im Oktober“, sagt Sofia Dias und lächelt.

Im Anschluss an die Gleichstellung der im Ausland erworbenen theoretischen Ausbildung folgt in der Regel noch ein einjähriges Berufspraktikum, wie es in Bremen in der Erzieherausbildung üblich ist. „Bei mir wird aber die Berufserfahrung angerechnet“, sagt Sofia Dias. Sie ist offensichtlich erleichtert, dass wenigstens dieser Teil der Anerkennung unproblematischer verläuft, als sie zunächst befürchtet hatte.

Energie und Durchhaltevermögen

Tanja Latimer befürwortet grundsätzlich, dass die Standards so hoch angesetzt werden. „Schließlich geht es um die Qualität in der Erziehung und Bildung.“ Die Leiterin findet allerdings auch: „Einwanderer und Arbeitgeber sollten vorab besser informiert werden. Die Einrichtungen müssen schließlich wissen, dass die Integration eines Mitarbeiters aus dem Ausland viel Zeit, Geduld und auch Geld kostet und für alle eine Herausforderung ist.“

Der Weg bis zur Anerkennung einer qualifizierten Ausbildung sei selbst nach vielen Jahren Berufserfahrung im Heimatland lang, hart und erfordere viel Energie und Durchhaltevermögen. „Der Arbeitgeber muss in der Lage sein, die Mitarbeiterin zu unterstützen, sie gegebenenfalls freizustellen und zu motivieren.“ Problemlos und schnell, wie es häufig vermittelt werde, sei die Integration jedenfalls nicht möglich.

Für Sofia Dias kam die Enttäuschung dazu, dass ihr Studium in Deutschland zunächst „nichts wert“ war. Sie ist froh, dass sie von ihren Kollegen so viel Unterstützung erfahren hat und wünscht sich für die Zukunft vor allem eins: „Ich möchte endlich ganz normal als Erzieherin arbeiten.“ Tanja Latimer betont: „Wir sind beeindruckt von ihrer Energie und ihrem Willen, es hier zu schaffen.“

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