Ärger bei der Wirtschaftsförderung Sexismus-Debatte in der Wesermarsch

„Sie können sich auch leichter anziehen.“ Diesen Satz hat Hans-Dieter Beck aus Brake zu seiner Kollegin im Aufsichtsrat gesagt und damit eine Debatte losgetreten. Jetzt wird sein Rücktritt gefordert.
04.07.2020, 05:00
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Sexismus-Debatte in der Wesermarsch
Von Patricia Brandt

Sexismus-Vorwurf in Brake: Weil das einzige weibliche Aufsichtsratsmitglied der Wirtschaftsförderung, Christina-Johanne Schröder aus Berne, in einer Sitzung vom Vorsitzenden Hans-Dieter Beck sexuell diskriminiert wurde, ist in der Region eine Sexismus-Debatte entbrannt. Obgleich Beck sein Fehlverhalten eingeräumt hat, fordert die Grünen-Politikerin seinen Rücktritt. Die Fraktionen diskutieren derzeit engagiert die Frage, ob der Sexismus in den Verwaltungsgremien Wesermarsch Struktur hat.

Der Tag der Aufsichtsratssitzung war der 17. Juni, in Christina-Johanne Schröders Erinnerung ein „bullenheißer Tag“. „Wir haben alle unsere Jacketts ausgezogen.“ Christina-Johanne Schröder saß als einzige Frau in der nichtöffentlichen Sitzung. Sie trug unter ihrem Jackett ein Sommerkleid. Was dann passierte, twitterte die 36-jährige Fachreferentin der Landtagsfraktion der Bündnisgrünen und Leiterin des Abgeordnetenbüros des früheren Landwirtschaftsministers Christian Meyer kurz nach der Sitzung: „Der Aufsichtsratssitzende der Wirtschaftsförderung Wesermarsch auf meine Frage, ob jemand etwas dagegen habe, dass ich die Türen öffne, ‚Sie können sich auch leichter anziehen.‘ Die Reaktion der 15 Aufsichtsratskollegen: Gelächter. Kein Widerspruch.“

Hashtag „nosexism“

Als Hashtag wählte die Kommunalpolitikerin, die für die Grünen auch im Kreistag vertreten ist, „nosexism“. Das gefiel 245 Nutzern und Christina-Johanne Schröder legte mit einem weiteren Tweet nach: „Falls jemand frage, ob man das gleich poste müsse: ‚Ja!‘. Beim letzten Mal habe sie sich mehrfach bei den Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung beschwert – ohne Reaktion.

Der Kommentar zur Garderobe könne auf den ersten Blick wie eine Lappalie wirken. „Aber Sexismus raubt Frauen ein professionelles Arbeitsumfeld – bei uns in der Kommunalpolitik demokratische Beteiligung. Egal, wo ich in den letzten Jahren gearbeitet habe – ob in Brüssel oder in Hannover oder in anderen kommunalpolitischen Aufsichtsräten. Niemals würde eine Sitzungsleitung sich wagen, eine Frau aufzufordern, sich leichter anzuziehen.“ Die Bernerin sagt, dass sie im Anschluss an den Vorfall viele positive Reaktionen erhalten habe. „Fast alle Frauen in der Kommunalpolitik erleben Sexismus in politischen Gremien. Für die ist das nichts Besonderes.“ Mittlerweile fordert die Politikerin Becks Rücktritt. Sie wirft ihm vor, dass er sich nicht entschuldigt habe. Zudem habe es weitere Vorfälle gegeben. Die Rede ist von einem Bewerbergespräch, bei dem eine neue Geschäftsführerin oder ein Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung gesucht wurde. Sie könne aus Gründen der Amtsverschwiegenheit nicht darüber sprechen, sagt Christina-Johanne Schröder. Darauf habe Beck sie bereits hingewiesen, was Schröder als Einschüchterungsversuch wertet.

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Der Aufsichtsratsvorsitzende der Wirtschaftsförderung, Hans-Dieter Beck, ist Rechtsanwalt und Notar. Der 67-Jährige ist zudem im Stadtrat tätig und ist Vorsitzender des Braker Kreistages und der CDU Brake. Beck gibt ohne Umschweife zu, den Satz „Sie können sich auch leichter anziehen“ gesagt zu haben. Er habe nicht bemerkt gehabt, dass seine Kollegin da bereits ihr Jackett ausgezogen hatte. „Erst als sie aufstand, erkannte ich, dass sie ein Kleid trug.“

Nachdem sie die Tür geöffnet hatte, habe sie „für mindestens zehn Minuten bei bester Laune Selfies mit ihrem iPhone gemacht.“ In seiner Stellungnahme schreibt Beck weiter: „Unmittelbar nachdem ich die Bemerkung, die ich sehr bedauere, gemacht hatte, reagierte ein Mitglied des Aufsichtsrates mit der Bemerkung ‚Alter Chauvi‘. Ein Gelächter anderer Mitglieder des Aufsichtsrates oder sonstige Reaktionen habe ich nicht vernommen. Von einigen Mitgliedern des Aufsichtsrates weiß ich, dass sie die Situation überhaupt nicht mitbekommen haben.“

„Institutioneller Rassismus“ gegen Mitglieder?

Hans-Dieter Beck sagt klar: „Meine Bemerkung in der Aufsichtsratssitzung am 17. Juni war objektiv grenzüberschreitend und ungehörig. Dafür habe ich mich gegenüber Frau Schröder entschuldigt und auch vor der Gesellschafterversammlung. Den Eindruck zu erwecken, dies sei nicht der einzige Vorfall dieser Art gewesen, ist falsch. Frau Schröder versucht einen sogenannten ‚institutionellen Sexismus‘ den Mitgliedern der Gremien zu unterstellen, die ihre Sichtweise und Beurteilung nicht teilen.“ Beck schildert, wie er versucht habe, sich telefonisch zu entschuldigen. „Frau Schröder reagierte mit der Erklärung: ‚Ich will mit ihnen nicht reden! Ich werde meine Kampagne fortsetzen!‘“

Becks Kleid-Fauxpas zieht indes weiter Kreise. Die Gesellschafterversammlung der Wirtschaftsförderung Wesermarsch hat sich bereits in einer Sitzung „mit dem Vorwurf der sexistischen Beleidigung des Aufsichtsratsmitgliedes Christina-Johanne Schröder durch den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans-Dieter Beck“ auseinander gesetzt. Der Stellvertretende Landrat und Chef der Gesellschafterversammlung, Marcel Schmikale, dazu: „Fazit ist, dass sich der Aufsichtsratsvorsitzende falsch verhalten hat.“ Die Gesellschafter könnten jedoch keinen allgemeinen strukturellen Sexismus in den Gremien der Wirtschaftsförderung feststellen. „Die Gesellschafterversammlung verurteilt jedwede sexistische Diskriminierung sowie alle Formen von Beleidigungen, Hetze und Rassismus.“

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Christina-Johanne Schröders Forderung, Hans-Dieter Beck müsse zurücktreten, soll Schmikale zufolge nun in einer extra anberaumten Sitzung des Aufsichtsrates am 20. August aufgearbeitet werden. Auch in den politischen Gremien wird die Sexismus-Debatte längst geführt. „Es geht mitnichten darum, dass der Aufsichtsratsvorsitzende Beck versehentlich etwas Blödes gesagt hat und sich dann entschuldigt“, führt Jürgen Janssen, Fraktionsvorsitzender der Kreistagsgrünen aus. „Frau Schröder hat seit Herbst 2018 darum gebeten, über sexistische Kommunikationsstrukturen vor der Gesellschafterversammlung sprechen zu dürfen. Anstatt sich damit inhaltlich auseinanderzusetzen, habe Marcel Schmikale als Vorsitzender der Gesellschafterversammlung die Mails an Herrn Beck weitergeleitet: „Genau das beschreibt strukturellen Sexismus.“

Der Kreistag und die Gesellschaften, an denen der Kreis beteiligt ist, müssten sich aktiv mit diskriminierender Kommunikation, Herabwürdigungen, Beleidigungen und Einschüchterungen auseinandersetzen und klare Leitlinien formulieren, fordert Janssen. Weiterhin müsse es eine unabhängige Beschwerdestelle geben. „Frauen sollten überall, im Beruf, im Privatleben und ganz besonders in der Kommunalpolitik nicht sexistischen Beleidigungen ausgesetzt werden. Als demokratisch gewählte Vertreter haben wir eine Vorbildfunktion für die gesamte Gesellschaft.“

Erklärung von SPD-Politikerin und Ratsherr

Auch die SPD-Politikerin Nicole Buntrock hat zusammen mit Ratsherr Holger Kromminga eine Erklärung zu dem Vorfall abgegeben: „Und wir sagen hier auch ganz klar und deutlich, dass wir Sexismus innerhalb der Gremien unserer kommunalen Zusammenarbeit niemals dulden und akzeptieren werden und die kleinsten Anzeichen sofort deutlich ansprechen und mit allen gebotenen Mitteln und Konsequenzen bekämpfen werden.“

Unterstützung erhält Hans-Jürgen Beck derzeit vor allem von seinen Parteikollegen. Nach den Worten von Claus Plachetka, stellvertretender Vorsitzender des CDU Stadtverbands Brake, begrüßt die CDU, dass sich Beck für „die unüberlegte Bemerkung“ am Tag nach der Sitzung entschuldigt hat. „Der Vorwurf von strukturellem und systematischen Sexismus durch Herrn Beck entbehrt aus Sicht des Vorstandes der CDU Brake jeglicher Grundlage.“ Die Christdemokraten jedenfalls erleben Beck als jemanden, der Frauen und Männer gleich behandele.

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