Behörde sucht neue Lösungen für Bremen-Nord

Weniger Hebammen, mehr Geburten

Eine stadtteilbezogene Vermittlungsplattform soll es Schwangeren künftig erleichtern, eine Hebamme zu finden. Zudem sind quartiersnahe Hebammenzentren geplant. Die Zahl der Hebammen sinkt, auch in Bremen-Nord.
24.10.2018, 15:34
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulrike Schumacher
Weniger Hebammen, mehr Geburten

Eine Hebamme hört mit einem Gerät die Herztöne eines Babys im Bauch der Mutter ab.

Uli Deck/DPA

Bremen-Nord. Für Frauen, die schwanger geworden sind, stellt sich schon bald die bange Frage, ob sie rechtzeitig eine Hebamme finden, die ihnen bei der Geburt des Kindes zur Seite steht. Ab Ende des Jahres könnte dieser Frage die mitschwingende Unsicherheit genommen werden. Bremen möchte eine digitale Vermittlungsstelle für Hebammen einrichten. Heike Schiffling, Vorsitzende des Bremer Hebammen-Landesverbands, sieht darin eine Verbesserung: „Es ist für die Frauen auf der Suche nach einer Hebamme dann nicht mehr so ein elendiges Abtelefonieren.“

Ursula Schinz arbeitet seit 30 Jahren in Bremen-Nord und Umgebung als Hebamme. Sie hat die Veränderungen deutlich vor Augen. Als sie damals noch im Hartmannstift ihre Arbeit aufgenommen hatte, gab es pro Jahr rund 1000 Geburten, erinnert sich die Hebamme. Inzwischen sei die Zahl im Norden Bremens um mehr als das Doppelte angestiegen. Im Klinikum Bremen-Nord, ist dort zu erfahren, kommen im Jahr im Schnitt 2200 Kinder zur Welt. „Gleichzeitig ist aber auch die Zahl der Hebammen zurückgegangen“, sagt Ursula Schinz. Arbeitsverdichtung, schlechte Bezahlung und immer mehr Auflagen haben dazu geführt, dass der Beruf an Beliebtheit verloren hat.

Das führt zu der absurden Entwicklung, „dass sich Frauen, kaum dass sie befruchtet sind, schon eine Hebamme suchen, weil sie befürchten, später keine mehr zu finden“. Das wiederum führe auch dazu, dass die noch vorhandenen Hebammen schnell ausgebucht seien. So etwas, sagt Ursula Schinz, gab es früher nicht.

Daher sei es gut, meint Hebammen-Landesverbandsvorsitzende Heike Schiffling, dass nun umgesetzt werden kann, was Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) gemeinsam mit dem Hebammen-Landesverband Bremen und der Bremischen Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau erarbeitet hat. „Die Pläne sehen vor, eine digitale Plattform für eine Hebammenvermittlung aufzubauen. Das Internetportal zeigt ein differenziertes Angebot der Hebammenleistungen stadtteilbezogen und mehrsprachig an“, heißt es in der Pressemitteilung der Gesundheitsbehörde. Hebammen hätten damit die Möglichkeit, auf der Plattform ihre Verfügbarkeit einzutragen, erklärt Heike Schiffling. Das erspare schwangeren Frauen und Paaren, bei den einzelnen Hebammen anrufen zu müssen, um zu klären, ob diese überhaupt frei wären. Auch freiberufliche Hebammen würden dadurch besser erreicht.

Die Umsetzung erfolge in drei Stufen, sagt Heike Schiffling. Die ersten beiden sollen schon zum Ende dieses Jahres umgesetzt werden. Ergänzend zur Vermittlungsplattform werde eine telefonische Beratung eingeführt, in der Schwangere Informationen erhalten und Fragen stellen können. „Die ersten beiden Stufen werden den Frust für die Frauen mildern“, ist sich Heike Schiffling sicher. Der dritte Schritt ist ein Pilotprojekt namens „Quartiersnahe Hebammenzentren“, wofür noch ein Konzept entwickelt werde. „Ein Zentrum kann die Koordination und Vernetzung der lokalen Versorgungserbringer wie zum Beispiel Familienbildungsstätten, Geburtshaus, Frauenärztinnen, Sozialstationen und Familiengesundheitspflegerinnen fördern“, heißt es aus dem Hause der Gesundheitssenatorin.

Eva Quante-Brandt sei überzeugt, dass die neuen Versorgungsformen in den Stadtteilen die Angebote der Hebammen bündeln können: „Hebammenzentren können in den Stadtteilen gezielt Angebote machen. In den Zentren arbeiten Hebammen im Team und betreuen dadurch mehr Familien. Die Frauen und ihre Familien werden im Stadtteil direkt angesprochen. Dabei können die Angebote passgenau für Zielgruppen wie zum Beispiel Migrantinnen, Alleinerziehende oder Teenager-Mütter entwickelt werden.“ Vor allem in der Peripherie gebe es Engpässe, sagt Verbandsvorsitzende Schiffling. 230 Hebammen gehören dem Landesverband Bremen an, 24 listet dessen Internetseite für Bremen-Nord auf. Sie glaubt: „Wenn die Kolleginnen im Team arbeiten, kann es eine Effizienz geben.“ So könne eine Sekretärin die Organisation übernehmen und zum Beispiel Termine koordinieren, was mehr Zeit für Betreuung freisetze.

Ohne Probleme sei die Situation der Hebammen aber nicht, gibt Heike Schiffling auch zu bedenken. „Vor allem für die angestellten Hebammen in den Kliniken.“ Deren Alter liege im Schnitt bei 50 plus. Schon allein deshalb brauche der Beruf Hebamme dringend Nachwuchs. Hinzu komme, dass es in den Kreißsälen sehr viele nicht besetzte Stellen gebe. „Die Kolleginnen müssen das alles mit auffangen.“ Dass Hebammen zu zweit in Schichten arbeiten, in denen normalerweise vier Hebammen arbeiten, sei keine Seltenheit. Doppelschichten auch nicht. „Diese Arbeitsbelastung ist im Moment unser größtes Problem.“ An diesen Bedingungen müsse sich etwas ändern. Schließlich würden 98 Prozent der Kinder in Kliniken geboren.

Heike Schiffling erhofft sich von der veränderten Ausbildung für Hebammen eine steigende Wertschätzung und bessere Bezahlung. Spätestens ab dem Jahr 2020 soll die Ausbildung von der Hebammenschule in Bremerhaven, wo innerhalb von drei Jahren nur 16 Hebammen ausgebildet werden, an die Hochschule wechseln. „Mit der Akademisierung wird der Beruf deutlich attraktiver, sodass sich hoffentlich mehr Menschen für diesen Beruf entscheiden“, hofft auch die Gesundheitssenatorin.

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