Zahlen steigen weiter an Wie Kinder von Landwirten zu Mobbingopfern werden

Kinder von Landwirten haben es in der Schule oft nicht leicht. Immer wieder werden sie zum Ziel von Mobbing. Schuld daran sind häufig auch fehlende und einseitige Informationen.
15.01.2019, 22:12
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Wie Kinder von Landwirten zu Mobbingopfern werden
Von Marc Hagedorn

Birte Petersen möchte nur unter einer Bedingung über dieses Thema sprechen: dass ihr richtiger Name nicht in der Zeitung erscheint. Sie befürchtet sonst Nachteile für sich und ihre Kinder. Denn zum Thema, über das sie schließlich unter geändertem Namen mit dem WESER-KURIER redet, schweigt die Mehrheit lieber. Birte Petersen bewirtschaftet einen Hof in Ostfriesland, und ihre Kinder sind Opfer von Mobbing geworden. Weil Mutter und Vater Landwirte sind.

Es ging los in der fünften Klasse. Im Fach Erdkunde stand Landwirtschaft auf dem Lehrplan. Die Lehrerin führte in die Thematik ein, die Schüler machten in Zweiergruppen Referate. Eine Gruppe trug ihre Ergebnisse über Tierhaltung vor und zeigte der Klasse Videos aus Ställen. „Horror-Videos“ nennt Petersen die Filme, die die Schüler im Internet bei Youtube heruntergeladen hatten. „Die Mitschüler waren total entsetzt“, sagt sie, „drei sind sofort Vegetarier geworden.“ Und ihre Tochter war fortan das Ziel von Beleidigungen. „Dummes Bauernkind“ sei sie genannt worden und hätte Sprüche zu hören bekommen wie „Deine Eltern sind Tierquäler“.

Juliane Vees hört solche Geschichten in den vergangenen Jahren immer häufiger. Vees ist Präsidentin des Landfrauenverbandes Württemberg-Hohenzollern und hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema „Mobbing gegen Bauernkinder“ ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen. Vees hat – zunächst in Baden-Württemberg – Landfrauen nach ihren Erfahrungen mit Mobbing befragt. Fast 2200 Antworten hatte sie innerhalb von knapp vier Monaten bis März 2018 erhalten, allein 70 DIN-A-4-Seiten, engbeschrieben, mit Fallschilderungen kommen zusammen. Bald meldeten sich auch Betroffene aus Bayern, wenig später auch immer mehr aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Lesen Sie auch

Die Zahlen sind alarmierend: 50,3 Prozent der Befragten geben an, als Kind einer Bauernfamilie gemobbt worden zu sein. Sogar noch mehr, 75 Prozent, kennen Kinder, die aufgrund ihres landwirtschaftlichen Hintergrundes gemobbt worden sind. Die Täter waren zum Großteil Mitschüler, 90,3 Prozent. Aber gut ein Drittel nennt auch Lehrer und Erzieher. „Da geht es dann um Ideologie“, sagte Birte Petersen, „Bio ist gut, konventionelle Landwirtschaft ist böse – so transportieren manche Lehrer das in ihre Klassen.“ Vees sagt: „In diesem Moment ist ein Bauernkind – ob bewusst oder unbeabsichtigt vom Lehrer – den Mitschülern ausgeliefert.“

Eine Einladung, sich selbst ein Bild von dem Hof zu machen, platzte

Bei der Tochter von Birte Petersen ging es los mit Bauschmerzen und Tränen. Manchmal drehten ihr Mitschüler den Rücken zu, oder Gespräche verstummten, wenn sie den Raum betrat. Eine Einladung an die Mitschüler und den Lehrer, sich vor Ort, also auf dem Hof doch einmal selbst ein Bild zu machen, lehnten mehrere Mitschüler kurz vorher ab, der Termin platzte. „Und weil es heute Social Media gibt und jeder ein Handy hat, hörte das nach Schulschluss auch nicht auf“, sagt Petersen, „das ging am Nachmittag und abends immer weiter.“ Das Gespräch mit der Schulleitung oder dem Lehrer habe man zu spät gesucht, gibt Petersen zu. Ob es etwas gebracht hätte? Laut Umfrage aus Baden-Württemberg stehen die Chance dafür 50 zu 50. Wenn gar nichts mehr geht, hilft unter Umständen nur noch ein Klassen- oder Schulwechsel.

Lesen Sie auch

Juliane Vees hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Verbandsoberen nicht so gerne über das Thema diskutieren. Auch die Betroffenen selbst tun sich schwer, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, weil es, sagt Vees, „so unglaublich schmerzhaft“ sei. Gerade deshalb bleibt sie unermüdlich an dem Thema dran. Sie war erst vor ein paar Tagen an der Landvolkhochschule in Oesede bei Osnabrück zu Gast, um über das Thema zu sprechen. Hinterher, so erzählt sie, seien mehrere Frauen zu ihr gekommen und hätten ihr gesagt, dass sie nun selbst in ihren Landfrauengruppen und Kreisen eine Umfrage starten wollen.

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen teilt auf Anfrage des WESER-KURIER mit, dass das Thema zurzeit keine große Rolle spiele. Der Bauernverband Bremen berichtet, dass es „über zwei Jahre nur vereinzelt im Land Bremen“ aufgetreten sei: „Wir beobachten dieses Thema aber kontinuierlich.“ Für Juliane Vees kann das allenfalls ein Anfang sein.

Sie erzählt an dieser Stelle von dem Auto, das damals, als sie das Thema publik gemacht hatte, jeden Abend vor ihrem Hof parkte. Zwei Personen hätten drin gesessen – und gewartet und gewartet. Sie hat das als unausgesprochene Drohung interpretiert: Wir haben dich im Blick. Sie hat sich nämlich Feinde gemacht mit ihrer Arbeit. Sie versteht nicht, dass manche Lehrer Filme des Vereins Soko Tierschutz oder der Tierrechtsorganisation Peta im Unterricht zeigen, ohne gleichzeitig darüber zu informieren, welche Anstrengungen in der konventionellen Landwirtschaft zum Schutz der Tiere und der Umwelt unternommen würden. Es gibt von Peta den Veggie-Führerschein, den sechs- bis elfjährige Schüler im Unterricht machen können, „schön mit Ausmalbildern und so“, sagt Vees. Sie empfindet das als „unausgewogen und einseitig“.

Lesen Sie auch

„Nicht jammern und meckern“

Einer ihrer Verbündeten ist der Verein IMA in Berlin, IMA steht für Information Medien Agrar. Der Verein durchforstet unter anderem Schulbücher danach, wie das Thema Landwirtschaft dargestellt wird. Vees berichtet von einem Schulbuch mit einer Grafik, die ein Schwein zeigt, dessen Bauch vollgepumpt mit Medikamenten ist. Sie klingt fassungslos, wenn sie davon erzählt.

„Wir wollen nicht jammern und nur meckern“, sagt Vees, „aber wir müssen beim Thema Landwirtschaft eine Sensibilisierung bei Lehrern, Schülern, ja bei allen Menschen erzielen und uns freimachen von Ideologien.“ In ihrem Heimatbundesland Baden-Württemberg sieht sie Fortschritte. An der Schwäbischen Bauernschule Bad Waldsee soll es im März ein zweitägiges Seminar für Betroffene geben. Und sie selbst war vor einiger Zeit zu einem Gespräch bei der Kultusministerin eingeladen. Sie setzt große Hoffnungen in die Hilfe durch die Politik, nimmt aber auch ihren eigenen Berufsstand in die Pflicht. „Wir haben es in der Vergangenheit teilweise versäumt, die veränderte Landwirtschaft zu zeigen“, sagt sie. Das soll sich ändern, Projekte wie „Lernort Bauernhof“ oder Tage der offenen Türen hält sie für den richtigen Weg.

Für die älteste Tochter von Birte Petersen in Ostfriesland ist die Sache am Ende gut ausgegangen, sie hat sich trotz der Anfeindungen dafür entschieden, Landwirtin zu werden. Alles gut ist damit im Hause Petersen aber noch lange nicht. Nachdem im Unterricht kürzlich über Massentierhaltung gesprochen worden war, kam ihre jüngste Tochter traurig nach Hause. Ein Mitschüler hatte sie „dumme Hochleistungskuh“ genannt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+