Schulpraktika

Corona erschwert Berufsorientierung

Niedersächsische Schulen müssen aktuell eigenständig entscheiden, ob sie Praktika anbieten. Angesichts der Pandemie ist das keine einfache Entscheidung, denn viele Betriebe bieten keine Plätze an.
22.11.2020, 16:41
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Von Yannik Sammert
Corona erschwert Berufsorientierung

Praktika sollen Schülern helfen, den richtigen Beruf für sich zu finden. Die Schulen dürfen selbst entscheiden, ob sie welche während der Pandemie anbieten.

Franziska Gabbert/DPA

Landkreis Diepholz. Schon der schulische Regelbetrieb gestaltet sich in Zeiten der Corona-Pandemie schwierig. Hinzu kommt eine Herausforderung im Hinblick auf die berufliche Orientierung der Heranwachsenden. Denn niedersächsische Schulen müssen selbst festlegen, ob sie aktuell Praktika anbieten. So sieht es der Leitfaden 2.0 „Schule in Corona-Zeiten“ des niedersächsischen Kultusministeriums vor. „Schulen können vor dem Hintergrund der jeweils aktuellen Infektionszahlen einer Region entscheiden, ob ein Schülerbetriebspraktikum zum jetzigen Zeitpunkt stattfindet“, erklärt die Pressesprecherin der Landesschulbehörde, Bianca Trogisch.

Sie stellt fest: „Einige Branchen nehmen aus verständlichen Gründen zurzeit nicht gern Praktikanten auf.“ Deshalb weist Trogisch auf eine Möglichkeit für den Fall hin, dass sich nicht für alle Jugendlichen Praktika ergeben. „Es bieten sich für die Schulen innerschulische Alternativen an“, sagt sie. Größer angelegte Projekte können zum Beispiel aufschlussreich sein. Für diese hat die Landesschulbehörde Materialien erarbeitet. Überhaupt seien Berater des Amts im Kontakt mit den entsprechenden Beauftragten an den einzelnen Schulen, schildert die Pressesprecherin.

Eigentlich sollten die Neuntklässler der Oberschule Bassum nach den Osterferien im vergangenen Schuljahr ihr dreiwöchiges Betriebspraktikum absolvieren. Doch angesichts der Corona-Pandemie wurde daraus nichts, schildert Julia Michel. Sie ist Konferenzleiterin des Fachs Wirtschaft an der Schule und deshalb auch für die Berufsorientierung zuständig.

Neuer Modus an der OBS in Bassum

Unabhängig von Corona hat die Schule nun die Praktika-Struktur verändert. Ab diesem Schuljahr finden für die neunten Klassen zwei zweiwöchige Praktika statt – das eine unmittelbar nach den Herbstferien und das andere vor den Sommerferien. Auch die Achtklässler absolvieren in der heißen Jahreszeit von nun an ein Orientierungspraktikum. „Wir wollen unseren Schülern mehr Berufserfahrung ermöglichen“, erklärt Michel.

Der erste Praktika-Block hat vor Kurzem stattgefunden und das trotz der angespannten Corona-Situation. „Es ist sehr wichtig, dass die Schüler testen können, ob ein Beruf zu ihnen passt“, erklärt die Schulbedienstete. Generell befürwortet Michel das Vorgehen, dass Schulen selbst entscheiden, wie sie zurzeit die Berufsorientierung handhaben: "Man kann das nicht pauschal sagen.“

Auch der derzeitige zehnte Jahrgang konnte nun freiwillig sein ausgefallenes Praktikum nachholen. „Die Schüler haben sich darüber gefreut, gerade mit dem Wissen, dass es schwierig wird, einen Ausbildungsplatz zu finden. Viele Unternehmen werden im kommenden Jahr andere Prioritäten haben, als Ausbildungen anzubieten“, sagt die Konferenzleiterin. Tatsächlich haben einige Jugendliche durch das Praktikum sogar einen Azubiplatz ergattern können.

Ein Wermutstropfen ist hingegen der Lockdown, der Anfang November nach der ersten Woche des Blocks begonnen hat. Einige Teenager mussten ihr Praktikum abbrechen. Betroffen waren unter anderem Schüler, die in den Gastronomiebereich gegangen waren. Die zweite Woche verbrachten sie deshalb mit der Reflexion der absolvierten Tage. Alternativ konnten sie an „berufsorientierenden Maßnahmen“ der Schule teilnehmen. Etwa 30 Schüler machten von vornherein davon Gebrauch. Denn sie hätten ihr Praktikum gerne in sozialen oder pflegenden Berufen verbracht, aber fanden keine Stelle. Deshalb wurden sie in der Schule betreut. „Wir konnten leider nur Theoretisches anbieten, aber das ist besser als nichts“, betont Michel. Die Jugendlichen absolvierten Tests und konnten so Stärken sowie Schwächen analysieren, beschäftigten sich mit Berufen, die ihnen gefallen, und schrieben probeweise Bewerbungen.

An der Oberschule in Bruchhausen-Vilsen herrscht hingegen eine besondere Situation. Grund dafür ist ein Konzept, von dem Friederike Ladenthien erzählt. Sie organisiert das Projekt an der Schule. Die Rede ist hierbei von „Berufsorientierung am Donnerstag“ (kurz: Bodo). Anstelle eines mehrwöchigen Praktikums in der neunten Klasse, arbeiten die Schüler in dem Jahrgang jeden Donnerstag probeweise beruflich – entweder in Betrieben oder aber schulintern.

Insgesamt gibt es zehn Richtungen: Von Körperpflege über Mediendesign und Gastronomie bis hin zu technischen Einblicken ist vieles dabei. Jeder Bodo-Durchgang geht über sechs Wochen. Am Ende eines Schuljahrs haben die Heranwachsenden in sechs verschiedene Bereiche reingeschnuppert. „Viele Schüler haben nach der achten Klasse keine Idee, was sie beruflich machen wollen. Durch Bodo können sie viele Dinge ausprobieren und kennenlernen“, hebt Ladenthien hervor.

Arbeit nur simulieren

In diesem Schuljahr findet das Ganze jedoch bisher nur in der Schule statt, da die Jugendlichen keine Praktikumsplätze in Unternehmen finden. Dennoch sei die Stimmung bei den Heranwachsenden nicht schlecht. „Denn sie sind bei uns gut aufgehoben.“ So arbeiten die Neuntklässler an den Bodo-Tagen in entsprechenden Werkstätten auf dem Schulgelände. Das Konzept und die damit verbundenen Möglichkeiten erweisen sich während der Pandemie als echter Glücksfall für die Schule. Dennoch betont die Schulbedienstete: „In den Werkstätten können wir Arbeit nur simulieren. In den Unternehmen ist es noch mal etwas anderes.“ Deshalb seien die Schüler sehr gewillt, wieder in die Betriebe zu gehen. Ladenthien hofft, dass es ab dem dritten (ab Mitte Dezember) oder dem vierten (ab Mitte Februar) Bodo-Durchgang in diesem Schuljahr soweit sein könnte.

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