Blick auf die Ostfriesischen Inseln

Wie Insulaner um ihre Existenz kämpfen

Das Coronavirus sorgt dafür, dass das öffentliche Leben in Deutschland nahezu komplett ruht. Weil keine Urlauber auf die Ostfriesischen Inseln kommen dürfen, beginnt für viele Insulaner der Existenzkampf.
25.03.2020, 08:51
Lesedauer: 4 Min
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Wie Insulaner um ihre Existenz kämpfen
Von Marc Hagedorn
Wie Insulaner um ihre Existenz kämpfen

Derk Rose ist Zweiradmechaniker und verleiht in seinem Inselradgeber Fahrräder.

privat

Kistenweise hat Steffi Schwips die neue Frühjahrskollektion in ihren Laden geliefert bekommen. Pullover, T-Shirts, Blusen, Topps und Hosen. „Freundliche, helle und frische Farben, die Lebensfreude vermitteln“, sagt sie, „da kriegt man richtig Lust, die Schaufenster zu dekorieren.“ Doch mit der Lebensfreude ist das in Zeiten von Corona so eine Sache. Und Zeitdruck mit der Deko muss sich die Geschäftsfrau auch nicht machen, denn allzu viele Kunden werden in den nächsten Wochen ihren Laden „Ena Moden“ an der Strandstraße nicht besuchen. Alle Gäste sind seit Sonntag aus Juist abgereist. Das Coronavirus sorgt dafür, dass mindestens bis zum 18. April alle deutschen Inseln urlauberfrei bleiben.

Eigentlich sollte jetzt das Leben brummen auf den deutschen Inseln. Die Osterferien beginnen in den nächsten Tagen. Die sieben ostfriesischen Inseln waren restlos ausgebucht. Und jetzt? Nichts mehr, null. „Unheimlich“, sagt Derk Rose, „die Straßen sind menschenleer, wie ausgestorben.“ Ein bisschen wie auf einer Geisterinsel. Der Zweiradmechaniker betreibt den Fahrradverleih „Inselradgeber“ auf Juist. 120 Räder hat er im Angebot, die in den Osterferien sonst allesamt vermietet sind. Diesmal stehen sie unberührt in Reih und Glied in seiner Garage.

Steffi Schwips betreibt das Geschäft Ena-Moden auf Juist.

Steffi Schwips betreibt das Geschäft Ena-Moden auf Juist.

Foto: privat

Enormer wirtschaftlicher Schaden

Das Coronavirus sorgt dafür, dass das öffentliche Leben in Deutschland nahezu komplett ruht. Die ostfriesischen Inseln trifft es ganz besonders hart. „Bis Mitte Oktober haben wir Zeit, Geld zu verdienen“, sagt Rose, der neben dem Fahrradverleih auch noch ein Restaurant und ein Hotel betreibt. 17 Zimmer, elf Appartements, alle waren bis nach Ostern vermietet. Jetzt fällt das Ostergeschäft komplett weg, „danach sind die Konten wie leer geplündert“, befürchtet er.

Sieben Mitarbeiter beschäftigt Rose, viel zu tun haben sie zurzeit nicht. Er lässt sie trotzdem weiterhin bei sich wohnen und essen und zahlt ein Gehalt. Normalerweise stellt er um diese Zeit auch noch fünf Saisonkräfte ein, aber auf die kann er diesmal verzichten. Der wirtschaftliche Schaden, der für die Insulaner jetzt entsteht, ist enorm und noch nicht seriös abzuschätzen. Klar ist nur, dass die Einbußen der nächsten Wochen beispiellos sein werden. Juist fehlen bis auf Weiteres 6000 Übernachtungsgäste täglich, auf Wangerooge sind es fast 10 000 jeden Tag, auf Norderney sogar an die 30 000. Dazu fehlen wochenlang von montags bis sonntags Zehntausende Tagesgäste.

Viele Insulaner kämpfen um ihre Existenz. „Es herrscht gerade ein Zustand zwischen lebender Ohnmacht und verhaltenem Optimismus“, sagt Steffi Schwips. Viele Inselbewohner haben ihre Stimmungslage jetzt in einem Video dokumentiert, das auf Facebook und Youtube fleißig geschaut und geteilt wird. Die Bewohner haben beschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Leute müssen irgendwann wiederkommen

„Jetzt heißt es für uns Insulaner, zusammenzustehen“, sagt etwa Bäckermeister Peter Müller aus Borkum in dem Film. „Ein freundliches Moin aus der Neuen Apotheke Borkum“, sendet Inhaberin Julie Behr. Und eine Mitarbeiterin der Bäckerei Remmers auf Juist verspricht: „Wir halten für euch die Stellung. Wir halten unsere Herzen und Türen für euch geöffnet für die Zeit nach Corona.“ Auch Michel Baumeister ist darauf angewiesen, dass es irgendwann wieder losgeht. Er lebt zwar nicht auf einer der Inseln, sondern in Wuppertal. Aber ihn trifft der Einbruch durch Corona ebenfalls hart. Baumeister betreibt im Bergischen die Wohn- und Ferienvermittlung WFV. 700 Wohnungen hat er im Angebot, 50 000 Gäste vermittelt er im Jahr nach Juist, Borkum, Wangerooge oder an die Ostsee nach Rügen. Er beschäftigt 100 Mitarbeiter, gut zur Hälfte Festangestellte. Dazu kommen Saisonarbeiter auf den Inseln, Hausmeister und Putzkräfte. „Volle Kosten, keine Einnahmen“, sagt Baumeister. Er hat schon Kurzarbeit angemeldet. Alle paar Minuten rufen seit Tagen Gäste bei Baumeister an und wollen ihren Urlaub stornieren. Seine Mitarbeiter reden den Kunden dann gut zu und versuchen, sie dazu zu bringen, umzubuchen statt abzusagen. „Vielleicht in den Herbst, vielleicht ins nächste Jahr“, sagt Baumeister, „wichtig ist, dass die Leute irgendwann wiederkommen.“ Er hat das Video initiiert, um ein Zeichen zu setzen: Es muss weitergehen. Während Juist, Borkum und Wangerooge schon urlauberfrei sind, haben die Gäste auf Spiekeroog und Langeoog bis zu diesem Mittwoch Zeit, um abzureisen. Danach fahren die Fähren nur, um Menschen zu befördern, die den täglichen Bedarf und die Grundversorgung auf den Inseln sicherstellen. Handwerker und Bauarbeiter gehören nicht dazu, obwohl sie eigentlich noch gut zu tun hätten auf dem Wasser. Die Insulaner selbst dürfen nur aus triftigen Gründen Richtung Festland übersetzen.

Steffi Schwips sagt, dass sie im Moment noch einiges um die Ohren habe. Anträge stellen, Betriebspläne für die nächsten Wochen durchspielen, und vielleicht kauft auch noch der eine oder andere der 1700 Mit-Insulaner ein. Außerdem steht sie mit einer Online-Plattform in Kontakt, um zu sehen, ob ihr das Internet beim Verkaufen vielleicht irgendwie ein Hilfe sein kann. Fahrradverleiher und Hotelier Derk Rose bringt derweil den Garten auf Vordermann, spielt mit seinen Kindern und kümmert sich um das, was liegen geblieben ist. Michel Baumeister schließlich sagt, dass er auf den Herbst und Winter hoffe. „Wenn Corona vorbei ist“, sagt er, „brauchen wir alle Urlaub. Und den macht man dann am besten in Deutschland.“

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