Pferdeland Wie bei Muttern

Pferde akzeptieren Menschen, wie sie sind, und spiegeln deren Handeln direkt, das macht sie zum idealen Co-Therapeuten in der Heilpädagogischen Arbeit. Der Bülstedter Hof Fylgja bietet das seit 1997.
08.08.2018, 14:56
Lesedauer: 3 Min
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Von Undine Mader

Landkreise Osterholz/Rotenburg. Gemächlich trottet Shetlandpony Tinka zum Ausgang des Reitplatzes. Bunte Kreppbänder flattern in seiner Mähne. Marie hat sie hinein gebunden. Jetzt thront die Vierjährige im Sattel und strahlt Mutter und Großmutter nach einer halben Stunde auf dem Ponyrücken entgegen. Tinka gilt auf dem Hof Fylgja als verfressen, und an der Gattertür wird sie ihrem Ruf gerecht. Sie legt einen Fressstopp ein. Dass es keine Rute braucht, um das Tier wieder in Bewegung zu setzen, erklärt Reitpädagoge Felix Pfeiffer. Er führt das Pferd und sagt: „Kss, kss, nein. Dann weiß sie, dass der Reiter das nicht möchte.“ Jetzt lässt er die junge Reiterin noch das Zauberwort „Scheritt“ sagen, und Tinka trottet weiter. Noch ist Maries Zeit mit dem Pferd nicht ganz vorüber. Absatteln und Putzen gehören zum therapeutischen Reiten auf dem Hof dazu.

Seit 1989 haben sich Anne Christoph und Felix Pfeiffer der heilpädagogischen Arbeit mit Pferden verschrieben. Darin vereinen sie ihre Liebe zu den Tieren mit ihren therapeutischen Berufen: Christoph, die Heilpraktikerin für Psychotherapie, Trauma-, Gestalt-, Musik- und Reittherapeutin und Pfeiffer, der Pädagoge, Reit- und Jungenpädagoge mit Feldenkrais-Diplom. Das Grundanliegen ihrer Arbeit drücken sie mit dem Namen ihres Hofes aus. Fylgja ist isländisch und bedeutet „begleiten, geleiten“.

Ohne Leistungsdruck

Die Reiter individuell zu fördern und bei der Entwicklung im motorischen, emotionalen oder sozialen Bereich zu unterstützen, ist der Ansatz der heilpädagogischen Arbeit mit Pferden. Vermittelt werden solle dies jedoch ganz nebenbei, so Anne Christoph. „Kein Kind kommt zu uns zur Reittherapie, sondern Reiten ist das Hobby der Kinder.“ Nur ohne Leistungsdruck und in deren Tempo. Die beiden Reitpädagogen gehen davon aus: „Jedes Kind hat ganz viele Fähigkeiten.“ Dort setze ihre Arbeit an. Als Ziel formuliert Christoph: „Dass die Kinder ein bisschen selbstbewusster aus der Stunde gehen als sie gekommen sind.“

1997 sind Anne Christoph und Felix Pfeiffer nach Bülstedt gezogen. Zum Hof gehören elf Pferde, Islandponys und schottische Shetlandponys. Deren Jobbeschreibung: „Co-Therapeut". Pferde geben den Menschen sofort Rückmeldungen. Aufgestellte Ohren zeigen beispielsweise an, dass es dem Tier zu laut ist, so Felix Pfeiffer. Und anders als Menschen akzeptiert ein Pferd laut Anne Christoph „jeden in seinem So-Sein unabhängig von der Hautfarbe oder Behinderung“.

Obwohl die Zeit auf dem Reitplatz spielerisch anmutet, folgt eine Reitstunde auf dem Hof Fylgja einer klaren Struktur. Vor dem Reiten putzen die Kinder 15 Minuten ihr Pferd. Auch wer nicht lesen kann, findet in der perfekt aufgeräumten Sattelkammer das Zubehör für sein Tier. Jedem Pferd ist ein Symbol zugeordnet, das an den Haken und auf jeder Bürste und dem Putzkasten wiederkehrt. Und da wo Ordnung ist, werde sie von allen selbstverständlich eingehalten, begründet Anne Christoph das Geheimnis dieser Sattelkammer.

Raum für Ideen

Nach dem Vorbereiten der Tiere geht es für eine halbe Stunde auf den Reitplatz. Dort hat Felix Pfeiffer verschiedene Angebote aufgebaut. Für Marie hängen Ringe zwischen Stöcken, und bunte Tücher flattern daran. Er führt das Pferd nach dem Wunsch des Kindes, denn hier zählt dessen Freiheit beim Spiel. „Wenn die Kinder merken, da gibt es Raum für ihre Ideen, dann explodiert die Fantasie regelrecht“, begründet Pfeiffer. Wer will, kann sich selber ausprobieren und auf dem Pferderücken auch einmal hinlegen. Damit erforschen Kinder körperliche Grenzbereiche.

Tinka und ihre vierbeinigen Kollegen sind für diese Arbeit ausgebildet. Voraussetzung sei die psychische Gesundheit der Tiere. In ihrem Umgang mit Kindern wirke ein Stück weit auch der Mutterinstinkt. „Sie gehen mit den Kindern um wie mit einem Fohlen“, sagt Anne Christoph. Trotzdem bleiben sie Pferd und denken nicht wie ein Mensch. Dieser muss sich auf sie einstellen.

Aber die Anwesenheit der Tiere löst vieles im Menschen. Neben Stunden auf dem Pferderücken bieten Anne Christoph und Felix Pfeiffer seit 18 Jahren heilpädagogisches Fahren an. Wenn dort die Kinder gemeinsam in der Kutsche geschunkelt werden, sei das wie im Mutterbauch. „Sofort entsteht etwas ganz Vertrautes“, erzählt Christoph, und selbst Jugendliche unterhielten sich dann über Themen, die am Boden tabu seien. Wenn sie obendrein noch die Zügel der Kutsche halten dürfen, seien das faszinierende und sehr beliebte Momente. Egal, ob am Zügel, beim Ausschirren oder Putzen vor und nach dem Reiten, das gehöre bei ihnen dazu. „Damit die Kinder von Anfang an lernen, dass das Pferd ein Lebewesen mit Bedürfnissen ist.“

Lange ritten pro Woche mehrere Dutzend Kinder auf dem Hof. Jetzt, jenseits der 50, tritt das Paar etwas kürzer und widmet sich mehr der psychologischen Praxis und Feldenkrais. Etwa 20 Kinder reiten noch an drei Nachmittagen. Der Traum des Paars sei, dass irgendwann jemand den Hof übernehme. Allerdings sollte der nicht vom großen Geld träumen: „Leider kann man damit gerade so überleben“, sagt Anne Christoph. Eine Reitstunde pro Woche kostet monatlich 71,50 Euro. In Einzelfällen könne das Heilpädagogische Reiten über Krankenkassen abgerechnet werden, und ihre Hauptklientel seien Kinder aus Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen.

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