Immer mehr Menschen erkranken an Demenz / Abgeschlossene Bereiche in Verdener Pflegeheimen Wenn das Vergessen beginnt

An Demenz erkrankte Menschen müssen besonders betreut werden. In den Alten- und Pflegeheimen St. Johannis und St. Josef in Verden gibt es Bereiche, in denen nur demente Menschen leben. Mehr als die Hälfte der Bewohner in Pflegeheimen in Verden leidet an einer Form der Demenz, Tendenz steigend.
09.01.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Wenn das Vergessen beginnt
Von Michael Kerzel

An Demenz erkrankte Menschen müssen besonders betreut werden. In den Alten- und Pflegeheimen St. Johannis und St. Josef in Verden gibt es Bereiche, in denen nur demente Menschen leben. Mehr als die Hälfte der Bewohner in Pflegeheimen in Verden leidet an einer Form der Demenz, Tendenz steigend.

Es gibt viele Formen der Demenz, und jeder betroffene Mensch hat eine eigene Wahrnehmung der Welt. Einige vergessen zu essen oder zu trinken, andere wollen weglaufen oder sind aggressiv. „Die Menschen müssen besonders be- und geschützt werden“, erklärt Bianca Nellen-Brand, Geschäftsführerin des Caritas St. Josefheims in Verden. Sie leben zu zehnt in einer Abteilung des Alten- und Pflegeheims, dass mit einem Code-Schloss gesichert ist und werden von mehreren Mitarbeiterinnen rund um die Uhr gepflegt und betreut.

„Das Code-Schloss ist notwendig, da einige der an Demenz erkrankten Bewohner Weglauftendenzen haben“, erklärt Nellen-Brand. Da es sich um eine sogenannte freiheitsentziehende Maßnahme handelt, muss ein richterlicher Beschluss für jeden Bewohner dieser Station vorliegen.

Fester Tagesplan unmöglich

Einige der Bewohner sitzen im Altenheim St. Josef in der Mittagszeit am Tisch, einige liegen in ihren Betten. Eine der Bewohnerinnen spielt mit einer Betreuerin „Mensch ärgere dich nicht“. Im St. Johannisheim schauen drei Frauen zusammen fern und unterhalten sich dabei darüber, ob Männer mit oder ohne Bart besser aussehen. Einen festen Tagesplan für die komplette Gruppe gibt es nicht. „Bei dementen Menschen gehen die Uhren anders. Das Angebot muss daher sehr individuell gestaltet werden“, sagt Nellen-Brand. Jeder Einzelne an Demenz Erkrankte verhalte sich von Stunde zu Stunde und von Tag zu Tag verschieden, sagt Nellen-Brandt. „Einige Menschen wissen, dass sie dement sind, andere nicht. Und auch die Ausprägung unterscheidet sich stark“, erklärt Bettina Oetting, Geschäftsführerin Pflege im Pflegeheim St. Johannis.

Menschen mit Demenz können in einigen Fällen für sich selbst sorgen. Zumindest theoretisch. „Sie sind mobil genug, um sich selber zu waschen oder anzuziehen. Aber sie vergessen häufig, das zu tun“, sagt Nellen-Brand. Beispielsweise gibt es Demenzkranke, die nicht wissen, was sie mit einem Waschlappen machen sollen. „Wenn wir die Bewegung begleiten, dann fangen sie an, sich selbst zu waschen. Aber betreut werden müssen sie dabei“, sagt Nellen-Brandt.

Bei der Betreuung habe sich in den vergangenen Jahren einiges geändert, sagt Annegret Grieme, Leiterin Sozialer Dienst im Josefstift. Seit dem Jahr 2008 gebe es zusätzlich sogenannte 87b-Kräfte. „Diese Betreuer machen zunächst eine Ausbildung beispielsweise bei der Volkshochschule und betreuen dann Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf, beispielsweise demente Bewohner“, erklärt Grieme. Pro 24 Bewohner eines Heims mit eingeschränkter Alltagsfähigkeit gebe es eine 87b-Betreuerin. „Das ist eine eigene Säule bei der Versorgung von Menschen mit Demenz“, meint Nellen-Brandt.

„Die 87b-Betreuer lernen in Kursen beispielsweise, dass sie nicht gegen Menschen mit einer Demenzerkrankung anreden“, erklärt Oetting. Betreuer müssten genau auf die Anliegen der Bewohner eingehen, wenn diese beispielsweise der Meinung sind, dass sie zum Bus müssen, um einen Verwandten abzuholen. „Die Betreuung dementer Bewohner ist sehr zeitaufwendig. Man darf sie nicht mit Aktivitäten zudröhnen“, erklärt Oetting.

„Für die 87b-Stellen gibt es viele Bewerber. Zumindest bei uns“, sagt Nellen-Brand. Anders sehe es bei Pflegefachkräften aus. „Man darf Pflege und Betreuung nicht verwechseln“, betont sie. Pflegefachkräfte versorgen die Bewohner auch nachts medizinisch, Betreuer dürfen gesetzlich nicht einmal Essen anreichen.

Mit den dementen Bewohnern im St. Johannisheim werden Lieder gesungen oder Handarbeiten gemacht, in das St. Josephheim kommt einmal in der Woche eine Krabbelgruppe sowie eine Frau mit einem Hund. „Einige Bewohner können sich an Lieder oder Gedichte aus ihrer Schulzeit erinnern, aber an die nähere Vergangenheit nicht“, sagt Oetting. Nellen-Brandt sagt, dass viele Bewohner früher Tiere hatten und sich über den Hundebesuch freuen.

Grundsätzlich stehen jedem Bewohner mit erhöhtem Pflegebedarf 90 Minuten pro Woche zusätzliche Betreuung zu. „Das ist eine tolle Sache, aber nicht sehr viel“, meint Oetting. Probleme sieht sie bei der Finanzierung. „Menschen mit Demenz zahlen im Prinzip genauso viel wie andere Bewohner, brauchen aber mehr Aufwendung“, sagt sie. Rund die Hälfte der Bewohner im St. Johannisheim sind an Demenz erkrankt, im Josefheim sind es rund zwei Drittel der Bewohner. Tendenz steigend. „Menschen werden immer älter. Die Wahrscheinlichkeit einer Demenzerkrankung steigt mit der Lebensdauer exponentiell an“, erklärt Nellen-Brand.

Die Sensibilität für Demenzerkrankungen sei gestiegen in den vergangenen Jahren. „Den Demenzerkrankten werden häufiger höhere Pflegestufen als früher zugeordnet. Wir erhoffen uns von einem neuen System mit Pflegekategorien, dass mehr auf die Fähigkeit zur Bewältigung des Alltags geachtet wird“, sagt Nellen-Brand.

Oetting wünscht sich, dass Angehörige und die Öffentlichkeit mehr Verständnis für den Umgang mit dementen Menschen aufbringen. „Bei uns im gesondert abgeschlossenen Bereich gehen die Bewohner auch in die Zimmer der anderen“, sagt Oetting. Zudem versuchen die Pflegekräfte, die Bewohner alleine essen zu lassen – natürlich mit Unterstützung. „Dadurch kommt es aber vor, dass die Bewohner kleckern und nicht immer saubere Kleidung anhaben“, erklärt Oetting. Es sei verständlich, dass Angehörige das nicht immer gefalle. Das Konzept ergebe jedoch Sinn.

Ein weiteres Problem sei, dass die Pflegekräfte „am Anschlag“ arbeiten, berichtet Nellen-Brand. „Für Schwerdemente Bewohner bräuchte man im Grunde fast eine Eins-zu-eins-Betreuung. Aber das ist faktisch nicht möglich“, sagt die Heimleiterin. Oetting sieht das ähnlich. „Wir bräuchten eigentlich mehr Personal, um alles zu bewältigen.“

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