Sprechlaufwandern

Von Berlin nach Bassum

In der Hauptstadt gibt es seit einigen Monaten das sogenannte Sprechlaufwandern, bei denen sich Menschen treffen, um eine Strecke zurücklegen. Es soll mehr als ein Spaziergang sein und in Bassum durchstarten.
30.04.2021, 05:00
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Von Tobias Denne
Von Berlin nach Bassum

Zu zweit oder in der Gruppe - mit Abstand versteht sich - lässt sich das Sprechlaufwandern erleben. Vorgaben gibt es keine.

Philipp Schulze/dpa

Bassum. Sich einfach gemeinsam auf den Weg machen und sich austauschen. Über die Themen sprechen, die einen bewegen, und selbst etwas aktiv sein. Kurz zusammengefasst ist das das Ziel vom Sprechlaufwandern. Die Berlinerin Claudia Kerns hatte im vergangenen Jahr die Idee, setzte sie um und fand schnell Anklang mit dem Gedanken, sich gemeinsam einen Wanderweg auszusuchen und ihn zu absolvieren. Kerns weiß, dass vor allem in den vergangenen Monaten immer mehr Menschen die Bewegung an der frischen Luft für sich entdeckt haben. Bei geschlossenen Fitnessstudios oder Vereinen, die kaum bis keine Sportangebote bieten konnten, war das eine logische Konsequenz. Und das Sprechlaufwandern kommt nun auch nach Bassum - dank Reinhild Olma, die von dem Angebot begeistert ist. „Gerade jetzt herrscht doch ein großer Bedarf“, hat sie bemerkt, dass doch der soziale Kontakt fehle. Und in Bassum gibt es die idealen Routen für das Sprechlaufwandern, weiß die Agenda-Beauftragte: die Rundwanderwege.

Ihre erste Tour macht sie an diesem Sonnabend, 1. Mai. Es geht mit einer Person über die Apfelroute 1 mit sieben Kilometern. „Man kann sich natürlich noch steigern. Manche trauen sich vielleicht die 20 Kilometer am Anfang gar nicht zu“, gibt Olma zu bedenken. Sie wurde voriges Wochenende, als sie mit ihrem Mann unterwegs war, von einer älteren Frau angesprochen. „Wir haben uns 30 Minuten unterhalten“, staunt Olma jetzt noch. Sie merkt, dass die Menschen ein Bedürfnis nach Austausch haben. Und das Sprechlaufwandern ist eine Möglichkeit, ungezwungen ins Gespräch zu kommen. „Es wird nicht in der Masse gelaufen“, versichert Kerns.

Angefangen hat es für die Berlinerin, als sie das erste Mal alleine unterwegs war. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, beim Mammutmarsch (100 Kilometer in 24 Stunden) mitzugehen. „Ich habe über 50 Kilometer mitgemacht“, erzählt sie. Bei einem Rundweg um Berlin herum fragte sie sich dann: „Warum alleine laufen?“ Also fragte sie online nach, ob nicht jemand mitkommen will. „Das hat sich dann schnell verselbstständigt“, gibt sie zu. Die Berlinerin hat gemerkt: Wandern hat mittlerweile kein Senioren-Image mehr, wurde durch die Corona-Pandemie eher bestärkt. Den Rundweg um Berlin hat sie mit anderen Aktiven in acht Etappen absolviert. „Das ist nicht nur einfach ein Spazierengehen, sondern es geht auch um den sportlichen Aspekt“, betont sie angesichts der knapp 20 Kilometer, die zurückgelegt werden. Da maximal zwölf Menschen in einer Gruppe wandern, wurden rasch private Themen angesprochen - Ängste oder Depressionen. „Die Leute haben beim Sprechlaufwandern eine Ausdrucksform gefunden. Man kann es einfach probieren, wenn es einem nicht so gut geht oder man Unterstützung braucht“, sagt sie.

Leichter Einstieg

Für Kerns steht der ganzheitliche Aspekt im Vordergrund. Bewegung auf der einen Seite und der psychische Gedanke auf der anderen. „Wir, die die Touren führen, haben ein Gespür für Menschen, sind keine Fachexperten, sondern wollen uns auf Augenhöhe austauschen“, betont Kerns. Ihrer Meinung nach hätten die Menschen die Leichtigkeit verloren, durch das Sprechlaufwandern komme diese zurück. „Es ist ein niedrigschwelliges Angebot, auch für Städter“, sagt sie. Dadurch, dass die Wanderwege in der Natur verlaufen, sorge das gleich für ein besseres Gefühl. Wie in Bassum etwa: Durch den ÖPNV ist man schnell aus Bremen in der Lindenstadt und kann mit Reinhild Olma loswandern. Gerade der Einstieg sei ganz einfach, immerhin brauche man nur seine Beine. „Es ist gelenkschonend und kann helfen, sich zu bewegen“, erzählt Claudia Kerns unter anderem davon, dass Teilnehmer sagten, die Termine hätten ihnen Struktur gegeben in einer Zeit, in der vieles ausfällt.

Kostenlos ist das Angebot indes nicht. Derzeit zahlen die Teilnehmer noch unterschiedliche Gebühren für das Sprechlaufwandern (nachzulesen auf der Internetseite: www.sprechlaufwandern.de). Das Ziel von Kerns und ihren acht Mitstreitern ist es, dass auch Krankenkassen das Angebot aufnehmen und es etwa als Pilotprojekt fördern. „Das Angebot gab es bislang noch nicht. Wir suchen noch nach Partnern“, berichtet Kerns.

„Einfach raus“

Bassum soll erst einmal als Start dienen, wünschenswert wäre ein Rundwanderweg durch Bremens Umgebung. „Wir wollen ja Etappen schaffen“, kündigt sie an. So gebe es viele Möglichkeiten, flexibel an einer teilzunehmen. Olma freut sich auf ihre erste Tour. Die nächste findet dann am 8. Mai statt und führt über den zweiten Teil der Apfelroute. Olma hofft, dass bald auch wieder Touren in Gruppen möglich sind: „Man kommt einfach raus.“

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