Die Ausstellung „Die Hälfte des Himmels – 99 Frauen und Du“ erzählt Geschichten über Gewalt, Mut und Stolz Wenn die Statistik ein Gesicht bekommt

Die Ausstellung „Die Hälfte des Himmels – 99 Frauen und Du“ ist bis Sonnabend, 1.März, in der Stadtbibliothek in Verden zu sehen. In dieser Ausstellung werden 99 Frauen porträtiert. Sie alle haben ihre eigene Geschichte. Und sie alle sind vor allem eins: stolz darauf, eine Frau zu sein.
21.02.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Jenifer Wohlers

Die Ausstellung „Die Hälfte des Himmels – 99 Frauen und Du“ ist bis Sonnabend, 1.März, in der Stadtbibliothek in Verden zu sehen. In dieser Ausstellung werden 99 Frauen porträtiert. Sie alle haben ihre eigene Geschichte. Und sie alle sind vor allem eins: stolz darauf, eine Frau zu sein.

Wenn man die Stadtbibliothek in Verden betritt, dann blicken einen 99 Frauen an. Es sind lachende oder nachdenkliche Gesichter. Frauen, die viel erlebt haben. Frauen, die viel gelitten haben und Frauen, die stärker geworden sind. In der Ausstellung „Die Hälfte des Himmels – 99 Frauen und Du“ geht es nicht um Gewalt, sexuellen Missbrauch und Leid. Es geht um Selbstbewusstsein und darum, wie die 99 Frauen trotz eines schweren Schicksalsschlages wieder ins Leben gefunden haben und stolz darauf sind, eine Frau zu sein.

Die Kuratorin der Ausstellung, Annette Schiffmann, war lange Mitarbeiterin beim Frauennotruf in Heidelberg. Als sie den Auftrag bekam, ein Plakat über Gewalt an Frauen zu gestalten, lehnte sie ab. „Ich wollte nicht zum hundertsten Mal das Schrecken und Grauen auflisten“, sagte Schiffmann. Dies sei die Geburtsstunde einer Idee gewesen. Sie wollte der Statistik ein Gesicht geben. Aus dem hässlichen Thema sollte ein schönes werden.

14 Monate lang war sie auf Reisen und fand Frauen, die geschlagen, missbraucht und zur Prostitution gezwungen wurden. 19 der Frauen sind niemals mit Gewalt in Berührung gekommen. 23 dieser Frauen wurden vergewaltigt. Eine musste als junges Mädchen den Mord an ihrer Mutter mit ansehen. Eine Frau wurde von elf Polizisten zusammengeschlagen: Yazzmin. In dem Interview mit ihr, das in der Ausstellung durch einen Audioguide ermöglicht wird, berichtet sie von ihrem Leben, ihrem Sohn und von Gewalt. Auf die Frage hin, auf was sie stolz in ihrem Leben sei, antwortete die 47-Jährige: „Stolz ist nicht das richtige Wort. Ich bin froh, dass ich mein Leben so gelebt habe, wie ich es wollte.“

„Sie sind keine Opfer“

Fünf Fragen hat Schiffmann den 99 Frauen gestellt. „Ich habe die Frauen nicht sofort gefragt, ob sie Gewalt erlebt haben. Meine erste Frage war, worauf sie in ihrem Leben stolz sind“, so Schiffmann während der Jubiläumsfeier des Verdener Frauenhauses. Die Kuratorin wollte vor allem eines nicht: die Frauen als Opfer darstellen. „Sie sind keine Opfer. Sie sind selbstbewusste, starke Frauen“, sagte die 60-Jährige. Sie sei froh, dass ihr dies gelungen ist. Ihr größter Dank gelte den Frauen, die ihr ein solches Vertrauen geschenkt hätten. „Es war die bewegendste Reise meines Lebens“, bilanzierte Schiffmann.

Auf dieser Reise traf sie auch auf Maria, die damals 26 Jahre alt war und auf Grundschullehramt studierte. Sie selbst hat nie direkt Gewalt oder Missbrauch erlebt. Dennoch musste sie sich früh mit diesem Thema auseinandersetzen. „Mein Opa war pädophil“, sagte Maria im Interview mit Schiffmann. Seitdem sei es ihr Ziel, Grundschullehrerin zu werden. So will sie sich für Kinder einsetzen und sie vor Gewalt und Missbrauch schützen.

Dies ist nur eine von 99 Geschichten. Sie alle bewegen und regen zum Nachdenken an. Das hundertste Ausstellungsstück ist kein Porträt – jedenfalls kein direktes: Es ist ein Spiegel. „Alle können betroffen sein. So wird jeder zum Teil des Ausstellung“, wie Annette Schiffmann verrät. Daher auch der Untertitel „Es könnte jede sein – es sollte keine sein“.

Bereits zum 35. Mal wird die Ausstellung präsentiert. Schiffmanns Wander-Ausstellung war bereits in Bielefeld, Minden sowie Köln, Berlin und vielen weiteren Städten in Deutschland. Für die Kuratorin sei die Eröffnung jedes Mal wieder etwas Besonderes. „Ich bin immer wieder gerührt, wenn die Ausstellung hängt. Die Frauen haben mir so viel Offenheit und Vertrauen geschenkt“, so Schiffmann.

Die Ausstellung ist noch bis Sonnabend, 1. März, in der Stadtbibliothek in Verden zu sehen. Die Interviews gibt es als Audioguide zu hören. Führungen bietet das Frauenhaus Verden an. Anmeldung und weitere Informationen gibt es bei Ulla Schobert unter Telefon 04231/961966.

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