Trecker-Demo in Bremen

Wie Landwirte aus Syke die Trecker-Demo in Bremen erlebten

Mehrere Tausend Landwirte protestieren am Freitag in Bremen mit ihren Treckern und legen den Verkehr lahm. Unterwegs mit dem Syker Konvoi.
17.01.2020, 17:19
Lesedauer: 3 Min
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Von Niklas Golitschek
Wie Landwirte aus Syke die Trecker-Demo in Bremen erlebten

Alles voll: Die Landwirte aus dem Bremer Umland sorgten mit ihren Treckern in der Hansestadt für Verkehrs-Chaos.

Niklas Golitschek

Ein landläufiges Sprichwort besagt: Will man drei Bauern unter einen Hut bekommen, muss man zwei erschlagen. Wird beispielsweise in Stück Land frei, weckt das oft bei mehreren Parteien Begehrlichkeiten. Doch von Zwist oder Uneinigkeit ist an diesem Freitagmorgen nichts zu spüren. Dieses Mal treten die Landwirte geschlossen auf: Es ist Trecker-Demo.

7 Uhr: Auf dem Hof von Stefan Landsberg in Gessel ist bereits die erste Kaffeemaschine durchgelaufen. Seine Angestellten Daniel Jaentsch und Lennard Thiele sitzen mit am Frühstückstisch, dazu gesellt sich Aushilfskraft Nils Wetjen, der sich für diesen Tag extra von seinem Hauptberuf beim Weyher Bauhof frei genommen hat. Für ihn ist es die erste Demo mit den Landwirten. „Man tut, was man kann“, sagt er. Einige Minuten unterhalten sie sich noch über die langen Protestfahrten nach Hamburg oder Berlin, dann werden die Traktoren und der Unimog erneut für den Trip in die Großstadt gesattelt. Dieses Mal ist Bremen das Ziel für die Demonstration, zu der das Bündnis Land schafft Verbindung aufgerufen hat. Die Landwirte wollen mehr am politischen Prozess beteiligt werden und keine zu strengen Auflagen aufgebürdet bekommen.

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Der kleine Tross bricht jedoch zunächst gen Süden auf – und das ohne Chef Landsberg; der muss später zur Grünen Woche nach Berlin. Treffpunkt für die Syker Landwirte ist auf dem Hof von Holger Prüser in Steimke. Schon auf dem Weg tönt die ein oder andere Hupe durch die Syker Herrlichkeit. „Ich habe verloren wegen der räumlichen Nähe zur B6“, sagt Prüser und schmunzelt. Er wirkt nicht, als wäre er sonderlich begeistert, nun in die Hansestadt aufzubrechen. Zu tun haben die Landwirte schließlich genug auf dem eigenen Hof. Doch auch Prüser will ein Zeichen setzen. „Die Politik entfernt sich von den Arbeitenden“, kritisiert er und drückt damit mehr einen allgemeinen Unmut aus, der über die landwirtschaftlichen Themen hinausgeht: „Es hilft nur, wenn viele teilnehmen.“

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In den Messenger-Gruppen machen derweil erste Fotos und Videos die Runde: Ein Trecker-Konvoi aus den Niederlanden schließt sich den Protesten an und ist bereits bei Leer. Um 8.15 Uhr machen sich auch die Syker auf den Weg, nun sind es schon 15 Trecker. Schon das beschert auf dem Weg über die B6 eine lange Schlange, und so mancher Autofahrer wird ungeduldig. Über Kirchweyhe geht es Richtung Arsten. „So viel Stau ist heute gar nicht, vor mir ist alles frei“, scherzt der Frontmann per Funk, der an diesem Montag in Dauerbetrieb ist. Doch während so mancher Autofahrer ungeduldig hupt, zeigt sich auf den Straßen auch ein anderes Bild: Der Bauarbeiter, der freudig grinst; die Passantin, die zuwinkt; der Radfahrer, der den Daumen hebt.

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An der Dreyer Kreuzung schließt sich der nächste Konvoi an. Jetzt geht nicht mehr viel auf der Landesstraße, und als die Karawane in Habenhausen abfährt, geht nichts mehr. Während in Richtung Erdbeerbrücke Schritttempo schnell erscheint, kommen immer noch Fotos von Konvois aus Seckenhausen oder Huntlosen. Für die Syker Landwirte wird die Fahrt allerdings nicht mehr lange dauern, sie müssen am Weserstadion parken. „Wir wollten eigentlich über Mercedes fahren. Aber da ist alles voll, da wären wir gar nicht durchgekommen“, sagt Prüser. Joch Harries bekommt derweil weitere Fotos von der vollen Martinistraße geschickt: „Wir wären gerne bis zum Pressehaus gefahren“, sagt er. Immerhin: Vom Weserstadion kommen sie gut weg und können später noch eine Ehrenrunde durch Bremen ziehen.

Also zu Fuß zum Marktplatz. Ein „Boxenstopp“, wie die rund 20-köpfige Gruppe scherzt, beim Bäcker, dann weiter durchs Viertel zur Kundgebung. Am Wall ziehen noch weitere Trecker-Gruppen vorbei und die Innenstadt füllt sich allmählich. Trotz ausgelassener Stimmung fühlt sich das für die Gruppe jedoch weniger nach Protest an. „Das ist etwas ernüchternd: Man lässt sich irgendwo hinlotsen und macht, was die von dir wollen“, meint Andreas Stoffregen aus Wachendorf. Ein bisschen mehr Verkehrs-Chaos hätte es sein dürfen, so der Tenor: „Du stehst da und es passiert nichts.“ Bis zur Kundgebung dauert es noch rund eine Stunde. Dennoch sehen die Landwirte positiv, dass so viele protestieren und mehr Beteiligung für ihren Berufsstand einfordern – und die Rückfahrt steht schließlich auch noch an. Wenn es drauf ankommt, lassen sich also auch mehrere Tausend Bauern unter einen Hut bringen.

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