Ehrenamtliche Hospizmitarbeiter in Lilienthal Wenn der Tod seinen Schrecken verliert

Lilienthal. 'Wir bringen das mit, was im beruflichen Bereich nicht da ist - Zeit', sagt Till Röhr. Der 40-jährige begleitet Sterbende auf der letzten Etappe ihres Lebens. In der Pflege müsse alles schnell gehen, 'zack-zack'. Als ehrenamtlicher Hospizmitarbeiter spürt er den Druck nicht.
03.08.2010, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Wilke

Lilienthal. 'Wir bringen das mit, was im beruflichen Bereich nicht da ist - Zeit', sagt Till Röhr. Der 40-jährige Lilienthaler begleitet Sterbende auf der letzten Etappe ihres Lebens. In der Pflege müsse alles schnell gehen, 'zack-zack', sagt der Altenpfleger. Als ehrenamtlicher Hospizmitarbeiter spürt er den Druck nicht. 'Da hab' ich Zeit. Ich kann zuhören. Die Hand halten. Einfach nur da sein.' Die Nähe zu den Sterbenden hat Till Röhr verändert. Er geht jetzt anders mit seinem Leben um.

Seit fünf Jahren ist der Ambulante Hospizdienst des Diakonischen Werks ein Schwerpunkt im Leben des 40-Jährigen. Genauso lange ist Inge Reers dabei, mit Leib und Seele. Weil sie die Begleitung von sterbenden Menschen wichtig findet. Und weil der Hospizdienst ihr Leben verändert hat. Er hat ihr geholfen, eigene Trauererfahrungen zu verarbeiten. Inge Reers fürchtet den Tod nicht mehr. 'Vorher hatte ich eine panische Angst davor', erzählt die 64-jährige Lilienthalerin. Jeden Gedanken daran hat sie 'sofort weggedrückt'. Das beobachtet sie heute bei vielen alten Menschen, sogar bei 80- bis 90-Jährigen. Wie Till Röhr hat Inge Reers gelernt, den Tod und das Sterben als etwas zu akzeptieren, das zum Leben gehört. Der Tod hat seine Schrecken verloren. Das eigene Leben sehen Reers und Röhr jetzt anders. Sorgen und Probleme, die sie früher quälten, nehmen sie nicht mehr als überlebenswichtig wahr.

Katja Jenrich ist froh darüber, dass es Menschen wie Tim Röhr und Inge Reers gibt. Die 47-Jährige leitet den Ambulanten Hospizdienst des Diakonischen Werks im evangelischen Kirchenkreis. Sie ist die einzige Hauptamtliche. 32 Männer und Frauen arbeiten ehrenamtlich mit. Es sollen noch mehr werden, denn der Bedarf steigt. Von Jahr zu Jahr wächst die Zahl der alten Menschen, die vor der letzten Zäsur ihres Lebens stehen. Immer mehr Anfragen kommen aus Alten- und Pflegeheimen. Dass Menschen zu Hause sterben wie früher im Kreis der Familie, ist die Ausnahme.

Ausbildung zum Hospizmitarbeiter

Darum bildet das Diakonische Werk neue ehrenamtliche Hospizmitarbeiter aus. Der Vorbereitungskursus beginnt im September und dauert ein halbes Jahr; es gibt Themenabende in der Woche und Wochenend-Einheiten. 'Der Kursus bietet die Möglichkeit, sich mit den Themen Leben und Tod im Bewusstsein der eigenen Endlichkeit auseinander zu setzen', sagt Katja Jenrich. Kreative Methoden unterstützen die Selbsterfahrung. Außerdem geht es um Wissen und den Aufbau eigener Kompetenzen: Wie grenze ich mich gegenüber belastenden Erfahrungen ab? Wie kann ich dem Menschen auf dem Sterbebett freundlich und unvoreingenommen gegenübertreten, ihn annehmen mit seiner Persönlichkeit, seinen Gedanken und Gefühlen, auch wenn er verbittert und feindselig ist? Am Mittwoch, 25. August, gibt es einen Informationsabend im Grasberger Gemeindehaus; er beginnt um 19 Uhr.

'Wir begleiten unheilbar kranke Menschen zu Hause, im Krankenhaus oder im Pflegeheim', sagt Katja Jenrich, die beim Diakonischen Werk in Osterholz-Scharmbeck unter der Rufnummer 04791/80687 zu erreichen ist. Die Hospizmitarbeiter sollen Menschen ein Sterben in Würde ermöglichen. 'Das bedeutet, sich darauf einzulassen, in welchem Prozess sich dieser Mensch gerade befindet', erklärt Jenrich. 'Wir haben nicht zu bewerten, wie jemand mit seinem Leben und seinen Angehörigen umgeht. Wir akzeptieren ihn so wie er ist, ob er seine Probleme annimmt oder verleugnet.' Hospizler erleben viel Dankbarkeit von Sterbenden, werden aber auch mit aggressivem Verhalten konfrontiert. Sie müssen den Versuch, ungelöste Probleme bei ihnen abzuladen, akzeptieren. 'Das muss man lernen. Darum geht es in dem Vorbereitungslehrgang', sagt die Leiterin des Ambulanten Hospizdienstes. 'Wir schicken niemanden unvorbereitet zu todkranken Menschen.'

'Jeder stirbt so wie er gelebt hat', betont Inge Reers. 'Es gibt aggressive und griesgrämige Menschen, die werden sich nicht mehr ändern.' Inge Reers und Till Röhr haben gelernt, Sterbende anzunehmen wie sie sind: 'Alles was ist, ist okay'. Manchmal erleben Inge Reers und Till Röhr, wie sich ihnen Menschen Stunden vor dem Tod öffnen und ihnen etwas erzählen, das sie nie zuvor erzählt haben, nicht einmal den Freunden oder nahen Angehörigen. 'Das sind so die letzten Stunden im Leben', sagt Inge Reers. 'Da möchte man am Ende mal ehrlich sein.' Alle Hospizmitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht.

Wer die Ausbildung absolviert, ist danach nicht verpflichtet, ehrenamtlich für den Hospizdienst zu arbeiten. 'Man kann die Ausbildung auch nur für sich machen', erklärt Röhr. Auch könnten ehrenamtliche Hospizler später auch aussetzen und eine Pause einlegen. Wer will, kann sich im Trauercafé des Diakonischen Werks um Angehörige kümmern. Auch dort arbeitet Inge Reers mit. 'Alles dreht sich um den Sterbenden', sagt die 64-Jährige. 'Als Angehöriger wird man vergessen'. Sie kennt das Gefühl dessen, der zurückbleibt. 'Man fühlt eine große Leere. Es ist als ob man aufgehört hat zu leben.' Das Wichtigste sei, die Trauernden wieder zum Reden zu bringen, sie zurückzuholen ins Leben. Darum bemüht sich die Lilienthalerin im Trauercafé des Diakonischen Werks.

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