Aufgrund niedriger Wassertemperaturen können sich viele eingeschleppte Lebewesen nicht behaupten

Wie fremde Arten in die Nordsee kommen

Ob Handel oder Tourismus: Grenzen gibt es dafür kaum noch. Moderne Verkehrsmittel wie Flugzeuge oder schnelle Schiffe machen es möglich, in relativ kurzer Zeit in weit entfernte Gebiete zu gelangen. Dies hat auch die Ausbreitung von Tieren und Pflanzen gefördert. Sogenannte invasive Arten gibt es auch in der Nordsee. In anderen Meeresgebieten ist die Bioinvasion allerdings weitaus stärker ausgeprägt, wie eine neue Studie zeigt.
07.05.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie fremde Arten in die Nordsee kommen
Von Jürgen Wendler
Wie fremde Arten in die Nordsee kommen

Mit der Ausbreitung der Pazifischen Auster in der Nordsee haben sich für zahlreiche Tiere die Lebensbedingungen grundlegend verändert.

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Ob Handel oder Tourismus: Grenzen gibt es dafür kaum noch. Moderne Verkehrsmittel wie Flugzeuge oder schnelle Schiffe machen es möglich, in relativ kurzer Zeit in weit entfernte Gebiete zu gelangen. Dies hat auch die Ausbreitung von Tieren und Pflanzen gefördert. Sogenannte invasive Arten gibt es auch in der Nordsee. In anderen Meeresgebieten ist die Bioinvasion allerdings weitaus stärker ausgeprägt, wie eine neue Studie zeigt.

Oldenburg. Tiere und Pflanzen können sich an den Rumpf eines Frachtschiffs heften oder auch in dessen Ballastwassertanks gelangen. Werden die Tanks nach einer Reise ausgepumpt, landen die Lebewesen, darunter zum Beispiel Larven, wieder im Meer. Viele Arten schaffen es, sich auch im neuen Lebensraum zu behaupten und auszubreiten. Die Zahl der Arten, die bislang auf diese Weise in die Nordsee eingeschleppt worden sind, geben Fachleute mit mehr als 200 an. Meist gliederten sich solche Arten ins Ökosystem ein, ohne größere Schäden anzurichten, erklärt der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).

Ein Beispiel für eine eingeschleppte Art ist der Japanische Beerentang, eine aus pazifischen Gewässern stammende Alge. Wie das Alfred-Wegener-Institut erklärt, setzt sie sich mithilfe einer Haftscheibe auf harten Unterlagen am Meeresboden fest. Dort könne sie innerhalb eines Sommers bis zu einer Länge von vier Metern wachsen. Nach Darstellung des Instituts bietet die Alge einen Lebensraum für andere Arten. Heimische Heringe profitierten vom Beerentang, weil sie ihre Eier an die Alge kleben könnten.

Der Japanische Beerentang ist seit den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts im Wattenmeer verbreitet. Andere Arten aus anderen Teilen der Erde sind schon sehr viel früher in der Nordsee aufgetaucht, so zum Beispiel der Schiffsbohrwurm, eine Muschel mit länglichem Körper. Er richtete bereits im 18. Jahrhundert an holländischen Deichen mit ihren Palisaden Schäden an und ist damit ein Beispiel für eine Art, die große Probleme verursachen kann.

Ein anderes häufig genanntes Beispiel ist die Pazifische Auster. Wie das Alfred-Wegener-Institut erläutert, wurde sie allerdings nicht versehentlich eingeschleppt, sondern gezielt kultiviert. Von Austernfarmen in den Niederlanden und bei Sylt seien Larven durchs Wattenmeer getrieben, hätten sich auf Miesmuscheln festgesetzt und Muschelbänke in Austernriffe verwandelt. Betroffen seien davon Vögel wie die Eiderente, die zwar Muscheln fräßen, nicht aber Austern. Dass die Verbreitung der Pazifischen Austern nicht nur negative Seiten hat, zeigt den Institutsangaben zufolge die Tatsache, dass auf den Austern Algen wachsen, die Kleintieren und Fischen einen Lebensraum bieten.

Geringe Überlebenschance

Trotz des großen Verkehrsaufkommens kommt es vergleichsweise selten vor, dass Arten aus anderen Gebieten in der Nordsee heimisch werden. Nach Angaben von Wissenschaftlern der Universität Oldenburg hängt dies damit zusammen, dass gebietsfremde Arten aufgrund der niedrigen Wassertemperaturen eine geringe Überlebenschance haben. Nur die nordamerikanische Ostküste weise ähnliche Lebensbedingungen wie die Nordsee auf. Entsprechend hoch sei die Wahrscheinlichkeit, dass sich von dort stammende Arten in der Nordsee ausbreiten könnten.

Die beiden Oldenburger Forscher Hanno Seebens und Bernd Blasius haben jetzt gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael T. Gastner von der Universität Bristol in der Fachzeitschrift "Ecology Letters" eine Studie veröffentlicht, die zeigt, wie sich der zunehmende Güterverkehr auf die Bioinvasion auswirken könnte. Für ihr Vorhersagemodell haben die Wissenschaftler fast drei Millionen Schiffsbewegungen in zwei Jahren analysiert und die Wahrscheinlichkeit berechnet, mit der eine Art eine Reise überlebt und sich in der neuen Umgebung behaupten kann. Dabei wurden Wassertemperaturen und geografische Besonderheiten ebenso berücksichtigt wie Merkmale der eingesetzten Schiffe.

Eine besonders große Rolle kann die Bioinvasion den Simulationen zufolge in großen asiatischen Häfen wie Singapur oder Hongkong und in amerikanischen Häfen wie New York oder Long Beach spielen. Wie die Forscher betonen, werden in einigen Regionen – darunter die nordamerikanische Chesapeake Bay und das Mittelmeer – mehrere neue Arten pro Jahr entdeckt. In der südöstlichen Nordsee kann sich hingegen laut Alfred-Wegener-Institut derzeit nur etwa eine fremde Art pro Jahr etablieren.

Dass es durchaus Möglichkeiten gibt, etwas gegen die Bioinvasion zu unternehmen, veranschaulichen die Autoren der neuen Studie mit diesem Hinweis: Durch ständige Reinigung des Ballastwassers mithilfe von Filtern, Chemikalien und UV-Strahlung lasse sich das Risiko der Bioinvasion deutlich verringern.

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