Existenzfrage Hofübergabe Wenn der neue Chef der eigene Sohn ist

Die Leitung seines Hofes zu übergeben ist nicht nur eine emotionale Handlung. Auch finanzielle Fragen oder die vertragliche Übergabe sind zu regeln.
27.07.2019, 20:43
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wenn der neue Chef der eigene Sohn ist
Von Marc Hagedorn

Am Ende fehlt nur noch das Foto für die Zeitung. Es soll Vater und Sohn im Garten auf einer Bank zeigen, den alten Chef und seinen Nachfolger. „Wer sitzt und hat den anderen im Nacken?“, fragt Jürgen Winkelmann, der Senior. Er lacht dabei, ein Scherz, na klar, aber auch eine gute Frage. Jürgen Winkelmann war 30 Jahre lang Chef auf dem Söhrenhof in Soltau, jetzt, mit 61, ist er Angestellter seines Sohnes Niklas. Eine Konstellation, die nicht ohne ist. Aber Vater und Sohn brauchen nicht lange, um sich einig zu werden. Deutlich umständlicher als die Choreografie fürs Foto war der Akt der Hofübergabe vor zwei Jahren.

„Am Thema Nachfolgeregelung können Familien zerbrechen“, sagt Anne Dirksen, die für die Landwirtschaftskammer als Beraterin arbeitet. Sie begleitet seit 30 Jahren Hofübergaben. „Rechtliche und steuerliche Fragen machen vielleicht 20 Prozent der Arbeit aus“, sagt sie, „80 Prozent drehen sich um gegenseitige Erwartungen und das Miteinander.“

Lesen Sie auch

Sie hat sehr oft erlebt, dass die Eltern, die den Hof abgeben, und die Kinder, die ihn übernehmen, beim Notar in der Annahme erscheinen, dass jetzt nur noch Kleinigkeiten zu regeln seien. Allzu häufig ein Trugschluss. „Beim Notar kommen oft zum ersten Mal konkrete Zahlen auf den Tisch, vorher hat man nie darüber gesprochen“, sagt Dirksen. „Plötzlich geht es um Abfindungen und die Altersvorsorge – und schon ist Sprengstoff drin.“

Finanzielle Fragen sind das eine. Die Winkelmanns hatten sie relativ schnell geregelt, genau wie die Altersvorsorge. Auf dem Hof leben auch noch Oma und Opa, sie haben – genau wie Jürgen Winkelmann und seine Frau jetzt – ein Wohnrecht auf Lebenszeit. Jürgen Winkelmann hat bei seinem Sohn einen Arbeitsvertrag unterschrieben, außerdem kümmert er sich als Selbstständiger um die Vermietung der zwei hofeigenen Ferienwohnungen. Zu tun hat er also noch genug.

Länger als die vertragliche Abwicklung der Übergabe hat die emotionale Gewöhnung an die neuen Verhältnisse gedauert. „Wenn du 30 Jahre lang das Sagen hattest, ist es nicht leicht, loszulassen“, sagt Jürgen Winkelmann. Ihm haben zwei Coachings geholfen, ganztägig, mit allen Familienmitgliedern, „dort wurden jedem von uns die richtigen Fragen gestellt“.

Nachdem seine Söhne nach erfolgreicher Ausbildung auf den Hof zurückgekehrt waren, merkte Jürgen Winkelmann schnell, dass „die aufstrebende Generation selbstbewusster wird“. Er musste damit erst einmal klar kommen: sich sagen zu lassen, wo es lang geht. Entscheidungen zuzulassen, die er selbst so vielleicht nie getroffen hätte. „Das Coaching hat mir beigebracht: Jürgen, du musst loslassen, Jürgen, du musst loslassen.“

Einen Winter lang hat er danach noch gebraucht, dann war klar: Niklas, der ältere der beiden Söhne, übernimmt den Familienbetrieb in Soltau mit seinen 500 Sauen, der Biogasanlage und den 110 Hektar Wald, Weide- und Ackerland. Thies, der jüngere, bewirtschaftet heute einen Hof in Cuxhaven aus der Familie seiner Mutter. Alles gut war damit zu Hause in Soltau aber noch nicht. Denn auch der Sohnemann, der neue Chef, musste seine Rolle erst finden. „Das braucht Zeit“, sagt Niklas Winkelmann.

Da war zum Beispiel die Sache mit dem Frühstück. Bei seinem Vater war es gute Sitte, dass zum Frühstück alle Hofbewohner am Tisch saßen: Familie, Angestellte, Praktikanten. Niklas, 31, hat das nach kurzer Zeit abgeschafft. Er hat schnell gemerkt, dass sein Vater für alle anderen am Tisch immer noch erster Ansprechpartner war. Das war nicht böse gemeint, vermutlich nur Gewohnheit. Aber Niklas hatte es schwer, sich als neuer Chef zu fühlen. Vater Jürgen sitzt nun morgens nicht mehr mit am Tisch.

Außerfamiliäre Hofübergaben werden mehr

Dass die Elterngeneration einen Nachfolger in der eigenen Familie findet, ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Zwar gibt es keine exakten Zahlen darüber, wie viele Höfe innerhalb der Familie weitergegeben und wie viele außerfamiliär fortgeführt werden. Anne Dirksen von der Landwirtschaftskammer hat aber festgestellt, dass außerfamiliäre Hofübergaben mehr werden. Immer häufiger hat der eigene Nachwuchs keine Lust, dem Vorbild der Eltern zu folgen. Manchmal wird aus einem Vollerwerbsbetrieb ein Nebenerwerbshof. Oder er schließt ganz.

Seit 2010 hat jeder neunte Bauernhof in Niedersachsen dicht gemacht. Die Zukunft des Winkelmannschen Anwesens stand nie infrage. Aus zwei Gründen. „Wir führen ein gesundes Unternehmen, das Zukunft hat“, sagt Jürgen Winkelmann, „und wir haben unseren Kindern immer vorgelebt, dass unser Leben lebenswert ist.“ Bauern, so Winkelmann Senior, sage man nach, dass sie gern klagten. „Haben wir nie getan“, sagt er, „wir kennen keine Probleme, nur Herausforderungen.“

Lesen Sie auch

Auch die Work-Life-Balance, wie es Neudeutsch heißt, kriegen die Winkelmanns seit Jahren hin. Die Arbeitszeiten sind geregelt und verlässlich. Raus aus dem Bett um sieben, Arbeitsbeginn ist um acht, Frühstück gegen neun, um zwölf Uhr gibt’s Mittag, nach einer Pause geht’s gegen 13.30 Uhr weiter. Feierabend ist in der Regel um sechs. Und weil die Winkelmanns dank ihrer Angestellten personell die Möglichkeit haben, können Vater und Mutter sowie Sohn und Ehefrau im Wechsel am Wochenende frei machen. Jedes Jahr fährt die Familie in den Skiurlaub.

Der Hof ist in besten Händen

Für ihn, sagt Niklas Winkelmann, habe das Leben auf dem Hof immer schon mehr Vorzüge als Nachteile gehabt. Taschengeld gab’s zwar nicht, dafür aber einen Arbeitslohn. Also mistete Klein-Niklas Ställe aus, mähte Rasen, fuhr Trecker, fütterte Tiere, kontrollierte die Bestände und hatte schnell die Taschen voller Geld. „Mit 15 oder 16 ist das nicht zu unterschätzen“, sagt er lachend. Und als er im Rahmen seiner Ausbildung zum Landwirt sein einjähriges Praktikum auf dem väterlichen Hof absolvierte, war klar: Der Job ist so abwechslungsreich, dass er ihn für immer machen möchte. „Ich fühle mich gar nicht wie ein Bauer, sondern eher wie ein Unternehmer auf dem Land“, sagt er. 60 bis 70 Prozent seiner Zeit arbeitet er im Büro, trifft strategische Entscheidungen.

Seinen Frieden mit der Übergabe hat ­Jürgen Winkelmann auf der Studienreise gemacht, die ihn und seine Frau fünf Monate lang nonstop um den Globus geführt hat. „Dreimal haben wir in der Zeit mit unseren Söhnen telefoniert“, sagt Winkelmann. Das war’s. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar: Der Hof ist beim Filius in besten Händen.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+