Im Grünen Bereich Wie ich achtsam wurde

Eine Achtsamkeitsglocke im Garten aufzuhängen, hat viel für sich. Skeptisch sollte man werden, wenn der Zustand des totalen Stillhaltens zum Stressfaktor wird...
17.06.2018, 11:30
Lesedauer: 2 Min
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Wie ich achtsam wurde
Von Patricia Brandt

Von dieser Achtsamkeitssache hatte ich noch gar nichts mitbekommen, bis eine Bekannte von ihrer Achtsamkeitsglocke im Garten berichtete. Immer dann, wenn der Gong ertöne, achte sie nun besonders auf den Moment. Sie erinnerte sich an ein Gartenerlebnis, das sie völlig unvorbereitet getroffen hatte. Sie schien noch aufgewühlt, als sie davon erzählte: „Ich hatte diese Kräuterspirale gebaut und mich auf eine Bank gesetzt und dann passierte es irgendwie, dass eine einzelne Haarsträhne in mein Gesicht wehte. Ich saß einfach da und spürte das Haar auf meiner Haut.“

Seit dieser Geschichte gehe auch ich achtsamer durchs Leben. Wenn ich morgens aufstehe, beginne ich mit einem achtsamen Bodyscan auf der Bettkante, ich putze achtsam meine Zähne und verschlinge auch mein Mohnbrötchen nicht mehr so wie früher. Ich spüre jedem Bissen nach, fühle, wie das Brötchen am Gaumen klebt und langsam aufweicht, bevor ich es hinunterschlucke. Dann pule ich mit der Zunge noch stundenlang achtsam Mohn aus den Zahnzwischenräumen.

Wenn ich in die Stadt fahre, nehme ich den Stau jetzt ganz anders wahr: Ich genieße den Zustand des totalen Stillhaltens. Nach Feierabend gieße ich achtsam die Geranien auf der Terrasse. Und wenn ich vorsichtig eine vertrocknete Blüte abzupfe, notiere ich das in meinem Achtsamkeits-Tagebuch.

Es fällt mir nicht leicht, immer geistig völlig auf der Höhe zu sein und zum Beispiel achtsam um jede Ameise auf der Terrasse herumzufegen. Damit ich nicht vergesse, achtsam zu sein, habe ich mir eine Achtsamkeits-App auf mein Smartphone geladen. Wie in einem Kloster bimmelt nun in Abständen die Achtsamkeitsglocke, um mich ins Hier und Jetzt zurückzuführen. Wenn‘s gongt, halte ich inne, erkenne, was ich tue, atme bewusst ein und aus und lächele.

Die App funktioniert ganz gut. Sie half mir erst kürzlich dabei, den Augenblick beim Elternabend auszukosten, als 21 Augenpaare auf mir ruhten, weil in meiner Hosentasche der Achtsamkeits-Gong ertönte. Der Gong sorgte aber auch für Irritationen: Einige Eltern standen lächelnd auf, weil sie dachten, der Elternabend sei vorbei.

„Lausche, lausche, dieser wunderbare Klang bringt mich zum gegenwärtigen Moment zurück“, soll der buddhistische Mönch Thich Nhat Hanh gesagt haben. Meine Bekannte meinte, ich könne mir für das Achtsamkeits-Training auch eine andere Achtsamkeitsglocke suchen. Es müsse nur ein bestimmter Ton sein, der regelmäßig wiederkehrt und einen daran erinnert, dass man den gegenwärtigen Moment bewusst wahrnimmt: „Auch das Telefon kann deine Achtsamkeitsglocke sein.“ Seit dem Elternabend spiele ich mit dem Gedanken, Silvesterraketen zu nehmen.

Bis zum Jahreswechsel spüre ich dann nach, wie es sich anfühlt, achtlos zu sein. Gerade ging ich an den Rhododendren vorbei, ohne die verwelkten Blüten auszubrechen. Ich reflektiere, wie sich das auf mein Wohlbefinden auswirkt. Ich halte inne, atme tief ein und aus und lächele.

Info

Zur Sache

Martin Renz von der Stadtbibliothek Bremen empfiehlt:

Diese „Achtsamkeitssache“ ist nicht erst seit gestern total im Trend. Wer keine entsprechende App installieren möchte – schließlich gehört ja auch Verzicht dazu, nicht zuletzt auf Digitales – findet mit Büchern und CDs von besagtem Thich Nhat Hanh oder auch Jon Kabat-Zinn einen guten Einstieg. Ohnehin ist gerade so allerlei total im Trend, was „irgendwie etwas mit bewusster Leben oder so“ zu tun hat. Sehr sympathisch aufgefallen war mir zuletzt zum Beispiel „Die Mindhack-Methode“ von Bloggerin Ronja Schultz (Stuttgart: Frech 2018): Flott geschrieben mit vielen kurzen, knackigen und auch ohne Glöckchen leicht umsetzbaren Tipps, natürlich auch zum Thema Achtsamkeit, aber ebenso zu Feldern wie Motivation, Geld, Beziehungen und Gesundheit.

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